Sonnenstrahlen beleuchten dunklen Mischwald
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Ist das Waldsterben zurück?

Von den emotionalen Debatten der 80er-Jahre über das Waldsterben ist nicht viel geblieben. Dennoch lohnt sich ein Blick zurück, gerade auch angesichts des beschleunigten Klimawandels. Die Waldsterbensdebatte war ein Novum in der Umweltpolitik, das über Bevölkerungsgruppen und Ländergrenzen hinweg beschäftigte. Sie stellte auch den Klimawandel weit in den Schatten, über den schon damals diskutiert wurde. Heute stehen die Vorzeichen umgekehrt.

Paul DrzimallaPaul Drzimalla7 min

Wer diese Bilder Revue passieren lässt, reibt sich vermutlich die Augen: Politiker, die sich mit drastischen Worten öffentlich zum Umweltschutz bekennen, Menschen, die zu Tausenden auf die Strassen gehen, und Wissenschaftler, an deren Lippen die Öffentlichkeit hängt. Wir schreiben nicht das Jahr 2020, sondern den Beginn der 1980er-Jahre. Die Debatte um das Waldsterben trifft die Öffentlichkeit mit voller Wucht, auch in der Schweiz. Fast nebenbei kristallisieren sich dabei viele Bestandteile der modernen Umweltpolitik heraus. Doch von Anfang an.
 

Zeitreise: Der Wald stirbt, auch in der Schweiz

1983 besucht Bundesrat Alphons Egli gemeinsam mit Pressevertretern den Wald bei Zofingen AG. Mit dabei sind Experten des Bundesamts für Forstwesen. Der Befund ist dramatisch: Das Waldsterben habe ein bedrohliches Ausmass angenommen. Auch in der Schweiz sei ein Grossteil der Bäume krank und drohe, zu sterben. Das Waldsterben hat die Schweiz erreicht.

In der damaligen DDR und der Tschechoslowakei liegen grosse Waldflächen brach. Schnell verbreiten sich die Bilder über die Medien. Deutsche Forstwissenschaftler sehen auch in anderen Regionen Schäden: Baumkronen, die sich lichten, Nadeln, die sich verfärben. Vor allem der Fichtenwald gilt als akut bedroht.

Die Prognosen überbieten sich zum Teil in Dramatik. So prophezeit der deutsche Bodenkundler Bernhard Ulrich 1983:

Die ersten grossen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Sie sind nicht mehr zu retten.

Ulrich ist damals einer der profiliertesten Wissenschaftler, die sich zum Waldsterben äussern. Aber mit seiner Prognose ist er nicht allein.

Saurer Regen: Hauptursache des Waldsterbens?

Auf der Suche nach den Ursachen richtet sich der Fokus bald auf die Industrie. In den betroffenen osteuropäischen Ländern befinden sich Braunkohlekraftwerke in unmittelbarer Nähe der Wälder. Ihre Abgase enthalten Schwefeldioxid und Stickoxide, die sich in der Luft anreichern und über Niederschläge in die Böden der angrenzenden Wälder gelangen.

Der Mechanismus geht als «saurer Regen» in die Diskussion ein und wird neben dem Waldsterben zum zweiten Schlagwort der Debatte. Sogenannte «Rauchschäden» am Wald sind zwar in den 1980er-Jahren schon seit langem ein Thema in der Forstwissenschaft. Doch nun erfasst die Diskussion eine breite Öffentlichkeit. Menschen gehen auf die Strasse, nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich reden Medien Mitte der 1980er-Jahre über «le Waldsterben», die Wälder der Vogesen gelten als akut gefährdet. Und 1984 findet in Bern die bis dahin grösste Demonstration der Schweiz statt: Rund 50'000 Menschen versammeln sich auf dem Bundesplatz und demonstrieren. Gegen das Waldsterben und gegen die menschgemachte Luftverschmutzung.

Das Phänomen «Waldsterben» ist also ein Zusammenspiel mehrerer Teile:

  • eine Beobachtung, die zum Befund wird: Bäume, deren Kronen sich lichten, zeigen einen kranken Wald.
  • ein – aus damaliger Sicht – eindeutiger Mechanismus: Abgase, die über sauren Regen in den Wald geraten, erscheinen als plausibler Grund für die Krankheit. Oder allgemeiner: der Mensch.
  • eine bedrohliche Dimension: Nicht einzelne Bäume sind betroffen, sondern der Wald als Ganzes. Die Diskussion dreht sich um ein gesamtes Ökosystem.
  • eine zeitliche Dringlichkeit: Bleiben Gegenmassnahmen aus, so die Prognose, stirbt der Wald.

Die Folgen des Waldsterbens der 80er

Unter dem öffentlichen Druck sieht sich die Politik zum Handeln gezwungen. In einer Sondersession beschliesst der Nationalrat 1985 die Einführung von Katalysatoren in Fahrzeugen. In europäischen Ländern wird bleifreies Benzin eingeführt, ebenso Entschwefelungsanlagen in der Industrie. Nicht alle Massnahmen sind eine direkte Folge der Debatte ums Waldsterben. Bereits 1979 ist mit dem Genfer Luftreinhalteabkommen der UN ein internationales Regelwerk beschlossen worden, auf das sich die Massnahmen stützen. Es tritt 1983 in Kraft, und 50 Staaten, darunter auch die Schweiz, nehmen daran teil.

Das Genfer Abkommen ist Grundlage für mehrere Schadstoffprotokolle, die 1999 schliesslich zum Göteborg-Protokoll zusammengefasst werden. Als «Multikomponentenprotokoll» sieht es die Reduktion von Schwefeldioxid, Stickoxiden, Ammoniak und Feinstaub vor, um unter anderem die Versauerung der Böden zu verhindern.

Während sich die Wissenschaft zunehmend spezialisiert, wandelt sich das Verständnis des Phänomens Waldsterben. Werden anfangs noch grosse Teile des Waldes pauschal für geschädigt erklärt, wird das Bild zunehmend differenzierter. Die Kronenverlichtung nimmt nicht im prognostizierten Ausmass zu, dafür wird die Rolle von natürlichen Schwankungen und von anderen Einflussfaktoren wie Dürre oder bodennahem Ozon sichtbar. Auch wird bekannt, dass nicht alle Böden gleich auf Versauerung reagieren. Der Begriff «Waldsterben» wird ersetzt durch «neuartige Waldschäden».

Viele Menschen werden in den 1980er-Jahren politisch mobilisiert, die grünen Parteien erleben einen enormen Aufschwung. In Deutschland ziehen sie 1983 erstmals in den Bundestag ein. In der Schweiz werden im selben Jahr die ersten nationalen Dachorganisationen der grünen Parteien gegründet. Ein ähnlicher Prozess ist heute mit der Klimajugend zu beobachten, auch wenn diese noch keine politische Organisation im Sinne einer Partei darstellt.

Die Forstwissenschaft professionalisiert sich zunehmend. Daten und Befunde werden in Deutschland seit 1982 als Waldschadensberichte veröffentlicht (später Waldzustandsberichte genannt).

In der Schweiz geben die Sanasilva-Berichte des Instituts für Wald, Schnee und Landschaft WSL zwischen 1983 und 1993 jährlich Auskunft über die Gesundheit des Waldes. Während die Zustandsaufnahme anfangs nur die Dichte der Baumkronen und die Nadelfärbung betrachtet hat, ist das Instrumentarium mit der Zeit erweitert worden. Auch die Bodenzusammensetzung von Blättern und Stämmen, Witterung, Luftqualität, Bodenvegetation, Zuwachs, Blattfall und sichtbare Ozonschäden wurden erfasst. Heute wird zwischen Level-1-Monitoring, das vor allem die Beobachtung von Baumkronen umfasst, und Level-2-Monitoring unterschieden, das den Wald als Ökosystem untersucht.

Waldzustand wird international erforscht

Die Waldzustandsforschung erweitert ihren Blickwinkel auch auf die internationale Ebene. 1985 wird das internationale Koordinationsprogramm Wälder (ICP Forests) ins Leben gerufen, dem 42 Mitglieder des ECE-Raums angehören und das heute die Messungen von knapp 6000 Level-1- und über 600 Level-2-Standorten in Europa, Asien und Nordamerika bündelt.

Waldsterben und Klimawandel – dieselbe Debatte heute wie damals?

2020 ist das Wort wieder da: Waldsterben. Im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um den Klimawandel wird es gerne als Analogie verwendet. Einige halten sowohl Waldsterben als auch Klimawandel für einen künstlich aufgebauschten Schwindel. Andere sehen beides als Beispiele für drängende Umweltprobleme, die es zu lösen gilt. Über den Klimawandel herrscht wissenschaftlicher Konsens, der sich bereits zu Zeiten der Waldsterbensdebatte bildet. Jene wird heute aber anders bewertet als damals. Was ist also dran an diesem Vergleich?

Die Situation heute: Ist das Waldsterben vorbei?

Wer heute durch den Schweizer Wald läuft, erkennt klar: Das grosse Sterben der Wälder ist ausgeblieben. Diese Erkenntnis hat sich schon in den 1990er-Jahren abgezeichnet. Während wissenschaftliche Studien schon länger nicht mehr vom grossflächigen Waldsterben sprechen, werden die Schreckensbilder gerade in deutschen Medien noch deutlich länger weitergereicht. Bis das Thema irgendwann von der Agenda verschwindet, ebenso wie der saure Regen.

Heute gilt es als gesichert, dass die Braunkohlekraftwerke lokale Verursacher von abgestorbenen Waldpartien waren, europaweit ist der Zusammenhang aber nicht eindeutig. Gleichzeitig zeigen die Luftreinhaltemassnahmen eine direkte Wirkung: Der Schadstoffausstoss von Industrie und Fahrzeugen ist bis heute markant zurückgegangen. Nur einzelne Komponenten wie Ammoniak oder Feinstaub sind lokal noch stark vorhanden.

Bleibt die Frage: Wie geht es dem Wald? Antworten geben das Jahrbuch Wald und Holz des Bundesamts für Umwelt oder das 2020 erschienene vierte Landesforstinventar. Das Fazit: Dem Wald in der Schweiz geht es gut, obwohl die Stickstoffeinlagerungen im Boden, die die Nährstoffaufnahme der Wurzeln beeinträchtigen, weiterhin hoch sind. Auch Wildverbiss oder eingeführte Insekten und Pilze sind Schadensquellen, und vor allem eine weitere, komplexere: der Klimawandel.

Eine Bewertung: War das Waldsterben ein Schwindel?

Wenn das grosse Waldsterben in Europa ausgeblieben ist – basierte die ganze Debatte dann auf «Fake News», auf einer bewussten oder unbewussten Täuschung? Die Sekundärforschung zu diesem Thema zieht nur vorsichtige Schlüsse, der Vorwurf eines Schwindels ist so aber klar nicht haltbar.

Einerseits muss in Erinnerung gerufen werden, wie enorm aufgeladen das Thema Wald damals wie heute ist. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz: Während der Wald für viele eine Quelle der Erholung und der Ruhe ist, hat er gerade im Gebirge eine wichtige Schutzfunktion. Vor diesem Hintergrund kann die öffentliche Reaktion auf einen Wald, der in Gefahr ist, eigentlich nicht unemotional ausfallen. Zu stark ist die Symbolik und auch die geografische Unmittelbarkeit.

Bericht einer britischen TV-Station im Schweizerischen Sozialarchiv:
https://www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_9002-2001

Andererseits ist vor allem zu Beginn der Debatte die politische Reaktion vom Handeln unter Unsicherheit geprägt. Obwohl die Saure-Regen-Hypothese schnell zur Hand ist, herrscht auch unter Wissenschaftlern zunächst keine Klarheit über die genauen Wirkungsmechanismen zwischen Abgas und Kronenverlichtung. Wohl auch deshalb ist es für die politischen Akteure sinnvoll gewesen, das umweltpolitische Vorsorgeprinzip walten zu lassen: Den Schadstoffausstoss so stark zu vermindern, wie es ökonomisch tragbar und technisch möglich ist.

Heutzutage herrscht ein gewisser Konsens darüber, dass die nach 1983 ergriffenen Luftreinhaltemassnahmen der Allgemeinheit genutzt haben, auch wenn nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob ohne sie das grossflächige Waldsterben eingetroffen wäre. Ein klassisches Ursache-Wirkungs-Dilemma, das es im Zusammenspiel zwischen Politik, Gesellschaft und Umwelt häufig gibt.

Eine weitere geäusserte Kritik betrifft die Rolle der Wissenschaft, der nachträglich bisweilen vorgeworfen wurde, sie habe vorschnelle Schlüsse gezogen und sich für eine polemische Debatte instrumentalisieren lassen. Auch dies ist bei genauerer Betrachtung nicht haltbar. Schliesslich hat sich die Forschung rund um das Ökosystem Wald immer weiter ausdifferenziert und spezialisiert. Waren am Anfang nur wenige exponierte Wissenschaftler zu hören, sind später auch kritische Stimmen hinzugekommen, die jedoch in der Öffentlichkeit nicht immer wahrgenommen wurden. Die Forst- und Ökosystemforschung hat zwei wichtige Funktionen für die Umweltpolitik übernommen: Konsensbildung und Erarbeitung von Grundlagen. Gerade letztere ist heute wieder wichtig , um die Folgen des Klimawandels einzuschätzen (s.u.).

Das Waldsterben im Vergleich zur Klimakrise

Damals wie heute nimmt ein Umweltthema grossen Raum in der öffentlichen Debatte ein. Beide sind zudem ein umweltpolitischer Kristallisationspunkt. Doch es gibt Unterschiede:

  • Ein wissenschaftlicher Konsens existiert bezüglich Klimawandel und seinen Ursachen schon länger, heute sehen wir die Prognosen des ersten IPCC-Berichts von 1990 bestätigt. Die Forschung ist seit Jahren international vernetzt. Anders bei der Waldsterbensdebatte, die von einem aussergewöhnlichen Entwicklungs- und Lernprozess der Wissenschaft begleitet war.
  • Der Klimawandel wurde von Beginn weg international debattiert, während sich das Waldsterben vom lokalen zum nationalen und supranationalen Thema entwickelt hat.
  • Ebenfalls fehlt der Klimadebatte ein ähnlich konkretes, und auch geografisch naheliegendes Symbol wie der Wald. Auch wenn Gletscher und Extremwetterereignisse die Auswirkungen der Klimaerwärmung inzwischen erahnen lassen, ist die gleiche emotionale Betroffenheit– noch – nicht in der breiten Schweizer Bevölkerung spürbar.
  • Bei der Klimapolitik kann nicht mehr vom Handeln unter Unsicherheit geredet werden. So klar wie die Zusammenhänge zwischen Treibhausgasemissionen und Erderwärmung sind, so sicher ist auch, dass wir uns nicht vor einem Problem befinden, sondern mittendrin. Neben dem Vorsorgeprinzip sind deshalb längst auch Adaptationsstrategien Teil der wissenschaftlichen und politischen Debatte um den Klimawandel.

Bringt der Klimawandel das Waldsterben zurück?

Grosse Teile des Schweizer Waldes gelten als gesund, und seine Fläche nimmt vor allem in den Bergen zu – ein Bild, das sich in den gesamten Alpen abzeichnet. Und doch ist der Wald auch bei uns nach wie vor unter Druck, vor allem durch den Klimawandel. Schadorganismen können sich in einem wärmeren Klima besser ausbreiten, längere Dürreperioden und Stürme, die in Zukunft mit grosser Wahrscheinlichkeit häufiger werden, setzen einige Arten wie Buchen und Fichten besonders unter Stress. Wie gut der Wald damit umgehen kann, hängt vor allem davon ab, ob er eine gesunde Durchmischung behält und klimarobuste heimische Baumarten geschützt und gefördert werden können.

Satelliten-Aufnahme von 2000
Satelliten-Aufnahme von 2019
Regenwald-Abholzung im Jahr 2019 im Vergleich zum Jahr 2000: Wir haben zwei Nasa-Satellitenbilder übereinandergelegt.

Weltweit ist die Situation jedoch deutlich dramatischer: Gerade in Südamerika, in Afrika und in Teilen Asiens ist der Wald existenziell bedroht. Dort ist für einmal der Mensch ganz klar identifizierbarer Grund des «Waldsterbens». Durch grossflächige Rodungen, die Platz für Siedlungen oder landwirtschaftliche Monokulturprojekte schaffen sollen, geht Wald unwiederbringlich verloren. Und mit ihm eine wichtige CO2-Senke, die bei der Bekämpfung der Erderwärmung dringend nötig wäre.

Der Schutz der Wälder ist heute also aktueller denn je. Denn wenn von der Waldsterbensdebatte etwas geblieben ist, dann die Erkenntnis, dass der Wald ein komplexes aber eben auch ein fragiles Ökosystem ist und dass er sich auch an den Klimawandel anpassen kann. Wenn man ihn lässt.

Paul Drzimalla ist Texter/Konzepter und Redaktor bei Eicon. Er schreibt unter anderem über Energie- und Nachhaltigkeitsthemen.

Quellen Teil 1: Zeitreise

Quellen Teil 2: Waldsterben und Klimawandel