Windkraftanlage neben Staumauer
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Windenergie in der Schweiz: Ausbau-Flaute bald vorbei?

Windkraftanlagen decken aktuell nur 0,2 Prozent des Strombedarfs in der Schweiz. Können neue, spektakuläre Projekte wie am Gotthardpass das Image verbessern und mehr Akzeptanz schaffen? Lange Genehmigungsprozesse bremsen bisher den Ausbau. Eigentlich ist Windenergie eine sinnvolle Ergänzung zu Strom aus Wasserkraft und Photovoltaik – andere Länder machen es vor.

Thomas ElmigerThomas Elmiger5 min

Fünf neue Windräder rotieren auf dem Gotthardpass. Die Leistungsfähigkeit der Schweizer Windkraft steigt mit ihrer Inbetriebnahme im Oktober und November 2020 um gut 15 Prozent. Und während der Pass nun für den Winter gesperrt ist, gehen die Windräder in ihre produktivste Phase: Weil es stärker bläst als im Sommer, ist der Stromertrag etwa doppelt so hoch. Das ist ein willkommener Beitrag im Schweizer Strommix für die Winterzeit. Denn im Winter steigt der Stromverbrauch, während mit Sonnenenergie und Wasserkraft weniger erzeugt werden kann.
 

Windpark Gotthard: 18 Jahre bis zur Umsetzung

Der Windpark San Gottardo wurde in zwei Sommern gebaut: Die Firmen waren dafür auf die Zeit angewiesen, in der die Passstrasse geöffnet war. Im Sommer 2021 werden noch Arbeiten am Aussengelände stattfinden. Der Bauphase vorangegangen war jedoch ein Planungs- und Genehmigungsprozess von 16 Jahren. Und die Umsetzung musste zentimetergenau vorbereitet werden: Mit normalen Transportfahrzeugen liessen die 44 Meter langen Rotorblätter des Modells Enercon E92 nämlich nicht auf dem Pass anliefern. Sie wurden zunächst durch den Gotthardtunnel nach Airolo gebracht. Von dort wurden sie auf einem Spezialanhänger, auf dem die Lage des Blattes nach Bedarf verändert werden konnte, durch Haarnadelkurven und Tunnel hinauf gefahren.

Windkraft: Vorteile überwiegen, Probleme sind lösbar

In vielen europäischen Ländern wird inzwischen über Windenergieanlagen gestritten. Auch in der Schweiz werden emotionale Debatten über Windkraftprojekte geführt. Manche finden, sie würden die Landschaft verschandeln, andere argumentieren mit ihrer tödlichen Wirkung auf Vögel und Fledermäuse, und einige halten die Produktion nicht für zuverlässig. Das Projekt auf dem Gotthard erhielt letztlich die Genehmigung, weil an diesem Standort viele günstige Faktoren zusammenkommen: Das Windpotential ist gross, besonders im Winter. Eine Strasse dorthin – der Pass – ist schon vorhanden, damit hält sich der Eingriff in die Natur in Grenzen. Der erzeugte Strom kann über ein schon vorhandenes Netz transportiert werden, denn in der Nähe befinden sich Wasserkraftwerke. Als erster Windpark in der Schweiz kann die Anlage am Gotthard ausserdem mithilfe eines Radars Vögel und Fledermäuse entdecken und die Rotoren in dieser Zeit so einstellen, dass möglichst wenig Unfälle geschehen. Im Zuge des Projektes wurden auch einige Freileitungen in die Erde verlegt und Ausgleichsmassnahmen durchgeführt.

15 % mehr Windenergie für die Schweiz

Die fünf Windkraftanlagen auf dem Gotthard haben jeweils eine Nennleistung von 2350 Kilowatt. Es wird erwartet, dass sie 16 bis 20 Gigawattstunden Strom im Jahr produzieren, was für etwa 4000 Haushalte reicht – die gesamte Leventina kann damit versorgt werden. Eigentümer des Windparks ist die Gesellschaft Parco eolico del San Gottardo SA (PESG). Sie gehört zu 70 Prozent der Azienda elettrica Ticinese (AET), zu 25 Prozent den Services industriels de Genève (SIG) und zu 5 Prozent der Gemeinde Airolo. Insgesamt werden dort rund 32 Millionen Schweizer Franken investiert.

Mit den fünf neuen Windrädern auf dem Gotthard steigt die installierte Leistung Schweizer Windkraftwerke um 11,75 auf 86,75 Megawatt – ein Plus von gut 15 Prozent. Noch ohne den Neuzugang wurde 2019 mit 146 Gigawattstunden ein neuer Produktionsrekord an Windstrom erreicht. Doch das deckt nicht einmal 0,3 Prozent des gesamten Schweizer Strombedarfs. In der Vergangenheit hatte der Ausbau der Windkraft im Land keine Priorität – man verliess sich auf den bewährten Mix von Wasserkraft und Kernkraft mit etwas Photovoltaik. Diese Formen erzeugen auch nur wenig Kohlendioxid.

Ziel bis 2050: Windenergieanteil von mindestens 7 %

Das Unglück von Fukushima 2011 brachte die Risiken der Atomkraft in Erinnerung. Die Energiestrategie 2050 sieht deshalb vor, keine neuen Kernkraftwerke mehr zu bauen, die Energieeffizienz zu steigern und den Windenergieanteil bis 2050 auf sieben bis zehn Prozent oder 4000 Gigawattstunden pro Jahr zu erhöhen. In Österreich beträgt der Windenergieanteil bereits heute 13 Prozent des Gesamtbedarfs.

Die Energiestrategie 2050 sieht vor, den Windenergieanteil bis 2050 auf sieben bis zehn Prozent oder 4 Terawattstunden zu erhöhen.

Ende 2019 wurde das Schweizer Atomkraftwerk Mühleberg vom Netz genommen, dessen Aufrüstung nicht wirtschaftlich gewesen wäre. Eigentlich hätten schweizweit bis 2020 im ersten Ausbauschritt 100 Windenergieanlagen realisiert werden sollen. Mit den neuen auf dem Gotthardpass sind es jedoch erst 42 plus 25 kleinere mit geringer Leistung.

Standorte von Windkraftanlagen in der Schweiz: Markierungen in Lila sind Windparks, dunkelblaue grosse Einzelanlagen und hellblaue kleine Einzelanlagen.

Windenergie-Potential in der Schweiz

Wie viel Potential für Windstrom gibt es in der Schweiz wirklich? Europas Spitzenreiter Dänemark kann ganze 48 Prozent seines Strombedarfs durch Wind decken. Doch viele dieser Anlagen befinden sich offshore oder nahe der Küste, wo der Wind beständig weht. Solche Möglichkeiten hat die Schweiz nicht. Doch das Schweizer Potential, so zeigte der neue Windatlas des Bundesamts für Energie, ist nicht so schlecht, wie es früher schien. So können es einige Standorte durchaus mit der Küste aufnehmen. Für eine sinnvolle Umsetzung eines Projektes müssen allerdings auch noch weitere Faktoren stimmen.

Aus heutiger Sicht ist das Ziel der Anzahl Anlagen der Energiestrategie 2050 zu relativieren: Berücksichtigt man die Ansprüche an Naturschutz, Lärmschutz und die notwendige Akzeptanz, dürften statt 700 eher 400 Windkraftanlagen realistisch sein. Der Verband Suisse Eole beziffert das Potenzial in einer Neubeurteilung (PDF) trotzdem auf 9 Terawattstunden pro Jahr, davon 6 TWh im Winter, unter anderem dank immer leistungsfähigerer Technik.

Schwer zugängliche Gebiete im Hochgebirge fallen sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus Naturschutzgründen aus. Pässe wie der Gotthard sind deshalb sehr gut geeignet: Sie sind windig, weil sich dort die Luftmassen drängen, und sie sind zugänglich. Bereits seit 2016 steht am Nufenenpass auf 2500 Metern der höchste Windpark Europas. Drei der vier Anlagen sind vom selben Typ wie auf dem Gotthard. Der Windpark Gries liefert seit der Inbetriebnahme 5 bis 8 Gigawattstunden jährlich. Windenergieanlagen, die in solchen Regionen aufgestellt werden, müssen allerdings speziell an das harte Klima angepasst sein. So werden die Rotoren auf dem Gotthard beispielsweise beheizt, damit sie nicht vereisen. Es muss auch berücksichtigt werden, dass sie im Winter für Reparaturen schwer zugänglich sind. Es ist deshalb sinnvoll, auf bereits gut erprobte, technisch ausgereifte Modelle zu setzen.

Für die Nutzung von Windenergie geeignete Gebiete gemäss Windatlas Schweiz.

Schafft die Windkraft jetzt die Wende?

Die Schweizer Gesetze schreiben ein Genehmigungsverfahren vor, bei dem alle Interessen abgewogen werden müssen – nicht zuletzt betreffend Natur- und Vogelschutz. Zurzeit befinden sich 300 Projekte in Genehmigungs- oder Gerichtsverfahren. Im Fall des Gotthard-Projektes dauerte es 18 Jahre von der ersten Planung bis zur ersten Kilowattstunde. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Ziel von 100 Windkraftwerken bisher noch nicht erreicht ist. Ein Prozess, der alle Betroffenen einbezieht, ist allerdings wichtig, um Akzeptanz für Projekte zu erhalten und gute Regelungen zu finden.

Windstrom gilt manchen als unzuverlässig, weil der Wind eben nicht immer gleich stark bläst. Die Schweiz mit ihren grossen Speicherkraftwerken hat jedoch beste Möglichkeiten, diese Schwankungen auszugleichen – wie es Länder wie Österreich oder Schweden bereits vormachen. Bewähren sich die Pionierprojekte wie am Nufenenpass und am Gotthard, trägt dies möglicherweise dazu bei, dass Windkraftanlagen zukünftig mehr Akzeptanz finden und Genehmigungsverfahren zügiger verlaufen. Sie könnten dann tatsächlich einen Teil dazu beitragen, abgeschaltete Atomkraftwerke zu ersetzen. Dabei hilft, dass die Anlagen immer besser werden: Mit 2,3 Megawatt-Modellen wie am Gotthardpass würde man noch fast 700 Stück benötigen, um ein Kraftwerk wie Mühleberg zu ersetzen. Doch es gibt bereits Modelle mit einer Leistung von mehr als 3 Megawatt. Und der Wind weht weiterhin gratis.

Thomas Elmiger ist als Digital Projektmanager bei der EKZ-Energieberatung verantwortlich für die Webangebote www.energie-experten.ch und www.energiefranken.ch.