Solaranlagen können auch an Fassaden Strom erzeugen, im Winter sogar vergleichsweise viel. Noch mehr holen so genannte «adaptive» Solarfassaden heraus. Das Interesse an ihnen wächst auch in der Schweiz, wo ein Start-Up wortwörtlich der Sonne folgt.
Aufmerksame Augen konnten die schuppenartige Konstruktion schon am NEST-Gebäude der Empa in Dübendorf entdecken, Studierende der ETH Zürich auch am «Zero Carbon Building Systems Lab». Die Rede ist von «Solskin», dem Produkt von Zurich Soft Robotics, einem Spin-off der ETH Zürich. Solskin hat sich einen Namen gemacht: 2023 hat es einen Watt d’Or des Bundesamts für Energie erhalten, 2024 den Red Dot Design Award und 2025 den Schweizer Solarpreis. Die Aufmerksamkeit ist berechtigt, denn Solskin bringt im wörtlichen Sinn Bewegung in die Photovoltaik. Die rautenförmig angeordneten Solarzellen sind an einem Gitter an der Gebäudefassade befestigt und können sich bewegen. Adaptive Solarfassade nennt sich das und hat das Potenzial, nicht nur das Aussehen von Gebäuden zu verändern, sondern auch, wie diese mit ihrer Umwelt interagieren.
Sonne und Schatten
Die Idee eines beweglichen Solarelements ist dem Team hinter Solskin bereits 2011 gekommen. Dass es bis zum fertigen Produkt eine Weile gedauert hat, liegt auch an dessen Komplexität: Die Solarpanels befinden sich auf sogenannten Aktuatoren, die mittels Druckluft bewegt werden. Wohin, das bestimmt eine intelligente Steuerung. In der Regel folgen die Panels dem Lauf der Sonne. So wird der Solarertrag maximiert und zugleich das Gebäudeinnere beschattet. Dank einer eigens entwickelten KI kann die Fassade aber auch auf Wetterdaten oder das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer reagieren. So stellt sie zum Beispiel die Panels bei Regen zur Reinigung schräg oder abends flach, so dass die Abendsonne sichtbar wird.
In der Regel folgen die Panels dem Lauf der Sonne. So wird der Solarertrag maximiert und zugleich das Gebäudeinnere beschattet.
Was zunächst nach Spielerei klingt, hat gemäss den Herstellern von Solskin handfeste Vorteile. So soll der Solarertrag um bis zu 40 Prozent gegenüber herkömmlichen Solarfassaden gesteigert werden und die Beschattung den Energiebedarf für die Gebäudeklimatisierung um 20 bis 80 Prozent senken – je nach Standort, lokalem Klima, Gebäudetyp und Fassadengestaltung.
Da Solskin vor die Fassade montiert wird, ein geringes Gewicht aufweist und mit den kleinen Modulen flexibel anpassbar ist, eignet sich das Produkt gemäss Hersteller auch für Sanierungen. Und so hat Solskin genügend interessierte Kundinnen und Kunden gefunden, dass das zunächst als ETH-Forschungsprojekt konzipierte Fassadenbauteil als Produkt auf den Markt gebracht wurde. Neben den Pilotprojekten bei ETH und Empa zeigt Solskin inzwischen auch im Wohnbereich, was es kann (siehe Aufklappelement).
Die sorgfältige Integration in der Architektur sorgt auf nachhaltige Weise für eigenen Strom. (Fotos: Bruno Helbling, Chalet Iltios)
Lange Zeit wurde an diesem Haus im Toggenburg – die ehemalige Antriebsstation eines Skilifts – vor allem Energie verbraucht. Der Skilift ist inzwischen stillgelegt und das Haus für eine reine Wohnnutzung umgebaut. Mit Solskin hat nun auch das Vordach, unter dem einst die Liftkabel eine 180-Grad-Drehung machten, eine neue Funktion.
Seit Frühjahr 2025 hängen an der südexponierten Gebäudeöffnung 89 Solskin-Module. Die nur 28,5 Quadratmeter grosse Solaranlage folgt der Sonne über einen grossen Teil ihres Tageslaufs und produziert über 3000 kWh Strom pro Jahr. Damit deckt das Gebäude etwa 30 Prozent des Gesamtenergiebedarfs.
Gleichzeitig verbessert die adaptive Solarfassade die Besonnung des Innenraums und damit das Raumklima. Auch die alpine Ästhetik blieb erhalten, da die restlichen Holzfassaden und das Dach des Gebäudes unverändert sind. Für diese Symbiose aus Tradition und Moderne hat die Solaragentur dem Projekt «Iltios» den Sondersolarpreis 2025 verliehen.
Die ersten Prototypen überzeugten die Forschenden der ETH um Professor Arno Schlueter von der Anwendbarkeit dieser Innovation. Doch würde die innovative Fassade auch an einem realen Gebäude funktionieren? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, wurde «Solskin» an der Fassade der Unit HiLo am NEST der Empa installiert.
Am NEST wurden Betriebsdaten gesammelt und mit den Bedürfnissen der Personen, die im Innern der HiLo-Unit arbeiten, abgeglichen. Das war wichtig, um den Algorithmus zu optimieren, mit dem der Komfortaspekt gesteuert werden kann.
Solskin scheint einem Trend zu folgen, wie eine Nachfrage bei Professor Andreas Luible, Leiter des Kompetenzzentrums Gebäudehülle und Ingenieurbau an der Hochschule Luzern ergibt. Er forscht zu adaptiven Fassaden und meint zum Thema Nachfrage: «In den letzten Jahren hat das Interesse an adaptiven Fassaden zugenommen, da sie das Potenzial haben, den Energieverbrauch von Gebäuden zu reduzieren und das Raumklima zu optimieren.» Insbesondere in Ländern und Regionen mit strengen Energieeffizienzvorschriften und Nachhaltigkeitsanforderungen, so Luible, könnte die Nachfrage nach adaptiven Fassaden weiter steigen.
Hürden und Trends für adaptive PV-Fassaden
Noch gibt es jedoch einige Hürden zu überwinden, damit adaptive Fassaden weitere Verbreitung finden. Hürden bestünden gemäss Andreas Luible in der erwähnten Komplexität. «Damit adaptive Fassadensysteme ihre Wirkung im Gebäude entfalten können, braucht es eine ganzheitliche Planung und Abstimmung mit dem energetischen Konzept des Gebäudes.» Aufgrund des dynamischen Verhaltens dieser Systeme seien viele Planer überfordert und existierende Normen und Vorschriften sind nicht auf diese ausgelegt.
Damit adaptive Fassadensysteme ihre Wirkung entfalten können, braucht es eine ganzheitliche Planung und Abstimmung mit dem energetischen Konzept.
Andreas Luible, Leiter des Kompetenzzentrums Gebäudehülle und Ingenieurbau an der HSLU
Auch die technische Vielschichtigkeit sei bei adaptiven Fassaden nicht zu unterschätzen: «Sie bestehen aus vielen Komponenten und Teilsystemen, die miteinander interagieren müssen. Mit dieser Komplexität steigen die Fehleranfälligkeit, der Aufwand für Material, Wartung und Reinigung und am Ende auch die Investitions- und Betriebskosten.» Bauherren seien oft nicht bereit, das technische und finanzielle Risiko zu tragen.
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Adaptive Fassade sei indes nicht adaptive Fassade, so Luible. Am bekanntesten und schon lange erprobt seien Verschattungssysteme, die sich einfach der Sonnenintensität anpassen. Weitere Inspiration liefere die Natur: «Es gibt adaptive Strategien in der Biologie, die auf Fassaden angewendet werden können.» Dazu zählen die Anpassung der Farbe oder der Lichtdurchlässigkeit, die einen ähnlichen Effekt wie Verschattung hätten. Doch dabei höre es nicht auf, so Luible. «Viele Organismen haben Oberflächenstrukturen, die Schmutz und Schadstoffe abweisen oder sich selbst reinigen. Dieser Effekt wird bei hydrophoben Beschichtungen bereits angewendet. Auch das Prinzip der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit von Organismen kann auf Fassaden angewendet werden, indem Materialien verwendet werden, die sich adaptiv ausdehnen oder zusammenziehen können. Mit dem Prinzip könnte auch strukturellen Beanspruchungen begegnet werden.»
Innovation in Europa, erstes Grossprojekt in der Schweiz
Dass solche Ideen ausprobiert werden, zeigen verschiedene Studien aus Europa. Andreas Luible hat hierzu von 2014 bis 2018 das Europäische Forschungskoordinationsprojekt «Adaptive Facade Network» mit Akteuren aus Industrie und Forschung geleitet. «Das Projekt hat gezeigt, dass in ganz Europa intensiv am Thema adaptiver Gebäudehüllen geforscht wird», fasst er zusammen. Es sei eindrücklich gewesen zu sehen, wie viele innovative Ideen für adaptive Fassaden schon vorhanden sind. «Eine Umsetzung bis hin zum marktreifen und erfolgreichen Produkt ist jedoch ein langer Weg und scheitert oft an den genannten Hemmschwellen.»
Für Solskin geht der Weg weiter. In Winterthur plant die Keller Pressure AG eine neue Produktionsstätte. Deren Südfassade soll über ihre gesamte Fläche mit Solskin-Modulen bestückt werden. Das dürfte auch in den Markt für adaptive Fassaden etwas Bewegung bringen.
Am Neubau des Industriegebäudes wird die Solskin-Fassade montiert. (Foto: Bruno Helbling, KELLER Diamant)
In Winterthur entsteht das neue Produktionsgebäude der Firma Keller, führend in der Druckmesstechnik. Der Bauherr hatte drei zentrale Anforderungen.
einen architektonischen Akzent im Quartier setzen
Architektur, Technologie und Ökologie eindrucksvoll vereinen
attraktive Arbeitsplätze schaffen, die Wohlbefinden und Produktivität fördern
Solskin hat im Entwurf von Strut Architekten wesentlich dazu beigetragen, diese Ziele zu erreichen. Es bildet eine zweite Gebäudehülle von 1250 m² Fläche entlang der 90 Meter langen südlichen Glasfassade. Damit wird die Südfassade optimal genutzt – und mehrere Funktionen in einem System vereint: Stromerzeugung, adaptive Beschattung, Reduktion des Energiebedarfs für die Klimatisierung sowie ein prägnantes visuelles Element. Die Hightechfirma Keller setzt so ein auffälliges Zeichen für Präzision, Innovation und Zukunftsorientierung.
Die Fassade besteht aus 40 vorgefertigten Solskin-Einheiten mit insgesamt 3488 kleinen PV-Modulen. Die Montage pro Einheit dauert nur 45 Minuten. Die Installation, die Anfang November 2025 begann, wird Ende Januar 2026 abgeschlossen sein und im Frühling in Betrieb gehen.
Paul Drzimalla schreibt über Energie- und Nachhaltigkeitsthemen. Bis Juli 2025 war er Texter/Konzepter bei der Kooi AG; alle seither erschienenen Artikel sind freiberuflich entstanden.
Kommentare: Was denken Sie?
Kuno Sutter
Vor 1 Woche
Sehr interessant, Ist schlussendlich eine Preisfrage. Freundliche Grüsse