Die Magnetschwebetechnik soll den Reiseverkehr und den Gütertransport revolutionieren. Forschungsteams aus der Schweiz entwickeln die neue, klimafreundliche Technologie mit. Erprobt wird unter anderem der Bau luftdichter Betonröhren.
Wer eine Reise tut, startet mit der Qual der Wahl: Schnell am Ziel ist das Flugzeug. Die Eisenbahn fährt dagegen langsam und CO2-arm. Deshalb wären Nachtzüge eine klimaschonende Alternative zum innereuropäischen Flugverkehr. Zwar wollten die SBB ab diesem Frühjahr genau damit punkten. Trotzdem kommt die geplante Verbindung nach Malmö nicht zustande. Das Bundesparlament lehnte einen Subventionsantrag für den Euronight-Express ab.
Gesichert ist, dass die Eisenbahn wesentlich klimafreundlicher funktioniert als ein Flugzeug. Eine unabhängige Klimabilanz bestätigt dies auch für die Reise von Bern nach Malmö: Der knapp zweistündige Flug verursacht etwa 300 kg CO2 pro Person. Ein Bahnpassagier ist zwar einen halben Tag unterwegs, aber stösst nur 45 kg CO2 aus.
Die CO₂-Bilanzen im Vergleich für Reisen aus der Schweiz nach Skandinavien mit unterschiedlichen Transportmitteln. Der mit «Auto» gekennzeichnete Wert bezieht sich auf ein benzinbetriebenes Fahrzeug. (Grafik: ESU-Services)
Überlandreise in Schallgeschwindigkeit
Die beste Reisevariante wäre deshalb, das Tempo des Flugzeugs mit der Energieeffizienz der Eisenbahn zu kombinieren. Tatsächlich wird bereits ein Transportsystem erforscht, das den Personen- und Warenverkehr über Land revolutionieren soll. «Hyperloop» heisst das Gefährt der Zukunft: Passagierkapseln oder Container rasen in Schallgeschwindigkeit durch Vakuum-Röhren – reibungslos und ohne den Boden zu berühren. «Der Hyperloop ist ein energieeffizientes, emissionsarmes Transportsystem», bestätigt das Labor für Energiesystem-Analysen am Paul-Scherrer-Institut (PSI). Im Vergleich zu einer Flugreise stösst die Magnetschwebetechnik 20-mal weniger CO2 aus.
Das PSI-Forschungslabor bilanzierte gemeinsam mit der Eurotube Foundation den CO2-Fussabdruck aktueller und zukünftiger Transportsysteme.
Die Ökobilanz ist Teil eines Forschungsauftrags, mit dem das Bundesamt für Verkehr das Potenzial von «Vakuum-Transport-Technologien» untersuchen liess. Der Bund fördert Forschungs- und Innovationsprojekte, die zur Anpassung des öffentlichen Verkehrssystems an die Energiestrategie beitragen können.
«So umweltschonend wie eine Zugfahrt»
Hyperloop-Systeme sind einer Magnetschwebebahn ähnlich und nutzen Antriebe, die für Liftanlagen und Achterbahnen heute schon im Alltagseinsatz stehen. Dabei handelt es sich um Linearmotoren, die an einer Monoschiene angebracht sind und nun Fahrkapseln horizontal vorwärtstreiben sollen. Dazu stossen die Motoren regelmässige Impulse aus, um die Kapsel permanent zu beschleunigen. Gleichzeitig erzeugen sie ein induktives Magnetfeld, worüber dieselbe Fahrkapsel fast schwerelos gleitet. Das Ganze findet in einem geschlossenen System statt: In den Hyperloop-Röhren wird ein Vakuum erzeugt, sodass die Fortbewegung möglichst reibungslos erfolgen kann.
Die meiste Energie benötigt ein Hyperloop-System für die Induktionsmotoren und die Vakuumpumpen.
Die meiste Energie benötigt ein Hyperloop-System aus Schiene, Kapsel und Röhre für die Induktionsmotoren und die Vakuumpumpen. Erste Abschätzungen zeigen, dass der Stromverbrauch – pro Kopf und Kilometer – nicht höher ist als für die Fahrt in einem herkömmlichen Hochgeschwindigkeitszug. «Die neue Transporttechnologie wäre eine nachhaltige Alternative zum Flug- und Strassenverkehr über weite Distanzen», hofft deshalb Steffen Hartmann, Head of Communications der Eurotube Foundation, an deren Forschung sich die ETH und die SBB beteiligen.
Die TU München hat ein fahrbares Hyperloop-Modul in Originalgrösse entwickelt. (Bild: TU München)
Weltweite Forschung – auch in der Schweiz
2013 präsentierte der SpaceX-Mitgründer Elon Musk den «Hyperloop Alpha» und veranstaltete danach jährliche Rennen in Kalifornien auf einer 1,5 km langen Teststrecke. Forschungsgruppen aus der Schweiz waren von Anfang mit dabei. Das ETH-Team «Swissloop», das unter anderem von den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) gesponsert wird, erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von über 250 km/h. Es ist die zweitschnellste Testfahrt weltweit.
Vor sechs Jahren fand der letzte Wettbewerb statt. Musk selbst zog sich inzwischen ganz aus dem Hyperloop-Geschäft zurück. Derweil gelingen der Forschung in der Schweiz und Europa weitere Erfolge. Letzten Herbst gelang dem Konsortium «Swisspod», an dem sich die ETH Lausanne beteiligt, sogar ein Weltrekord im 1:1-Massstab: Auf einer Testfahrt im US-Bundesstaat Colorado wurden 102 km/h gemessen. Das Gefährt und die Röhren sind gross genug, dass Personen darin Platz finden können.
Das ETH-Team «Swissloop» an einem Wettrennen mit ihrer Testkapsel. (Foto: Swissloop)
Puzzlespiel im Miniaturformat
In den meisten Fällen surren bei Hyperloop-Rennen jeweils Miniaturkapseln über kurze Schienen, die kaum länger als 100 m sind und sich an freier Luft befinden. Deren Tempi kommen dem Zukunftsbild jedoch recht nahe. Der aktuelle Rekord liegt bei 463 km/h, erreicht von einem deutschen Team vor sieben Jahren. Solche Tests dienen dazu, die Antriebstechnik zu verfeinern. Denn das radlose Gefährt muss unter anderem durch Ventilatoren im Magnetfeld stabil gehalten werden.
Die Forschung selbst gleicht einem Puzzlespiel: «Viele Einzelteile sind bekannt und erprobt; aber diese zu einem Gesamtsystem zusammenzustellen, braucht Wissen und Zeit», sagt Eurotube-Sprecher Hartmann.
Bau von luftdichten Betonröhren
Die Eurotube Foundation ist ihrerseits daran, das Hyperloop-Puzzle zu vervollständigen. Dazu will sie luftdichte Röhren aus Beton statt Stahl entwickeln. Erprobt wird eine klimaoptimierte Materialrezeptur, die bisher für Ökohäuser verwendet wird. Denn die Hyperloop-Infrastruktur soll möglichst ressourcenschonend erstellt werden können, so Hartmann. Am Innovationspark Dübendorf wird dieses Jahr ein Prototyp im Massstab 1:2 aufgebaut. «Das Know-how stammt unter anderem aus der Eisenbahntechnik und dem Tunnelbau», ergänzt Steffen Hartmann.
Am Innovationspark Dübendorf wird der Bau von luftdichten Betonröhren erprobt. (Foto: Eurotube)
Die EU-Behörde interessiert sich ihrerseits für die klimafreundliche Hyperloop-Technologie. In einer eigenen Studie liess sie das wirtschaftliche Potenzial untersuchen. Die Transportvision wird darin als «saubere, widerstandsfähige Alternative zu Kurzstreckenflügen und überlasteten Überlandstrassen» empfohlen. Vielversprechend sei zudem die Lärmreduktion, weil sich Hyperloop-Züge in geschlossenen Röhren von A nach B bewegen.
China: Testfahrten mit Vibrationen
Kennzeichnend für die Hyperloop-Forschung ist die Präsenz unterschiedlicher Fachdisziplinen: Komponenten für die Antriebs-, Stabilisierungs- und Bremstechnik werden der Luft-, Raumfahrt und Bahntechnik entlehnt. Dementsprechend wirken Studierende aus dem Maschinenbau, der Elektrotechnik und dem Tunnelbau mit. Gemäss dem Eurotube-Sprecher geniesst die Hyperloop-Forschung inzwischen den Ruf einer Talentschmiede.
Am weitesten gediehen sind die Vorhaben in Asien. So präsentierte die China Aerospace Science and Industry Corporation (CASIC) vor Kurzem erste Ergebnisse einer realen Probefahrt: Die Magnetschwebe-Kapseln erreichten – im geschlossenen System – Geschwindigkeiten bis 600 km/h. Allerdings gab es auch Rückschläge: Trotz minimalster geometrischer Abweichungen an der Schiene begann das gleitende Gefährt zu schwingen. Solche Vibrationen seien für Passagiere aber unangenehm und gesundheitsschädigend, fanden die CASIC-Forschenden heraus.
Ein KI-gesteuertes Federungssystem soll die feinen Bewegungen der schwebenden Kapsel ausgleichen. Mit weiteren Probefahrten und zusätzlichen Entwicklungen ist deshalb in der Hyperloop-Forschung zu rechnen.
Europa: Behörde will eine Teststrecke
Mit kommerziellen Schwebebahn-Fahrten rechnen Fachleute in Europa nicht vor 2060. Doch private und öffentliche Investoren bereiten sich schon heute darauf vor. Unter anderem strebt die EU-Behörde den Bau einer europäischen Teststrecke für die «ultraschnelle Personen- und Frachtmobilität» an.
Die Region Venetien ist Mitglied eines Investorenkonsortiums, das den Bau einer Hyperloop-Verbindung zwischen Venedig und Padua vorantreibt. (Bild: Regione Veneto)
Derweil möchte die Stadt Hamburg eine Verbindung bauen, die in rund zehn Jahren als Zusatzattraktion für die Sommerolympiade eingesetzt werden soll. Auch in Norditalien ist ein Konsortium daran, das Hyperloop-System für den schnellen und CO2-armen Transport zwischen Venedig und Padua zu entwickeln. «Tatsächlich könnte es schneller gehen, als viele glauben», teilt die Eurotube Foundation auf ihrer Webseite mit.
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Peter Rivolta
Vor 2 Tagen
Finde ich eine sehr gute Sache