Klimafreundliche Ferien: Reisen ohne Flugzeug

Klimafreundliche Ferien planen heisst, Erlebnisse neu zu bewerten und entfernte Orte künftig vielleicht anders zu entdecken. Schweizer Initiativen und Unternehmen haben bereits vorgespurt, im Ausland wie auch in der Nähe.

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Obwohl sich viele Menschen in der Schweiz durchaus für klimafreundliches Reisen aussprechen, steigt der Flugverkehr seit dem Ende der Pandemie stetig an. Ferien werden immer noch oft mit Fernreisen gleichgesetzt. Doch entscheiden wirklich die zurückgelegten Kilometer darüber, wie unvergesslich unser Urlaub wird, wie abenteuerlich, inspirierend und entspannend die freien Tage?

Seit einigen Jahren widmen sich immer mehr Initiativen und Unternehmen dem Reisen zu Lande oder zu Wasser – dem Unterwegssein mit Zug, Velo oder Car also, mit dem Schiff oder schlicht zu Fuss. Sie wollen nicht nur dessen Vorzüge aufzeigen, sondern das Verreisen mit diesen Verkehrsmitteln auch unkomplizierter und attraktiver machen – sowie die Bedeutung für die Umwelt aufzeigen.

Klimawirkung des Fliegens wird unterschätzt

«Viele Menschen unterschätzen die Wirkung des Fliegens noch immer stark», stellt Mathieu Gasser vom Verein terran fest. Schon eine Flugreise innerhalb von Europa verursacht schnell mehr Emissionen, als es die Alltagsmobilität mehrerer Monate tut. Langstreckenflüge gehören ausserdem zu den grossen Treibern des Klimawandels.

Auf der Vereinsseite gibt es Erlebnisberichte, aber auch viele Tipps und Adressen.

Der Verein Terran wurde 2019 von zwei Dokumentarfilmerinnen in Deutschland ins Leben gerufen und existiert seit 2020 auch in der Schweiz. An Strassenfesten und anderen Anlässen, aber auch an Schulen informiert der Verein seither regelmässig über klimafreundliche Reiseformen. «Wir wollen Menschen für das terrane Reisen begeistern, inspirieren und befähigen», sagt Vorstandsmitglied und Nachhaltigkeitsberater Gasser. Auf der Vereinsseite findet man nicht nur Erlebnisberichte, sondern auch eine grosse Sammlung an Tipps und Adressen.

Bahnferien ohne Buchungswirrwar

Eine dieser Adressen ist Simple Train, das 2019 als einfache Buchungsplattform über eine E-Mail-Adresse und auf Facebook begann. «Viele Menschen entscheiden sich inzwischen ganz bewusst für den Zug», ist Marius Portmann überzeugt, Mitbegründer und Co-Geschäftsleiter des Unternehmens. Die Bahnreise bedeute auch ein Abenteuer und nicht einfach ein notwendiges Übel, um ökologischer unterwegs zu sein. «Wir sollten uns endlich von der Idee lösen, dass Ferien umso besser sind, je weiter weg wir fliegen», fügt der Unternehmer an. «Ist es nicht viel wichtiger, mit wem und womit wir unsere Zeit verbringen?»

Simple Train ist heute ein Betrieb mit knapp einem Dutzend Mitarbeitenden, der Antrieb ist aber derselbe geblieben: «Wir wollen, dass Menschen günstig mit dem Zug reisen können, ohne sich erst durch ein Wirrwarr an Buchungswebsites durchkämpfen zu müssen», erklärt Portmann. Bisher ermöglichte das Unternehmen über 10’000 Bahnreisen in 42 verschiedene Länder.

Beliebte Bahn-Destinationen sind Sizilien und Apulien, aber auch Routen nach Spanien werden oft über Simple Train gebucht.

Angeführt wird die Beliebtheitsskala der Destinationen von Italien, vor allem von Sizilien und Apulien. Auch Routen nach Spanien werden viel gebucht. «Immer öfter werden aber auch längere Strecken und aufwendigere Routen nachgefragt», stellt der Zürcher Unternehmer fest. Man sei heute eher bereit, auch mehr Geld für Zugreisen ausgegeben. So bietet Simple Train zum Beispiel Reisen nach Nordafrika an und organisiert dabei auch die Überfahrt mit der Fähre.

Genutzt wird das Angebot vor allem von Familien, aber auch von älteren Menschen, die mehr Zeit fürs Reisen haben. Das Durchschnittsalter der Kundschaft von Simple Train liegt laut Portmann bei 50 Jahren. «Wobei wir inzwischen auch viele Anfragen von Schulklassen erhalten.» Preise und Dauer von Bahnreisen würden oft verzerrt wahrgenommen, ist er überzeugt. «Klar sind populäre Destinationen mit dem Flugzeug oft günstiger und schneller erreichbar.» Sobald man aber nicht so typische Städte und Gegenden erkunden wolle, fahre man mit dem Zug oft besser.

Der Unternehmer relativiert auch die Vorstellung, dass es – besonders mit der Deutschen Bahn – ständig Probleme gebe. «90 Prozent unserer Kundschaft berichten, dass sie mit ihrer Bahnreise sehr zufrieden waren», sagt er. Natürlich seien im internationalen Zugverkehr aber mehr Direktverbindungen nötig. «Die Zahl steigt zwar an, aber es geht nur sehr langsam vorwärts.»

Nightjet am Zürcher Hauptbahnhof
Wer mit dem Nachtzug «Nightjet» um 21:59 Uhr in Zürich losfährt, kommt entspannt um 8:59 Uhr in Amsterdam an. (Foto: Thomas Elmiger)

St. Gallen Bahnhof ab, Sehnsuchtsort an

In eine ähnliche Richtung wie Simple Train geht die Plattform «Zügig id Ferie». Sie ist ein Projekt von Studierenden der Universität St. Gallen und wurde gemeinsam mit der Stadt St. Gallen entwickelt. Auf einen Blick lassen sich auf der Plattform sowohl Kosten als auch Dauer einer Reise an ausgewählte Destinationen innerhalb der Schweiz sowie in Europa gesamt vergleichen – je nachdem, ob sie mit dem Zug, Auto oder Flugzeug vorgenommen wird. Ebenso werden die Zahl der Umstiege auf der Strecke sowie die verursachen CO2-Emissionen einander gegenübergestellt. Für eine einheitliche Berechnungsgrundlage nehmen alle Reisen unabhängig vom Transportmittel am Bahnhof St. Gallen ihren Anfang und enden am Bahnhof des Reiseziels.

«Wir glauben, dass viele Menschen anders reisen würden, wenn sie wüssten, wie nah, günstig und angenehm diese Alternativen wirklich sind», schreiben die Projektverantwortlichen auf ihrer Webseite. Und tatsächlich: Schon ein kurzer Blick auf die Seite widerlegt so manche falsche Vorstellung, die man sich vielleicht macht. So dauert eine Zugreise nach Budapest zwar wie erwartet ein paar Stunden länger als die Anreise mit dem Flugzeug. Doch kostet die Bahn nur gerade etwa halb so viel wie das Flugzeug – und verursacht zehnmal weniger CO2.

Ungarisches Parlamentsgebäude in Budapest
Am Bahnhof St. Gallen in den Zug einsteigen, in Budapest ankommen – und den Ausblick auf das imposante Parlamentsgebäude geniessen. (Foto: Dan Novac / Unsplash)

Nachtbusreisen mit mehr Komfort

Einer anderen Weg terranen Reisens beschreitet Twiliner: Das von der Stadt Zürich mit dem Förderprogramm KlimUp unterstützte Jungunternehmen will mit seinen Nachtbussen nicht nur eine attraktive Alternative zum Flugzeug bieten, sondern auch das bisherige Angebot an Nachtzügen ergänzen. Das Besondere an den Twiliner-Cars: Die Sitze lassen sich per Knopfdruck zu Betten umfunktionieren. Seit der Lancierung Ende 2025 nehme die Nachfrage stetig zu, sagt Delaia Tschannen, die beim Unternehmen für das Marketing zuständig ist. Erste wiederkehrende Buchungen bestätigten zudem, dass das Konzept der komfortablen Nachtbusreise gut ankomme.

Twiliner fährt derzeit nach Brüssel, Amsterdam und Barcelona. «Auf diesen Strecken konnten wir eine grosse Nachfrage und gleichzeitig Lücken oder Engpässe im bestehenden Nachtreiseangebot feststellen», sagt Tschannen. So sei etwa der Nachtzug nach Amsterdam oft stark ausgelastet, und Barcelona sei als Nachtzugdestination zwar schon länger im Gespräch, doch gebe es bisher kein entsprechendes Angebot.

«Die Flexibilität von Carreisen ist der grosse Vorteil unseres Modells», sagt Tschannen. «Wir können neue Verbindungen schneller prüfen und bei Nachfrage auch effizienter umsetzen.» Ziel sei es, Twiliner künftig Schritt für Schritt zu einem europäischen Nachtbusnetz auszubauen.

Die Reise während der Nacht ersetzt meist eine Übernachtung im Hotel. Diese Einsparung wird oft erst auf den zweiten Blick erkannt.

Sowohl Freizeit- als auch Geschäftsreisende nutzen das Angebot. Gerade Brüssel oder Rotterdam seien für Firmen wie auch Organisationen und öffentliche Institutionen wichtige Ziele, sagt die Marketingverantwortliche. Was die Preise betreffe, versuche man kompetitiv zu bleiben – auch wenn die Rahmenbedingungen für Busunternehmen anspruchsvoller seien als für Fluggesellschaften. «Gleichzeitig ersetzt die Nachtbusreise ja in vielen Fällen auch die Übernachtung in einem Hotel.» Diese Ersparnis zeige sich in der Kostenrechnung oft erst auf den zweiten Blick.

Bunte Gebäude ohne gerade Flächen oder Kanten, im Hintergrund eine Grossstadt
Den Park Güell in Barcelona erreicht man auch mit dem Nachtbus. (Foto: Dorian D1 / Unsplash)

Weltreise quer durch die Schweiz

Sieht der Niesen am Thunersee mit seiner Pyramidenform nicht aus wie der Zwillingsbruder des Mount Fuji? Muss man fünfzehn Stunden zum Gran Canyon fliegen, wenn man nach zweieinhalb Stunden Bahnfahrt und einer Wanderung an den Felsenwänden des Creux du Van hinunterschauen kann? In ihrem Buch Closeby tragen Maja Haus und Karin Rey mit einem Augenzwinkern verschiedene Fotos von Sehenswürdigkeiten in der Schweiz zusammen. Das Gemeinsame der Bilder: Sie sehen alle weltbekannten Tourismus-Hotspots zum Verwechseln ähnlich.

Ein Fussmarsch zum Creux du Van im Kanton Neuenburg bietet eine tolle Alternative zum Grand Canyon in den USA. (Fotos aus dem Buch)

Die Idee dazu hatten die beiden passionierten Wanderinnen im Rahmen des Zürcher Climathon 2019, wie sie auf ihrer Webseite schreiben. Der Climathon ist eine globale Bewegung und ein Ideenmarathon, bei dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen möglichen Bereichen gemeinsam und in kurzer Zeit neue Lösungen für lokale Klimaprobleme entwickeln. Mit ihrem Projekt haben es Haus und Rey und ihr Team damals bis ins internationale Finale in Paris geschafft – und dort den zweiten Platz belegt.

Maja Haus und Karin Rey entschieden daraufhin, aus ihrer Webseite auch ein Buch zu machen. Das Buch Closeby enthält 15 Wanderungen, die auch für Einsteigerinnen und Einsteiger machbar sind. Die Routen lassen sich ausdrucken oder direkt aufs Handy laden. «Ein kleiner Reiseführer», so die Autorinnen, «der dich mitnimmt auf eine Weltreise quer durch die Schweiz.»

Verlosung: 3 × ein Buch «Closeby» zu gewinnen

Dieses Buch inspiriert dazu, grossartige Ausflugsziele in der Schweiz mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuss zu erkunden, ohne langwierige Anreise zu weltbekannten Destinationen – aber genauso sehenswert. Zu jeder Wanderung gibt es einen Fotovergleich, Angaben zum eingesparten CO2, GPS-Tracks zum Herunterladen sowie heraustrennbare Postkarten, um die Idee weiterzuschicken. Die Verlosung läuft ab sofort bis zum 30. September 2026.

Das Team der Energie-Experten wünscht viel Glück!