Klimaschutz: Warum fällt der Verzicht aufs Fliegen so schwer?
Viele Menschen in der Schweiz machen sich für den Klimaschutz stark, aufs Fliegen möchten sie dennoch nicht so recht verzichten. Das zeigt sich besonders deutlich in der Stadt Zürich. Wie lässt sich diese Diskrepanz zwischen Haltung und Verhalten erklären?
Der Klimaschutz liegt den Menschen in der Stadt Zürich am Herzen. Das zeigte 2022 das klare Ja zu Netto-Null 2040 an der Urne. Dennoch kommen auf jede Person in der Stadt rund 15 Tonnen Treibhausgasemissionen pro Jahr – ein grosser Teil verursacht durch den Flug- und Autoverkehr. «Die klimafreundliche Haltung der Bevölkerung spiegelt sich nicht im Flugverhalten wider», sagt auch Berko Sierau, Projektleiter Umweltstrategie und nachhaltige Mobilität bei der Stadt Zürich. «Das wollten wir besser verstehen.» Die Dienstabteilung Umwelt- und Gesundheitsschutz hat deshalb ein Forschungsteam der ZHAW mit der Suche nach möglichen Gründen beauftragt.
Langstreckenflüge schaden dem Klima stark
Zwar seien zwei Drittel der Menschen in der Schweiz grundsätzlich bereit, öfter mit dem Zug oder Car zu verreisen statt mit dem Flugzeug. Das schreiben Cathérine Hartmann, Swen J. Kühne und Riccardo Meier von der ZHAW im Kurzforschungsbericht «Klimabewusst, aber trotzdem im Flugmodus: Barrieren beim Flugverzicht im Kontext der Stadt Zürich – eine umweltpsychologische Einschätzung». Das gelte aber vor allem für kürzere Reisen und gut erreichbare Destinationen wie Berlin, Paris oder Rom. Dieser Trend zeichnete sich schon vor Corona ab und geht seither weiter.
Gesamthaft nimmt der Flugverkehr jedoch seit dem Ende der Pandemie laufend zu. Jede Zürcherin und jeder Zürcher legt im Schnitt jährlich 10’500 Kilometer mit dem Flugzeug zurück. Denn viele Menschen wollen auch weiterhin in die Ferne reisen – auch wenn das nur mit dem Flugzeug möglich ist. Gerade Langstreckenflüge aber schaden dem Klima ganz besonders. So führen zwar nur knapp ein Drittel aller Flüge an ein Ziel ausserhalb von Europa, wie es bei der Stadt Zürich heisst. Sie machen aber einen Grossteil der gesamten Flugdistanz und der Flugemissionen aus.
Flugscham zeigt: Dass Fliegen mit Abstand die klimaschädlichste Form des Reisens darstellt, ist in der Öffentlichkeit angekommen.
Am mangelnden Wissen dürfte dieses Verhalten kaum liegen. Dass Fliegen mit Abstand die klimaschädlichste Form der Fortbewegung darstellt, ist in der Öffentlichkeit längst angekommen und wird unter dem Schlagwort Flugscham auch moralisch verhandelt. Zahlen und Fakten können zwar die Einstellung zum Klimaschutz beeinflussen. Doch eine ökologische Haltung schlägt sich, wie auch das Beispiel Zürich zeigt, eben nicht unbedingt immer in nachhaltigen Alltagsentscheidungen nieder.
Was das Umsteigen auf klimafreundlichere Verkehrsmittel behindert
Für ihre Untersuchung haben Hartmann, Kühne und Meier sowohl wissenschaftliche Literatur als auch hiesige Medienbeiträge zum Thema analysiert. Sie sind dabei auf psychologische wie auch auf strukturelle Hürden gestossen, die dem Verzicht aufs Flugzeug im Weg stehen können.
Psychologische Hürden
Grosser Technikglaube
Der Glaube, dass die Entwicklung grüner Technologien den individuellen Beitrag der einzelnen Person bald überflüssig macht, gehört zu den gängigen Rechtfertigungen dafür, warum man sich selbst nicht klimafreundlicher verhält: Die Technik wird’s schon richten.
Soziale Normen und persönliches Umfeld
Was wir als angemessenes und erstrebenswertes Verhalten betrachten, hängt massgeblich vom Umfeld ab, in dem wir uns bewegen. Soziale Normen bestimmen auch mit, wie wir unsere Ferien gestalten. Das Reisen in weit entfernte Länder und das Interesse an fremden Kulturen, schreiben die ZHAW-Forschenden, gehöre in vielen Kreisen schlicht auch zum guten Ton.
Gefühlte Ungerechtigkeit
Wir nehmen es oft als ungerecht wahr, dass wir auf etwas verzichten sollen, während andere scheinbar weitermachen dürfen wie bisher. Dieses Gefühl wird auch auf Länder und Firmen übertragen: Warum muss ich als einzelne Person – oder die Schweiz als kleines Land – vorangehen, wenn doch viel grössere Nationen oder multinationale Unternehmen ihrer Verantwortung nicht genügend nachkommen?
Zweifel am Klimawandel
Zwar ist für die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer klar, dass der Klimawandel menschgemacht ist und eine grosse Bedrohung darstellt. Ein Drittel jedoch zweifelt auch hierzulande nach wie vor an dieser Erklärung und hält die Gefahreneinschätzung für übertrieben.
Überschätzen des persönlichen Beitrags an den Klimaschutz
Viele Menschen sind überzeugt davon, heute schon mehr als genug für den Klimaschutz zu tun. Sie überschätzen ihren Beitrag jedoch oft stark. Den Abfall zu trennen und mit dem Fahrrad ins Büro zu fahren ist löblich, wirkt sich auf die CO2-Bilanz jedoch nur begrenzt aus. Wenn solche Verhaltensweisen dann der Rechtfertigung dienen, um über Weihnachten nach Thailand zu fliegen, schaden sie unter dem Strich sogar mehr, als dass sie nützen. Es entsteht ein Rebound-Effekt.
Viele überschätzen kleine Beiträge zum Klimaschutz; Recycling ist gut, darf aber keine Rechtfertigung für das nächste Flugticket sein. (Foto: PET-Recycling Schweiz)
Strukturelle Hürden
Ticketpreise
Für Reisen innerhalb von Europa sind Flüge oftmals günstiger als die Bahn, zitieren Hartmann, Kühne und Meier eine Analyse von Greenpeace. Je mehr Bahngesellschaften auf der Strecke zudem involviert seien und je mehr separate Tickets gekauft werden müssten, desto mehr steige der Preis. Auf der anderen Seite sind tiefe Flugticketpreise selbstverständlich auch der aggressiven Preisstrategie der Billigfluggesellschaften sowie fehlenden Kerosinsteuern und Flugticketabgaben geschuldet. Übrigens: Gemäss einer Umfrage (PDF) würden zwei Drittel der Menschen in der Schweiz eine CO2-Abgabe für Flüge durchaus gutheissen.
Reisedauer
Direktflüge bringen einen oftmals schneller ans Ziel als Zugreisen – besonders, wenn man auf der Bahnreise mehrmals umsteigen muss.
Komfort und Bequemlichkeit
Der Flughafen Zürich gehört nicht nur hinsichtlich seiner Anbindung, sondern auch punkto Verpflegung und Hygiene zu den besten Anlagen in Europa. Er ist gerade für Zürcherinnen und Zürcher sowohl mit dem ÖV als auch mit dem Auto schnell und bequem erreichbar.
Angebot, Zuverlässigkeit und Planungssicherheit
Viele Schweizerinnen und Schweizer geben an, gerne öfter mit dem Zug ins nahe Ausland verreisen zu wollen – wenn nur die Bahninfrastruktur zuverlässiger wäre, gerade in Deutschland. Die Analyse von Greenpeace zeigt laut den ZHAW-Forschenden: Im Vergleich zu Westeuropa ist in Mittel- und Osteuropa die Bahn zwar vielfach günstiger als das Flugzeug. Taktung, Verbindung und Service bei Zugreisen dagegen schneiden in diesen Regionen häufig schlechter ab. Gerade in den Sommermonaten sei man ausserdem auch in Westeuropa immer wieder mit komplett ausgebuchten Nachtzügen konfrontiert. Gleichzeitig fehle es manchmal aber auch schlicht am Wissen über bestehende Angebote.
Wie können also die politische Einstellung und das Flugverhalten der Zürcherinnen und Zürcher fortan besser in Einklang gebracht werden? In ihrem Forschungsbericht listen Hartmann, Kühne und Meier auch ein paar Handlungsempfehlungen auf.
Ein Grossteil der Flüge wird von einem relativ kleinen Teil der Bevölkerung unternommen.
Fokus auf Vielfliegerinnen und Vielflieger
Ein Grossteil der Flüge wird von einem relativ kleinen Teil der Bevölkerung unternommen. Es gelte, diese Vielfliegerinnen und Vielflieger zu identifizieren und gezielt anzusprechen, schreiben die Forschenden. Gerade junge Menschen und Personen mit hohem Einkommen fliegen oft und sind wichtige Zielgruppen für Interventionen.
Soziale Normen durch gut vernetzte Personen ändern
Menschen, die in der Gesellschaft eine sichtbar aktive Rolle einnehmen, können allenfalls neue soziale Normen etablieren und der Selbstverständlichkeit des Fliegens etwas entgegensetzen. Das können Mitglieder eines Vereins sein oder Menschen aus der Nachbarschaft.
Soziale Normen durch Unternehmen ändern
Unternehmen können neue soziale Normen etablieren, indem sie nachhaltigeres Reisen fördern oder sogar vorschreiben. So kann eine Firma beispielsweise festlegen, dass Geschäftsreisen wo immer möglich mit dem Zug angetreten werden. Im besten Fall kommt es zu einem sogenannten Spill-over-Effekt, bei dem der neue Standard im Büro auch auf das Reisen in der Freizeit abfärbt.
Der Alltag setzt den Standard – holen Sie Mitarbeitende ins Boot und erzielen Sie Einsparungen bei Energie und CO₂.
Vorzüge von «Slow Travel», «Staycation» und «Tågskryt» aufzeigen
Die Diskussion um die Verkehrsmittelwahl in den Ferien dreht sich meist um den Verzicht, den das Nichtfliegen bedeutet. Warum nicht die Vorzüge des «Slow Travel» stattdessen hervorheben, eines langsameren und bewussteren Reisens also? Oder unter dem Stichwort «Staycation» die schönsten Orte in der näheren Umgebung bewerben? Ein weiterer Zugang über positive Emotionen stellt laut den Autoren des Forschungsberichts der Begriff «Tågskryt» dar, Zugstolz – das Gegenstück zu dem ebenfalls aus dem Schwedischen kommenden «Flygskam». Tågskryt wird inzwischen auch als Hashtag auf Social Media verwendet, als Schlagwort für grünes Reisen, beispielsweise auf Instagram und auf Mastodon.
Es braucht auch strukturelle Anpassungen für klimafreundlichere Ferien
Damit mehr Menschen in den Ferien auf klimafreundlichere Verkehrsmittel umsteigen, sind neben Massnahmen wie den oben genannten zweifellos auch strukturelle Anpassungen und Verbesserungen nötig, etwa bei der Preisgestaltung und der Organisation von Reisen.
So könnten zum Beispiel noch mehr Plattformen gefördert werden, die Zug- und Carreisen als nachhaltigere Alternative zum Flugzeug vorwärtsbringen und den Buchungsprozess vereinfachen, gestaltet sich das Buchen von Reisen durch mehrere Länder doch recht umständlich.
Der Greenpeace-Bericht von 2024 zeigt laut Hartmann, Kühne und Meier ausserdem: Das Angebot an Direktverbindungen zwischen den grossen Städten in Europa liesse sich problemlos verdreifachen – und zwar auf den heute existierenden Bahnschienen.
Zürich: Fernflüge sind für 60 % der Flugemissionen verantwortlich.
Vergessen gehen darf bei alledem nicht: Die grösste Klimawirkung hat immer noch der Verzicht auf Langdistanzflüge. So rechnet die Stadt Zürich vor: Hätten die Zürcherinnen und Zürcher 2024 jeden zweiten Fernflug weggelassen, wären die Flugemissionen um 30 Prozent tiefer ausgefallen.
Da soviele Menschen fliegen nimmt auch der Flugkomfort ab. Nervige Pax, Babygeschrei, das brauche ich nicht.
Deshalb fliege ich zudem Business und dafür weniger oft. Ich denke das reguliert sich von selbst…,
Kommentare: Was denken Sie?
Urs Wolfgang Müller
Vor 4 Tagen
Da soviele Menschen fliegen nimmt auch der Flugkomfort ab. Nervige Pax, Babygeschrei, das brauche ich nicht.
Deshalb fliege ich zudem Business und dafür weniger oft. Ich denke das reguliert sich von selbst…,