CO₂-Reduktion in Europa: Funktioniert der Emissionshandel?
Der Emissionshandel gilt als die Klimaschutz-Innovation Europas. In welchem Masse das komplexe marktwirtschaftliche Instrument tatsächlich zur CO2-Reduktion beiträgt, lässt sich bis heute aber nicht genau beziffern.
20 Jahre alt wird das Europäische Emissionshandelssystem ETS in diesem Jahr. Deutschland macht dem Klima-Instrument sogar eine Art Geschenk: Um den Klimaeffekt des Kohleausstiegs zu sichern, löscht die Bundesregierung erstmals CO2-Zertifikate – für 514’000 Tonnen. Die deutsche Regierung liess sich einige Jahre Zeit, um die halbe Million Zertifikate zu löschen. Wie zu hören war, mussten erst Gutachten nachweisen, dass die Löschung besser für den Klimaschutz ist.
Das eingesparte Treibhausgas resultiert aus der Abschaltung der Braunkohleblöcke Neurath A und Frechen im Rheinland im Jahr 2022. Dadurch würden rund 890’000 Tonnen CO2 vermieden, teilte das Umweltbundesamt (UBA) anlässlich des Löschentscheids mit. So ein fossiler Stromerzeuger muss für jede Tonne ausgestossenes Kohlendioxid ein Zertifikat vorweisen.
Die eingesparte und die jetzt gelöschte CO2-Menge stimmen nicht überein. Ein Teil der durch den deutschen Kohleausstieg frei werdenden Zertifikate werde bereits durch die sogenannte Marktstabilitätsreserve aus dem Markt genommen, erläutert das UBA. Die Marktreserve war 2019 geschaffen worden, um das damalige Überangebot an Zertifikaten zu begrenzen und den CO2-Preis in spürbare Höhen zu heben.
Zertifikate-Löschung sichert Klimawirksamkeit
Hierbei geht es um den sogenannten Wasserbett-Effekt. Gemeint ist damit: Zertifikate, die in Deutschland wegen des Kohleausstiegs frei werden, könnten von Unternehmen anderer Teilnehmerländer im EU-Emissionshandel genutzt werden, um munter weiter CO2 zu emittieren. Der Effekt ist ein beliebtes Argument, um den klimapolitischen Sinn des Kohleausstiegs infrage zu stellen.
Begrenzt wird der Wasserbett-Effekt dadurch, dass die Gesamtmenge der handelbaren Emissionsrechte, der sogenannte Cap, nach und nach sinkt. Ab 2039 sollen, Stand der Dinge, keine neuen Zertifikate mehr ausgegeben werden.
Was bedeutet die Löschung?
Werden Zertifikate gelöscht, können sie nicht mehr genutzt werden. Damit trage man zur Verringerung klimaschädlicher CO2-Emissionen und zur effektiven Umsetzung der Klimaschutzpolitik bei, lobte sich die geschäftsführende rot-grüne Regierung Anfang April 2025 für den Beschluss.
In diesem Jahr versteigert Deutschland im Rahmen des europäischen Emissionshandels rund 96,8 Millionen Zertifikate.
Die gelöschte halbe Million ist allerdings eine eher symbolische Menge. In diesem Jahr versteigert Deutschland im Rahmen des europäischen Emissionshandels rund 96,8 Millionen Zertifikate, also knapp die zweihundertfache Menge der gelöschten.
Lange dümpelte der CO2-Preis vor sich hin
Bei einem aktuellen Zertifikatspreis um die 70 Euro nimmt Deutschland dank der Auktion rund 6,8 Milliarden Euro ein, die dann in den Klima- und Transformationsfonds des Bundes fliessen.
Einnahmen in dieser Grössenordnung generiert der Emissionshandel erst seit einigen Jahren. Die allermeiste Zeit in seiner 20-jährigen Geschichte litt der Handel unter einem Überangebot von Zertifikaten. Über Jahre lag der Cap sogar oberhalb der gesamten Emissionen aller handelspflichtigen Unternehmen.
«Es gab eine lange Phase in den 2010er Jahren, wo die Preise Richtung fünf Euro gesunken waren», stellt Daniel Klingenfeld fest, beauftragter Leiter des UBA-Fachbereichs «Klimaschutz, Energie, Deutsche Emissionshandelsstelle». Am Markt sei gar keine Knappheit vorhanden gewesen.
Darauf wurde erst 2019, also 14 Jahre nach dem Start, mit der erwähnten Marktstabilitätsreserve reagiert. Seitdem hat sich die Menge der im Umlauf befindlichen Zertifikate laut UBA in etwa halbiert – von zuvor zwei auf rund eine Milliarde. In der Spitze stieg der CO2-Preis dann bis auf 100 Euro.
Preisentwicklung für europäische CO₂-Emissionszertifikate seit 2008. (Grafik: Umweltbundesamt)
CO2-Ausstoss von Kraftwerken und Industrie halbiert
Weil CO2 so ein Preisschild bekommt, sinken die Emissionen, sagen die Befürworter des Emissionshandels. Seit dem Handelsstart 2005 hat sich europaweit der CO2-Ausstoss der Kraftwerke und Industrieanlagen, die Zertifikate für ihren Betrieb brauchen, um 51 Prozent vermindert, in Deutschland sind es 47 Prozent.
Das Beispiel der gelöschten Kohlekraftwerk-Zertifikate zeigt allerdings: Die Kraftwerke stellen das Stromerzeugen nicht vordergründig wegen eines CO2-Preises ein, sondern weil das deutsche Kohleausstiegsgesetz das so vorschreibt.
Der klimawirksame Aufwuchs von Wind- und Solarenergie begann in Deutschland schon um die Jahrtausendwende, als es noch gar keinen Emissionshandel gab. Als 2019 die Marktreserve gebildet wurde, hatten die Erneuerbaren schon einen Anteil von 40 Prozent am Strommarkt.
Untersuchungen, die die tatsächliche Klimawirksamkeit des Emissionshandels genau bestimmen, sind so weit nicht bekannt und vielleicht auch gar nicht möglich.
UBA-Experte Klingenfeld räumt denn auch ein, dass die Preissignale aus dem Handel dann wirkten, wenn es keine stärkeren anderen Signale gab. So eine Situation hatte sich zum Beispiel nach der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiepreiskrise eingestellt.
Anders gesagt: Der Emissionshandel funktioniert – oder aber auch nicht, wenn Ordnungsrecht greift oder andere Einflüsse stärker sind.
Wie stark trägt das Schweizer Emissionshandelssystem (EHS), das mit dem Europäischen System verbunden ist, zur Reduktion der Treibhausgasemissionen bei? Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat das Beratungsbüro Infras mit einer Evaluation beauftragt. Die im Juli 2025 erschienene Studie zeigt:
Die Treibhausgasemissionen der Anlagen, die am EHS teilnehmen, wurden im Schnitt um 3 % pro Jahr reduziert.
Nur ein kleiner Teil der Reduktionen ist direkt auf das EHS zurückzuführen. Produktionsveränderungen und andere wirtschaftliche Faktoren waren wichtiger.
Die Preise für Emissionsrechte waren bis 2020 zu niedrig, um einen echten Anreiz für zusätzliche Reduktionen zu setzen.
Preise für Emissionsrechte (Grafik: INFRAS. Quelle: Emissionshandelsregister 2024, DEHST 2024 und EEA 2018)
Die Grafik aus der Infras-Studie zeigt auch den Preis der Schweizer CO2-Abgabe (umgerechnet in Euro), der stets höher war als der EHS-Preis. Diese Lenkungsabgabe müssen Privatpersonen auf Heizöl, Erdgas und andere fossile Brennstoffe entrichten.
Keine kostenlosen CO2-Zertifikate im neuen System ETS 2
Ungern sprechen Befürworter des Emissionshandels auch davon, dass speziell der energieintensiven Industrie noch immer der weitaus grösste Teil ihrer Zertifikate kostenlos zugeteilt wird. 2024 lag dieser Anteil bei rund 90 Prozent. Selbst die Energiewirtschaft erhält noch gut 16 Prozent ihrer Zertifikate kostenlos.
In diesem Jahr bringt Deutschland übrigens 118 Millionen kostenlose Zertifikate unter die Unternehmen – deutlich mehr, als auktioniert werden. Für die Empfänger ist das ziemlich lukrativ. Sie können sich nicht nur den Kauf der Zertifikate sparen – läuft die Konjunktur schlecht, können sie sogar überzählige Emissionsrechte per «Banking» aufheben. Wie gross diese CO2-Rücklagen sind, gilt als Betriebsgeheimnis.
Ab 2027 drohen Zertifikatspreise weit jenseits der 100‑Euro‑Marke für Gebäude und Verkehr.
Bei dem ab 2027 EU-weit geltenden neuen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr «ETS 2» soll es keine kostenlosen Zertifikate mehr geben. Im ETS 2 werde auf Vollversteigerung gesetzt, betont das Umweltbundesamt. Hier drohen dann Zertifikatspreise weit jenseits der 100‑Euro‑Marke.
Das Umweltbundesamt hält deshalb eine soziale Flankierung für unerlässlich, um Härten abzufedern. «Das ist am Ende auch für die gesellschaftliche Akzeptanz des Emissionshandels elementar», betont Daniel Klingenfeld.
Aus seiner Sicht müsste niemand Angst vor hohen CO2-Preisen haben, wenn es ein gutes System der Rückverteilung der Einnahmen gäbe, das auch schnell reagieren könnte. Stattdessen den CO2-Preis einzudämmen, hält der UBA-Experte für nicht unbedingt zielführend. Denn es gehe darum, ein Klimaziel zu erreichen. Deswegen sei es wichtig, dass die Preise wirken, so Klingenfeld.
Werden alle Umweltfolgen eingepreist, kostet der Ausstoss einer Tonne CO2 die Gesellschaft derzeit übrigens um die 300 Euro. Nachzulesen beim Umweltbundesamt unter der Rubrik «Methodik zur Schätzung der Klimakosten». Die wahren Kosten spiegelt insofern auch der Emissionshandel nicht wider.
Der Redakteur und Geschäftsführer des KJB KlimaJournalistenBüro studierte Journalismus, berichtete und kommentierte über Jahrzehnte für regionale und überregionale Medien über Wirtschaft, Energie, Klimawandel und Umwelt. Von 2005 bis 2013 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im deutschen Bundestag tätig, heute arbeitet er als freiberuflicher Journalist.
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