CO₂-Reduktion in Europa: Funktioniert der Emissionshandel?

Der Emissionshandel gilt als die Klimaschutz-Innovation Europas. In welchem Masse das komplexe marktwirtschaftliche Instrument tatsächlich zur CO2-Reduktion beiträgt, lässt sich bis heute aber nicht genau beziffern.

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Frau vor Kohlekraftwerk hält einen schwarzen Ballon mit Aufdruck "CO2"

20 Jahre alt wird das Europäische Emissionshandelssystem ETS in diesem Jahr. Deutschland macht dem Klima-Instrument sogar eine Art Geschenk: Um den Klimaeffekt des Kohleausstiegs zu sichern, löscht die Bundesregierung erstmals CO2-Zertifikate – für 514’000 Tonnen. Die deutsche Regierung liess sich einige Jahre Zeit, um die halbe Million Zertifikate zu löschen. Wie zu hören war, mussten erst Gutachten nachweisen, dass die Löschung besser für den Klimaschutz ist.

Zertifikate-Löschung sichert Klimawirksamkeit

Hierbei geht es um den sogenannten Wasserbett-Effekt. Gemeint ist damit: Zertifikate, die in Deutschland wegen des Kohleausstiegs frei werden, könnten von Unternehmen anderer Teilnehmerländer im EU-Emissionshandel genutzt werden, um munter weiter CO2 zu emittieren. Der Effekt ist ein beliebtes Argument, um den klimapolitischen Sinn des Kohleausstiegs infrage zu stellen.

Begrenzt wird der Wasserbett-Effekt dadurch, dass die Gesamtmenge der handelbaren Emissionsrechte, der sogenannte Cap, nach und nach sinkt. Ab 2039 sollen, Stand der Dinge, keine neuen Zertifikate mehr ausgegeben werden.

Was bedeutet die Löschung?

Werden Zertifikate gelöscht, können sie nicht mehr genutzt werden. Damit trage man zur Verringerung klimaschädlicher CO2-Emissionen und zur effektiven Umsetzung der Klimaschutzpolitik bei, lobte sich die geschäftsführende rot-grüne Regierung Anfang April 2025 für den Beschluss.

In diesem Jahr versteigert Deutschland im Rahmen des europäischen Emissionshandels rund 96,8 Millionen Zertifikate.

Die gelöschte halbe Million ist allerdings eine eher symbolische Menge. In diesem Jahr versteigert Deutschland im Rahmen des europäischen Emissionshandels rund 96,8 Millionen Zertifikate, also knapp die zweihundertfache Menge der gelöschten.

Lange dümpelte der CO2-Preis vor sich hin

Bei einem aktuellen Zertifikatspreis um die 70 Euro nimmt Deutschland dank der Auktion rund 6,8 Milliarden Euro ein, die dann in den Klima- und Transformationsfonds des Bundes fliessen.

Einnahmen in dieser Grössenordnung generiert der Emissionshandel erst seit einigen Jahren. Die allermeiste Zeit in seiner 20-jährigen Geschichte litt der Handel unter einem Überangebot von Zertifikaten. Über Jahre lag der Cap sogar oberhalb der gesamten Emissionen aller handelspflichtigen Unternehmen.

«Es gab eine lange Phase in den 2010er Jahren, wo die Preise Richtung fünf Euro gesunken waren», stellt Daniel Klingenfeld fest, beauftragter Leiter des UBA-Fachbereichs «Klimaschutz, Energie, Deutsche Emissionshandelsstelle». Am Markt sei gar keine Knappheit vorhanden gewesen.

Darauf wurde erst 2019, also 14 Jahre nach dem Start, mit der erwähnten Marktstabilitätsreserve reagiert. Seitdem hat sich die Menge der im Umlauf befindlichen Zertifikate laut UBA in etwa halbiert – von zuvor zwei auf rund eine Milliarde. In der Spitze stieg der CO2-Preis dann bis auf 100 Euro.

Kurvendiagramm: Der CO2-Preis lag von 2012 bis 2018 zwischen fünf und zehn Euro pro Tonne, stieg dann bis 2023 auf 100 Euro und liegt 2025 bei 80 Euro.
Preisentwicklung für europäische CO₂-Emissionszertifikate seit 2008. (Grafik: Umweltbundesamt)

CO2-Ausstoss von Kraftwerken und Industrie halbiert

Weil CO2 so ein Preisschild bekommt, sinken die Emissionen, sagen die Befürworter des Emissionshandels. Seit dem Handelsstart 2005 hat sich europaweit der CO2-Ausstoss der Kraftwerke und Industrieanlagen, die Zertifikate für ihren Betrieb brauchen, um 51 Prozent vermindert, in Deutschland sind es 47 Prozent.

Das Beispiel der gelöschten Kohlekraftwerk-Zertifikate zeigt allerdings: Die Kraftwerke stellen das Stromerzeugen nicht vordergründig wegen eines CO2-Preises ein, sondern weil das deutsche Kohleausstiegsgesetz das so vorschreibt.

Der klimawirksame Aufwuchs von Wind- und Solarenergie begann in Deutschland schon um die Jahrtausendwende, als es noch gar keinen Emissionshandel gab. Als 2019 die Marktreserve gebildet wurde, hatten die Erneuerbaren schon einen Anteil von 40 Prozent am Strommarkt.

Untersuchungen, die die tatsächliche Klimawirksamkeit des Emissionshandels genau bestimmen, sind so weit nicht bekannt und vielleicht auch gar nicht möglich.

UBA-Experte Klingenfeld räumt denn auch ein, dass die Preissignale aus dem Handel dann wirkten, wenn es keine stärkeren anderen Signale gab. So eine Situation hatte sich zum Beispiel nach der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiepreiskrise eingestellt.

Anders gesagt: Der Emissionshandel funktioniert – oder aber auch nicht, wenn Ordnungsrecht greift oder andere Einflüsse stärker sind.

Keine kostenlosen CO2-Zertifikate im neuen System ETS 2

Ungern sprechen Befürworter des Emissionshandels auch davon, dass speziell der energieintensiven Industrie noch immer der weitaus grösste Teil ihrer Zertifikate kostenlos zugeteilt wird. 2024 lag dieser Anteil bei rund 90 Prozent. Selbst die Energiewirtschaft erhält noch gut 16 Prozent ihrer Zertifikate kostenlos.

In diesem Jahr bringt Deutschland übrigens 118 Millionen kostenlose Zertifikate unter die Unternehmen – deutlich mehr, als auktioniert werden. Für die Empfänger ist das ziemlich lukrativ. Sie können sich nicht nur den Kauf der Zertifikate sparen – läuft die Konjunktur schlecht, können sie sogar überzählige Emissionsrechte per «Banking» aufheben. Wie gross diese CO2-Rücklagen sind, gilt als Betriebsgeheimnis.

Ab 2027 drohen Zertifikatspreise weit jenseits der 100‑Euro‑Marke für Gebäude und Verkehr.

Bei dem ab 2027 EU-weit geltenden neuen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr «ETS 2» soll es keine kostenlosen Zertifikate mehr geben. Im ETS 2 werde auf Vollversteigerung gesetzt, betont das Umweltbundesamt. Hier drohen dann Zertifikatspreise weit jenseits der 100‑Euro‑Marke.

Das Umweltbundesamt hält deshalb eine soziale Flankierung für unerlässlich, um Härten abzufedern. «Das ist am Ende auch für die gesellschaftliche Akzeptanz des Emissionshandels elementar», betont Daniel Klingenfeld.

Aus seiner Sicht müsste niemand Angst vor hohen CO2-Preisen haben, wenn es ein gutes System der Rückverteilung der Einnahmen gäbe, das auch schnell reagieren könnte. Stattdessen den CO2-Preis einzudämmen, hält der UBA-Experte für nicht unbedingt zielführend. Denn es gehe darum, ein Klimaziel zu erreichen. Deswegen sei es wichtig, dass die Preise wirken, so Klingenfeld.

Werden alle Umweltfolgen eingepreist, kostet der Ausstoss einer Tonne CO2 die Gesellschaft derzeit übrigens um die 300 Euro. Nachzulesen beim Umweltbundesamt unter der Rubrik «Methodik zur Schätzung der Klimakosten». Die wahren Kosten spiegelt insofern auch der Emissionshandel nicht wider.