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Ein Solarvorhang für mehr Komfort und Effizienz

Ein deutsches Startup will mit einem solaren Vorhangsystem zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Gebäude sollen dank der neuen, mit organischer Photovoltaik bestückten Lammellenvorhänge gleichzeitig energieeffizienter und behaglicher werden.

Leonid LeivaLeonid Leiva4 min

Gerade im Sommer stellt sich die Frage nach der richtigen Strategie zum Sonnenschutz dringend. Jeder wünscht sich zwar eine von Tageslicht erhellte Wohnung, aber niemand möchte dafür die zu hohen Innenraum-Temperaturen in Kauf nehmen, die an manchen Sommertagen aus einem Verzicht auf Verschattung resultieren. Mit einem Vorhang, der nicht nur vor Überhitzung durch Solareinstrahlung schützt, sondern diese Sonnenenergie auch zur Stromproduktion nutzt, will die junge Firma SunCurtain GmbH einen Beitrag zu mehr Energieeffizienz bei einer gleichzeitigen Komfortsteigerung leisten.

Zielkonflikt: Gebäude-Energieeffizienz versus Sonnenschutz

Stephan Hildebrandt, Produktmanager bei der SunCurtain GmbH beschreibt die Herausforderung wie folgt: «Bei näheren Analysen von Gebäuden – in denen immerhin weltweit circa 40 Prozent unserer Energie verbraucht wird – wird schnell klar, dass vieles getan wird, um die Gebäudeeffizienz durch angepasste Architektur oder sparsamere Geräte zu maximieren. Sobald jedoch die Sonne etwas stärker scheint, wird die Verschattung zugezogen und die Beleuchtung gleich mit der Klimaanlage eingeschaltet.» Da nütze dann auch die vermeintlich beste Energieeffizienz nichts mehr, wenn der Bewohner dann trotzdem Strom verbrauche. «Um es mal zugespitzt zu sagen, wird die geballte Energie der Sonne ausgesperrt, um im Inneren den Energieverbrauch zu erhöhen – das ist doch paradox, oder?», fragt Hildebrandt rhetorisch.

Suche nach Partnern

Bei der Entwicklung ihres solaren Vorhangs stiessen die Ingenieure der SunCurtain GmbH jedoch zunächst auf einiges Unverständnis. «Zuerst hatten wir gedacht, dies zusammen mit bestehenden Vorhangherstellern zu realisieren», sagt Hildebrandt. Bei entsprechenden Gesprächen sei aber schnell klar geworden, dass dies nicht das Verständnis der heutigen Systemanbieter treffe. «Der Ansatz wurde – wenn überhaupt – auf ein kleines Photovoltaik-Modul am Rand des Vorhangs reduziert. Dies sollte dann einen Motor betreiben, um den Vorhang automatisch auf – bzw. zuzuziehen.», berichtet Hildebrandt. Damit sei klar gewesen, dass in diesem Umfeld ein kleiner Zugewinn der Bedienerfreundlichkeit einen grösseren Anreiz habe als ein «Gamechanger», der letztlich den Einstieg in ein neues Marktumfeld erlaube.

Vertikale Lamellen

Bei SunCurtain habe man sich also gedacht, dass es doch viel sinnvoller wäre, ein Verschattungssystem zu entwickeln, welches die Energie der Sonne aufnimmt, dem Nutzer zur Verfügung stellt und dennoch die Nebeneffekte starker Sonneneinstrahlung abmildert. Der Vorhang besteht aus flexiblen Photovoltaikpaneelen der OPVIUS GmbH und wird so zu einem klassisch anmutenden vertikalen Lamellenvorhang, aber die Hersteller betonen, dass die Idee auf andere Vorhangsysteme übertragen werden kann. Verschiedenfarbige, teiltransparente Lamellen lassen nur einen gewissen Teil des sichtbaren Lichtes durch. Ultraviolette und infrarote Strahlung hingegen werden stark abgeschwächt, was dem Raumklima zugutekommt. Durch die Herstellung in einem Druckverfahren sind Anpassungen in Design und Format einfach zu verwirklichen. Und: Die Vorhänge erzeugen Strom, der direkt ins Hausnetz eingespeist wird. Der Vorhang könne an die Steckdose oder an einen Batteriepuffer angeschlossen werden. Aufgrund der einfachen Installation eigne er sich auch für Bestandsbauten.

Zusammen mit ihrem Partner, der Oskar WIDMER GmbH aus Lorsch, hat SunCurtain auf der Weltleitmesse R+T 2018 der Öffentlichkeit bereits einen Prototypen präsentiert. Dieser Prototyp zeige erfolgreich die Verwendung eines OPV-Moduls als zu verschattendes Element und demonstriere vor allem das versteckte Potenzial eines jeden Fensters.

Organische Photovoltaik zur Stromerzeugung

«Die organische Photovoltaik hat sich als Technologie der Wahl für einen Lösungsansatz direkt aufgedrängt. Die Vorteile wie das geringe Gewicht, die Lichtdurchlässigkeit, der integrierte UV-Filter, die vom Sonnenstand unabhängige Stromgewinnung und die Gestaltungsfreiheit in ein Vorhangsystem zu integrieren, das war ein komplett neuer Ansatz, den wir umsetzen wollen.», fügt Hildebrandt hinzu.

Der Prototyp verdeutlichte die Idee der Verschattung für den Innenraum am lebenden Objekt: Sonnenstrahlung werde so abgemildert, dass dennoch keine Zunahme von Kunstlicht notwendig sei. Durch die Lichtfiltration des warmen Spektrums entstehe eine anregende Lichtatmosphäre. «Der Raum wird dabei weniger aufgeheizt und zusätzlich wird über die komplette Verschattungsfläche Energie produziert.», merkt Hildebrandt an.

Glasfassaden von Bürogebäuden als Einstiegsmarkt

Das Vorhangsystem wirke sich energetisch auf das komplette Gebäude aus und biete Energieeinsparung, Atmosphäre und eine gesteigerte Gebäudeeffizienz als Mehrwert. Zusätzlich könne die gewonnene Energie die Geräte im und ums Haus direkt versorgen. «Langfristig sehen wir uns als Baukastensystem im Baumarkt. Letztlich wird es so einfach sein, wie eben einen Vorhang anzubringen, aber mit den Vorteilen einer erhöhten Gebäudeeffizienz.», sagt Hildebrandt.

In Bezug auf einen möglichen Einstiegsmarkt, der SunCurtain für sein intelligentes Verschattungssystem vorschwebt, weist Hildebrandt auf «all die grossen Bürogebäude hin, die heute mit Glasfassade gebaut werden.» Auf die Frage nach einem konkreten Kaufpreis oder dem Nutzen bzw. der Amortisation dank der produzierten Elektrizität, gibt Hildebrandt zu, noch keine definitiven Aussagen treffen zu können. «Da die finale Preisgestaltung noch nicht erfolgt ist, können wir über die «Kaufpreiserstattung» hinsichtlich Stromeinsparung noch nicht viel aussagen. Letztlich muss unserer Meinung nach jedoch das Gesamtpaket betrachtet werden und der gesamte Nutzwert bewertet werden, nicht nur die Stromeinspeisung», sagt Hildebrandt. Letztlich gehe es beim Vorhangsystem der SunCurtain nicht um eine PV-Aufdachanlage.

Hildbrandt gibt sich zuversichtlich, was die Erfolgschancen des solaren Vorhangs am Markt betrifft: «Das positive Echo bestärkt unsere Unternehmungen und beflügelt die Weiterentwicklung. Wir haben an den Markt angeklopft und sind nun bereit, den Schritt zur Kleinserie zu gehen. Ich hoffe, dass wir interessante Pilotprojekte und Investoren dafür gewinnen können, damit zu wachsen und so unseren Teil zur Energiewende zu leisten.»

Solar Vorhang als Baustein der Energiezukunft

Die SunCurtain sieht ihren solaren Vorhang als einen weiteren Beitrag zu einem immer stärker elektrifizierten Energiesystem der Zukunft an. Hildebrandt glaubt, dass die Energiewende nur durch clevere Ideen und den Einsatz vielfältiger und lokal sinnvoll genutzter Technologien bewältigt werden könne. «Windräder, Aufdachanlagen und PV-Solarkraftwerke als alleinige Heilsbringer reichen da nicht aus», sagte er. Und dann fügt er hinzu: «Wenn wir in Zukunft immer mehr Funktionalitäten durch elektrischen Strom als Energieträger abbilden wollen – Stichwort Elektromobilität – müssen wir etwas tun, um unsere Energielandschaft zu diversifizieren.»

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Kommentare

  • Nägeli Markus

    25.10.2018 22:24:14

    Ich würde sowas aus Sicherheitsgründen kaufen.
    Unser Haus wird mit Geothermie aufgeheizt.
    Stromausfall bedeutet für uns keine Heizung mehr.
    Mit ihrem System, könnte ich immerhin noch einen kleinen Heizstrahler betreiben, um nicht zu erfrieren.

  • Roland Gsell

    26.11.2018 16:08:08

    Ich finde die Idee SunCurtain einleuchtend !

    Vielleicht liesse sich in einem weiteren Schritt
    die SonnenStore aus ähnlichem Material herstellen und
    damit alle Klimaanlagen betreiben.

    Freundliche Grüsse
    Roland Gsell

  • Stephan Hildebrandt

    27.11.2018 16:31:25

    Wir freuen uns, dass unser Produkt auf so positive Resonanz stößt - insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich daraus Ideen für potentielle Folgeprodukte entwickeln.