Faktencheck: Macht Carbon Leakage die Energiewende wirkungslos?
Wird CO2, das wir in der Schweiz einsparen, einfach anderswo auf der Welt emittiert, macht das wenig Sinn. Doch wie hoch sind diese Carbon-Leakage-Effekte wirklich? Und wie hängen sie mit der Energiewende zusammen?
Es geht ein Schreckgespenst um: Es heisst Carbon Leakage. Nicht nur Regierungen, sondern auch Verbände und Konzerne zerbrechen sich darüber den Kopf. Kürzlich behauptete Frauke Rostalski, Rechtsprofessorin und Mitglied des deutschen Ethikrates in der SRF-Fernsehsendung «Sternstunde Philosophie» sogar, dass jeglicher privater oder rein auf einzelne Nationalstaaten bezogener Klimaschutz wegen Carbon Leakage für nichts sei. Nationale und individuelle Heldentaten würden im Sand verlaufen oder sogar kontraproduktiv wirken, solange auf internationaler Ebene kein effektives System existiere, in das sie sich einfügen könnten, so die These ihres neuen Buches.
Hat sie recht und macht Carbon Leakage Investitionen in die Energiewende wirkungslos? Oder ist das einfach eine weitere, neue Ausrede, um den Weg der Transformation nicht konsequent einschlagen zu müssen?
Was ist Carbon Leakage?
Damit weniger CO2 in der Atmosphäre landet, muss es etwas kosten, seine Emissionen in der Umwelt abzulagern. Nur: Solange eine Tonne CO2 nicht überall auf der Welt gleich viel kostet, könnten Unternehmen auf die Idee kommen, ihre Produktion und damit auch die Emissionen in Länder zu verlagern, in denen das Emittieren günstiger ist. Das wird Carbon Leakage genannt. Der Kohlenstoff fliesst sozusagen durch ein Leck ins Ausland.
So eine Verlagerung ist schlecht für die Wirtschaft und die Arbeitsplätze in Europa. Und sie ist schlecht fürs Klima. Grundsätzlich kann Carbon Leakage zwei Auslöser haben: den CO2-Preis oder den Energiepreis.
Leakage über den CO2-Preis
Zuerst zum CO2-Preis: Hier ist die Debatte um Carbon Leakage eng mit dem Emissionshandelssystem (EHS) verknüpft. Im EHS rechnen die ganz grossen Emittenten ihr CO2 ab – das sind Konzerne aus der fossilen Energieproduktion, also Kohle- und Gaskraftwerke oder Raffinerien, und Unternehmen aus der Schwerindustrie, also zum Beispiel Zementwerke, Stahl- und Aluverarbeiter, Papierfabriken sowie die Pharma- und Chemiebranche. Zudem müssen die Airlines ihre innereuropäischen Flüge im EHS abrechnen. Die Schweiz hat einen eigenen Emissionshandel, der aber mit demjenigen der EU verknüpft ist.
Im September 2023 gaben die letzte Erdölraffinerie der Schweiz, die im neuenburgischen Cressier von der VARO Energy Group betrieben wird, und der westschweizer Stromversorger Groupe E bekannt, dass sie die leistungsstärkste Freiflächensolaranlage der Schweiz in Betrieb nehmen. Diese Anlage könnte den Strom für 2000 Haushalte produzieren.
Dort wird der Strom jedoch nie ankommen, denn das Solarfeld soll nicht die Wohnungen in Cressier, sondern die Erdölraffinerie mit Elektrizität versorgen. «Bei voller Leistung deckt die Anlage mehr als 60 Prozent des Strombedarfs der Raffinerie ab», war in der Ankündigung bei Groupe E zu lesen.
Illustration: Groupe E
Pro CO2-Tonne ein Emissionsrecht
Das Grundprinzip ist folgendes: Möchte eine EHS-Firma eine Tonne CO2 emittieren, muss sie ihrer Regierung dafür ein sogenanntes Emissionsrecht abgegeben. Manchmal spricht man auch von Emissionszertifikaten. Der Begriff ist aber etwas ungeschickt, weil er an die Kompensationszertifikate erinnert. Im EHS geht es aber eben gerade nicht ums Kompensieren – wenn hier eine Firma ein solches Emissionsrecht abgibt, dann wird nirgends ein Baum gepflanzt. Diese Emissionsrechte sind lediglich eine Art Bewilligung dafür, dass man in der Atmosphäre eine Tonne CO2 ablagern darf. Beim englischen Wort Allowance, also Erlaubnis, ist das klarer.
Im EHS bezahlen die Konzerne also mit Emissionsrechten für ihre Treibhausgase. Kaufen kann man diese Emissionsrechte entweder bei Versteigerungen, die das Bundesamt für Umwelt BAFU regelmässig durchführt, oder an der Börse – zum Beispiel bei der EEX in Leipzig oder der ICE in Atlanta. Aktuell bezahlt man dafür rund 70 Euro (Stand Mitte Februar 2026). Nur: Die Konzerne müssen diese Emissionsrechte zwar abgeben, aber sie müssen sie nicht unbedingt kaufen.
CO2-Gutscheine gegen Carbon Leakage
Viele Firmen erhalten Emissionsrechte umsonst – gratis zugeteilt vom Staat. Wieso? Wegen dem Schreckgespenst, wegen der Angst vor Carbon Leakage. Die Gratiszuteilungen sind eine Art Präventionsmassnahme gegen die befürchtete Abwanderung. Um diese zu verhindern, hat man den Konzernen, die potentiell von Carbon Leakage betroffen sein könnten, von Anfang an für den Grossteil ihrer Treibhausgase Gratisrechte zugeteilt. Diese Präventionsmassnahme soll in der EU nun von einem Klimazoll, dem Carbon Border Adjustment Mechanism oder kurz CBAM abgelöst werden, bei dem die Schweiz vorerst aber nicht mitmachen wird. Ein separater CBAM nur für die Zementproduktion ist jedoch in Planung. Während die Gratisrechte das Emittieren für alle gleich billig gemacht haben, soll es der Klimazoll in Zukunft für alle gleich teuer machen – gleichlange Spiesse mit dem Ausland, aber andersrum.
Anders als zum Beispiel Hausbesitzer und Hausbesitzerinnen mit einer Ölheizung im Keller, bekommen viele Grosskonzerne aus der Schwerindustrie ihren CO2-Ausstoss bis heute zum Nulltarif.
Gleichzeitig führten diese Gratisrechte natürlich aber auch dazu, dass das EHS in der Schwerindustrie bis heute kein wirkungsvolles Preissignal in Richtung klimastabil setzen konnte. Es gibt sogar Firmen, die mehr Gratiszuteilungen erhalten haben, als sie für ihre eigenen Emissionen brauchten. Anders als zum Beispiel Hausbesitzer und Hausbesitzerinnen mit einer Ölheizung im Keller, bekommen viele Grosskonzerne aus der Schwerindustrie ihren CO2-Ausstoss bis heute zum Nulltarif – aus Angst vor Carbon Leakage.
Leakage-Risiko bei der Schwerindustrie, nicht aber beim Strom
Dabei haben nicht alle EHS-Konzerne diesen Carbon Leakage Status. Etwas vereinfacht lässt sich sagen, dass die Konzerne aus der Schwerindustrie als Leakage-gefährdet gelten, die fossile Stromerzeugung hingegen nicht. Wieso? Weil Letztere gar nicht leaken kann. Beispielsweise würde es sich schlichtweg nicht lohnen, in Deutschland Kohle abzubauen, diese aus der EU raus zu transportieren, um sie zum Beispiel in der Türkei zu verstromen und diesen Strom dann zurück nach Deutschland zu leiten.
Als Leakage-gefährdet gelten nur Branchen mit einem sehr hohen CO2-Ausstoss, die gleichzeitig in einem starken internationalen Wettbewerb stehen.
Als Leakage-gefährdet gelten im EHS deshalb nur Branchen mit einem sehr hohen CO2-Ausstoss, die gleichzeitig in einem starken internationalen Wettbewerb stehen. Das sind zum Beispiel Zementfirmen, Stahlwerke oder Papierfabriken, denn deren Produkte werden tatsächlich rund um den Globus transportiert.
Dabei kann Leakage über den CO2-Preis ziemlich direkt durch die Verschiebung ganzer Produktionsstandorte passieren oder eher indirekt, dadurch dass die Nachfrage ins Ausland abwandert.
Dass die direkte Abwanderung durchaus schon angedroht wurde, zeigt der Fall des Chemiekonzerns Lonza. 2020 wurde publik, dass bei einer Produktionsstätte im Wallis seit Jahrzehnten unbemerkt Lachgas, ein sehr starkes Treibhausgas, ausgetreten ist. Das Leck war enorm. Es machte rund ein Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen auf Schweizer Boden aus.
Da die Lonza ihre Treibhausgase im EHS abrechnet, kam die Frage auf, ob der Chemiekonzern nun auch für das austretende Lachgas Emissionsrechte abliefern muss. Im Laufe der Verhandlungen liess die Lonza das zuständige Bundesamt für Umwelt BAFU wissen, dass man eine Verlagerung der betroffenen Produktion vom Wallis nach China in Betracht ziehen werde, wenn man für das Lachgas Emissionsrechte zukaufen müsse. Was natürlich auch zum Verlust der Arbeitsplätze in Visp geführt hätte.
Für Carbon Leakage muss aber nicht immer gleich eine ganze Fabrik verschoben werden – es geht auch indirekter. Zum Beispiel, wenn der in der Schweiz hergestellte Stahl wegen dem CO2-Preis im EHS teurer wird als der Stahl aus der Türkei. Dann kaufen diejenigen Firmen, die in der Schweiz Stahl verarbeiten, ihr Rohmaterial deswegen vermehrt in der Türkei, wodurch die Stahlproduktion in der Schweiz zurückgeht. Das vermindert zwar die CO2-Emissionen aus den Schweizer Stahlwerken, dem Klima hilft das aber nichts. Denn die Emissionen werden ja nur in die Türkei verschoben.
Die jüngsten Krisen in der Stahlbranche dürften aber kaum auf den CO2-Preis zurückzuführen sein, da die zwei Schweizer Stahlwerke aufgrund ihres Carbon-Leakage-Status bis anhin den Grossteil der benötigten Emissionsrechte gratis bekommen haben. Stahl Gerlafingen musste lediglich einen kleinen Teil zukaufen. Steeltec erhielt seit 2013 sogar jedes Jahr höhere Zuteilungen als man für die eigenen Emissionen brauchte.
Beim Carbon Leakage über den CO2-Preis lässt sich also folgendes festhalten: Potentiell betroffen ist vor allem die Schwerindustrie. Mit grosszügig verteilten Emissionsgutscheinen wurden grössere Verschiebungen bis anhin erfolgreich verhindert. Ob derselbe Effekt auch mit weniger Grosszügigkeit erreicht worden wäre, bleibt offen.
Bei der fossilen Stromproduktion konnte über das EHS erfolgreich ein Preis eingeführt werden.
Bei der fossilen Stromproduktion konnte über das EHS hingegen erfolgreich ein Preis eingeführt werden, da das Risiko für Leakage hier gering ist.
Carbon Leakage über den Energiepreis
Neben dem CO2-Preis wirkt auch der Energiepreis auf das Carbon-Leakage-Risiko. Einerseits über die globalen Preise für fossile Brennstoffe, andererseits aber auch über die lokalen Strompreise. Global gibt es folgenden Effekt: Wenn die Nachfrage nach fossilen Energieträgern zurückgeht, weil Erneuerbare zugebaut werden, hat es dadurch mehr fossile Energieträger auf dem Markt. Durch das höhere Angebot sinken die Preise für Erdgas und Erdöl, was wiederum deren Nachfrage steigen lässt.
Lokal sieht es so aus: Viele Industriebetriebe haben hohe Stromrechnungen – steigen die Strompreise, erhöht sich entsprechend auch das Risiko für Carbon Leakage. Deutschland möchte dem mit einem subventionierten Industriestrompreis begegnen, dessen Wirksamkeit allerdings umstritten ist.
Energiewende wirkt unterschiedlich
Und wie wirken nun Investitionen in die Energiewende auf das Carbon-Leakage-Problem? Steigt oder fällt das Leakage-Risiko, wenn wir in der Schweiz in Solardächer und Windturbinen investieren? Die Antwort: Es kommt drauf an.
Beim lokalen Strompreis ist folgende Frage zentral: Werden Erneuerbare den Strom günstiger oder teurer machen? Einerseits kostet der Zubau, aber auch der Ausbau der Netze, zuerst einmal Geld. Andererseits werden uns diese Investitionen in Zukunft vor grösseren Energiekrisen und Strompreisexplosionen wie zu Beginn des Ukrainekriegs schützen. Viele namhafte Experten und Expertinnen und auch die Europäische Umweltagentur sehen in den erneuerbaren Energien den Schlüssel, um die Stromkosten auf längere Sicht zu senken.
Beim Effekt über die weltweiten Energiemärkte ist sich die Wissenschaft uneins: Unter dem Titel «Spillover Effects on the Energy Sector» verweist der aktuelle IPCC-Bericht (PDF) dazu auf zwei Studien, beide aus dem Jahr 2015. Die eine kommt zum Schluss, dass der Effekt nicht höher als 16 Prozent sein könne. Sprich: Wenn in der Schweiz dank dem Ausbau der Erneuerbaren 100 Tonnen CO2 eingespart werden, kann das woanders dazu führen, dass 16 Tonnen mehr emittiert werden. Bei der anderen Studie liegen die Werte zwischen 0 und 50 Prozent. Die Unsicherheiten sind also gross.
Zwei Rezepte gegen hohe CO2-Kosten
Während es betreffend Leakage via Energiepreis also sehr grosse Unsicherheiten gibt, ist die Wirkung über den CO2-Preis ziemlich klar. Denn um hohe CO2-Kosten zu verhindern, haben Konzerne zwei Möglichkeiten: Entweder sie ziehen in ein Land mit einem tieferen CO2-Preis oder sie reduzieren ihre Emissionen. Für Letzteres ist eine Sache unverzichtbar: Viel grüner Strom. Im besten Fall kann die Produktion direkt elektrifiziert werden. So hat beispielsweise Flumroc, ein Schweizer Hersteller von Dämmmaterial, der auch im EHS abrechnet, 2024 den weltweit grössten Elektroschmelzofen für Steinwolle in Betrieb genommen. Damit hat Flumroc die CO2-Emissionen bei der Steinschmelze um 80 Prozent reduziert. Ohne ausreichend erneuerbaren Strom wäre das nicht möglich gewesen.
Es lassen sich nicht alle Industrieemissionen wegelektrifizieren.
Es lassen sich aber nicht alle Industrieemissionen wegelektrifizieren. Im Gestein enthaltenes CO2, das bei der Herstellung von Zement entweicht, muss beispielsweise abgesogen und endgelagert werden, wenn man klimaneutralen Zementbeton herstellen möchte – CCS, also Carbon Capture and Storage nennt man diese Technik. Ein zweites Beispiel: Die Pharmaindustrie braucht für gewisse Prozesse sehr hohe Temperaturen, die statt mit fossilen Heizungen mit grünem Wasserstoff erzeugt werden könnten. Sowohl für CCS wie auch für grünen Wasserstoff braucht es vor allem etwas: Ganz viel Strom. Schaut man also auf Carbon Leakage durch den CO2-Preis, dann sind Investitionen in die Energiewende nicht etwa das Problem, sondern die Lösung. Nur mit genügend grünem Strom können CO2-intensive Branchen die Dekarbonisierung entschieden vorantreiben, ohne ständig das Schreckgespenst Carbon Leakage im Nacken zu haben.
Es braucht beides – multinationalen Klimaschutz und die Energiewende
Zusammengefasst: Carbon Leakage kann es geben. Wie gross der Effekt tatsächlich ist und wie stark sich die verschiedenen Tendenzen gegenseitig aufheben, kann aber niemand ganz genau sagen. Laut Klimaforscher Reto Knutti ist Rostalskis Darstellung jedoch deutlich überzogen. Empirische Studien würden Verlagerungseffekte von etwa 5 bis 30 Prozent zeigen, sodass der überwiegende Teil der Emissionsreduktionen wirksam bleibt und nicht einfach ins Ausland «auswandert».
Trotzdem sollten sich Politik und Wirtschaft für beides ins Zeug legen: Einerseits für die Energiewende, denn ohne diese können wir die Industrie nicht dekarbonisieren. Andererseits aber auch für den multinationalen Klimaschutz: An den offiziellen Klimakonferenzen, aber auch, wenn es darum geht, Klima-Clubs auf den Weg zu bringen, in denen sich die willigen Länder zusammenschliessen, um beispielsweise zum Schutz gegen Carbon Leakage einen gemeinsamen Klimazoll einzuführen.
Alex Tiefenbacher studierte Umweltnaturwissenschaften und Philosophie an der ETH[nbsp]Zürich. Sie ist Buchautorin und freischaffende Journalistin. Ihr Schwerpunkt ist die Schweizer Klimagesetzgebung. 2022 hat sie das Climate Journalism Network Switzerland mitgegründet.
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