Kernkraft in der Schweiz: abschalten oder ausbauen?

In den nächsten rund 20 Jahren gehen die Schweizer Kernkraftwerke (KKW) voraussichtlich vom Netz. Der Bau neuer KKW ist seit 2018 nicht mehr erlaubt. Vor dem Hintergrund einer drohenden Winterstromlücke mehren sich die Stimmen, die eine Kehrtwende fordern. Wir zeigen, wie Befürworter und Gegner neuer KKW in der Schweiz argumentieren.

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BlumWiese mit gelben Blumen, ein KKW-Kühlturm mit Dampffahne im Hintergrund

Seit Jahrzehnten gehören die Kernkraftwerke zum Schweizer Landschaftsbild. Auf die mit Flusswasser gekühlten Kraftwerke Beznau-1 von 1969 sowie Beznau-2 und Mühleberg (beide 1972) folgten Gösgen (1979) und Leibstadt (1984) mit ihren weitherum sichtbaren Kühltürmen und Dampffahnen. Dass nicht noch mehr KKW dazukamen, ist nicht zuletzt auf den Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986 zurückzuführen: Die Realisierung der geplanten Kernkraftwerke in Kaiseraugst AG und Graben BE wurde daraufhin gestoppt.

Kernenergie in der Schweiz heute und morgen

2008 reichten die Betreiber der Schweizer Kernkraftwerke drei Rahmenbewilligungsgesuche für den Bau von neuen KKW ein. Nach dem Reaktorunfall in Fukushima aber sistierte das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) diese Gesuche im März 2011. Fünf Jahre später zogen die Betreiber die Gesuche zurück. Mit der Annahme des revidierten Energiegesetztes im Mai 2017 entschied sich die Stimmbevölkerung für eine erneuerbare Energieversorgung ohne Kernkraft. Der Bund darf seit dem Inkrafttreten des Gesetzes Anfang 2018 keine Rahmenbewilligungen für neue Kernkraftwerke mehr erteilen. De facto ist der Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz also verboten.

Keine Laufzeitbeschränkung für aktive KKW

Die heute noch aktiven KKW Beznau-1, Beznau-2, Gösgen und Leibstadt dürfen so lange betrieben werden, wie sie die gesetzlichen Sicherheitsanforderungen erfüllen. Überprüft wird dies durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI). Es besteht also keine vorgegebene Laufzeitbeschränkung. Allerdings steht es den Betreibern der KKW frei, ihre Reaktoren aus wirtschaftlichen Gründen abzuschalten, wie das beispielsweise beim Kraftwerk Mühleberg der Fall war.

Szenarien ab 2045 ohne Kernenergie

Auch wenn die KKW theoretisch noch viele Jahrzehnte laufen könnten, geht das Bundesamt für Energie (BFE) bei den Energieperspektiven 2050+ von Laufzeiten von 50 und 60 Jahren aus. Das würde bedeuten, dass Beznau-1 spätestens 2029, Beznau-2 2031, Gösgen 2039 und Leibstadt 2044 vom Netz genommen werden. Ab 2045 müsste die Schweiz folglich ohne Kernenergie auskommen (siehe Grafik).

Balkendiagramm der jährlichen Stromerzeugung in der Schweiz von 2000 bis 2050
Dieses Szenario der Energieperspektiven 2050+ geht von einer KKW-Laufzeit von 60 Jahren aus. Damit stünde ab 2045 kein Strom aus der Kernkraft mehr zur Verfügung. (Grafik: BFE, Energieperspektiven 2050+)

60 Jahre Laufzeit – oder mehr?

Warum rechnet das BFE nicht auch mit längeren KKW-Laufzeiten, wenn es keine fixe Begrenzung gibt? Weltweit gehe man derzeit davon aus, dass sich Kernkraftwerke während 60 Jahren sicher betreiben liessen, erklärt Brigitte Mader, Kommunikationsberaterin beim BFE. Um die Sicherheitsauflagen zu erfüllen, müssen aber laufend Nachrüstungen vorgenommen werden, was mit zunehmendem Alter eines KKW aufwendiger und teurer wird. «Ob sich das lohnt, muss der Betreiber im Einzelfall entscheiden», sagt Mader. Global gebe es noch keine Erfahrungen mit dem Betrieb von Kernkraftwerken über mehr als 60 Jahre. «Szenarien mit längeren Laufzeiten wären Spekulation, weshalb sie bei den Energieperspektiven 2050+ nicht einbezogen wurden.»

Engpässe im Winter ohne Kernenergie?

Auch nach der Abschaltung von Mühleberg sind die verbleibenden vier KKW mit einer Jahresproduktion von insgesamt rund 22 TWh wichtige Pfeiler der Schweizer Elektrizitätsversorgung. Im Winter kann der Anteil der Kernenergie an der einheimischen Stromproduktion auf bis zu 50 Prozent steigen. Gemäss den Energieperspektiven 2050+ des BFE sollen vor allem die erneuerbaren Energien nach der (ungewissen) Abschaltung der KKW deren Anteil an der Stromversorgung übernehmen. Zeitweilig dürfte die Schweiz aber auch auf höhere Stromimporte angewiesen sein.

Balkendiagramm zur Stromproduktion zeigt den hohen Anteil der Kernkraft in den Wintermonaten
Stromproduktion und -verbrauch der Schweiz im Kalenderjahr 2020. Schon heute ist die Schweiz im Winter auf Importe angewiesen, um die Stromversorgung sicherzustellen. (Grafik: BFE, Schweizerische Elektrizitätsstatistik 2020)

Photovoltaik alleine reicht nicht

Ob die Kompensation durch erneuerbare Energien allerdings wie geplant gelingt, weiss niemand so richtig. Die Photovoltaik (PV) als erneuerbare Energiequelle mit dem grössten Ausbaupotenzial liefert im Winter deutlich weniger Ertrag als im Sommer. Selbst wenn PV-Anlagen auf einen optimalen Solarertrag im Winter ausgerichtet werden, kommt bei weitem nicht genug Strom zusammen, um den Wegfall der Kernenergie aufzuwiegen. Zudem wird der winterliche Strombedarf in 20 oder 30 Jahren deutlich höher liegen als heute, weil der Verkehr (Elektroautos) und die Wärmeversorgung (Wärmepumpen) zunehmend elektrifiziert werden.

Bundesrat setzt auf Gaskraftwerke

Mitte Februar gab der Bundesrat bekannt, dass er bereits ab dem kommenden Winter eine Wasserkraftreserve einrichten will, um beim Ausfall eines grossen Kraftwerks oder Importengpässen eine Reserve zur Verfügung zu haben. Zudem sollen mittelfristig zwei bis drei Gaskraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 1000 MW gebaut werden, um die Versorgungssicherheit im Winter zu gewährleisten. Die Gaskraftwerke sollen in Ausnahmesituationen dringend benötigte Elektrizität produzieren. Die Kosten für den Bau beziffert der Bundesrat auf 700 bis 900 Millionen Franken. Die Gaskraftwerke will er klimaneutral betreiben, entweder durch den Einsatz CO2-neutraler Brennstoffe oder durch Kompensation, also den Kauf von CO2-Zertifkaten.

Pro und Kontra neue KKW

Seit Ende 2021 fordern vor allem bürgerliche Kreise, das derzeitige Bewilligungsverbot aufzuheben und damit den Weg freizumachen für den Bau neuer Kernkraftwerke. Was spricht dafür, was dagegen? Wir haben einen Befürworter und einen Gegner des Baus neuer KKW gebeten, vier Fragen zu beantworten.

Links: Dr. Simon Aegerter, Physiker, Mitglied Energie Club Schweiz und Stiftung für eine sichere Stromversorgung. (Foto: Simon Aegerter) – Rechts: Fabian Lüscher, Leiter Fachbereich Atomenergie, Schweizerische Energie-Stiftung SES. (Foto: SES)

Wie kann die Schweiz in 15 bis 20 Jahren den Wegfall der Kernenergie kompensieren – vor allem im Winterhalbjahr?

Aegerter: Die Kernkraftwerke haben zuletzt rund 24 TWh pro Jahr produziert. Der Solarstrom, der als Alternative vorgesehen ist, wird zu zwei Dritteln im Sommer und zu einem Drittel im Winter generiert. Um das auszugleichen, müssen 4 TWh vom Sommer in den Winter «verschoben» werden. Das geht praktisch nur mit Pumpspeicher-Kraftwerken, doch deren Potenzial ist weitgehend ausgereizt. Der Ersatz der wegfallenden Kernenergie durch erneuerbare Quellen ist nur in der Theorie möglich. In der Praxis ist die Energiestrategie gescheitert.

Lüscher: In den Energieperspektiven 2050+ zeigt das BFE verschiedene Wege auf, wie die Schweiz bis 2050 eine ausschliesslich erneuerbare Stromversorgung erreichen kann. Die Potenziale der erneuerbaren Energien sowie Effizienz- und Suffizienzmassnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs sind ausreichend vorhanden. Aus Sicht der SES muss der Ausbau der erneuerbaren Energien aber entschlossener und vor allem schneller umgesetzt werden. Wenn wir bei den erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz Gas geben, wird es auch keine Notfall-Gaskraftwerke brauchen.

Benötigt die Schweiz neue KKW, um die Stromversorgung im Winter zu sichern?

Lüscher: Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom hat jüngst mögliche Winterstromengpässe in den kommenden vier Jahren identifiziert. In diesem Zeitraum ist der Bau neuer KKW in der Schweiz schlicht nicht realisierbar – der Ausbau erneuerbarer Energien hingegen kann viel schneller geschehen. Der Bundesrat plant nun Massnahmen, um die Situation zu entspannen. Für die zukünftige Versorgungssicherheit sind der Ausbau erneuerbarer Energien und Stromeinsparungen zentral. In Kombination mit der bestehenden Wasserkraft hat die Schweiz gute Voraussetzungen für eine klimaneutrale, nachhaltige Energieversorgung.

Aegerter: Zurzeit wird diskutiert, zur Sicherung der Stromversorgung im Winter auf Gaskraftwerke zu setzen. Da wir aber bis 2050 netto kein CO2 mehr produzieren sollen, können diese höchstens eine Übergangslösung sein. Dabei wird der Bedarf an elektrischer Energie durch die fortschreitende Elektrifizierung massiv zunehmen und die Winterlücke grösser werden. Ein Ausbau der Wasserkraft ist im erforderlichen Ausmass nicht möglich und Windturbinen in der benötigten Anzahl lassen sich in der Schweiz kaum aufrichten. Langfristig sehe ich keine andere Stromquelle als Kernenergie, um die Winterlücke zu schliessen.

Ist der Bau neuer KKW aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll? Braucht es eine finanzielle Unterstützung des Bundes, damit potenzielle Betreiber zu einem Investment bereit sind?

Aegerter: Für eine verbotene Investition findet man keine Investoren. Der Bund muss daher dringend das Verbot von Rahmenbewilligungen für neue Kernkraftwerke aufheben. Kernenergie ist wirtschaftlich. Sie muss im Gegensatz zu Sonne und Wind nicht subventioniert werden. Unsere Kernkraftwerke haben ausser bei langen Betriebsunterbrüchen stets einen Ertrag erwirtschaftet. Der Fall von Mühleberg, das die BKW aus betriebswirtschaftlichen Gründen stillgelegt hat, ist speziell: Nach dem Unglück von Fukushima verlangte das ENSI eine zweite Notwasserversorgung. In Mühleberg, wo es kein Grundwasser dafür gibt, wäre der finanzielle Aufwand so gross gewesen, dass man ihn während der Restlaufzeit nicht hätte amortisieren können.

Lüscher: Neue Kernkraftwerke sind wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig. Während die Preise für erneuerbare Stromproduktion in den letzten Jahren stark gesunken sind, zeigt der Trend für Strom aus der Kernenergie in die entgegengesetzte Richtung. Neue Anlagen werden immer komplexer, die Treibstoffgewinnung immer teurer. Auch für die Stilllegung des KKW Mühleberg waren letztlich wirtschaftliche Überlegungen massgebend. Gleichzeitig stellen sowohl die latente Unfallgefahr als auch die Abfallentsorgung betriebswirtschaftliche Risiken dar, die heute kein Unternehmen mehr zu tragen bereit ist. So haben sich alle grossen Schweizer Energieversorger deutlich zur Neubaudiskussion geäussert: Niemand ist daran interessiert, in neue KKW zu investieren.

Der Bau von KKW dauert sehr lange, wie aktuelle Beispiele aus England und Finnland zeigen. Wären neue Kraftwerke überhaupt rechtzeitig betriebsbereit?

Lüscher: Die aktuellen Beispiele aus Frankreich (Flamanville-3), England (Hinkley Point C) und Finnland (Olkiluoto-3) zeigen exemplarisch, wie harzig der Neubau von KKW in Europa verläuft. Allen drei gemein sind jahrelange Verzögerungen und Kostenexplosionen. Möchte in der Schweiz wirklich jemand neue KKW bauen, müssten erst die gesetzliche Grundlage angepasst und danach die langwierigen Prozesse zu den Bau- und Betriebsbewilligungen gestartet werden. Wir haben berechnet, dass dieser Prozess in der Schweiz mindestens 21 Jahre dauern würde. Das ist viel zu lange, wenn wir die Klimaziele von Paris und die Netto Null-Ziele des Bundesrats erreichen wollen.

Aegerter: Man kann auch Frankreich und die USA erwähnen. Sowohl den französischen Reaktortyp «EPR» als auch den amerikanischen Typ «AP-1000» hat man in China je zweimal gebaut – und als erste in Betrieb gesetzt. In Zukunft dauert der Bau eines grossen KKW 5 bis 6 Jahre, wie der koreanische Energieversorger KEPCO in Barakah in Abu Dhabi gezeigt hat. Neue KKW werden in der Schweiz aber nicht rechtzeitig betriebsbereit sein, es wird eine lange dauernde Überbrückung mit Energie aus fossilen Quellen brauchen. Die Verantwortung dafür trägt der Bundesrat, der 2011 die drei ihm vorliegenden Baugesuche sistiert hat. Hätte er sie behandelt und bewilligt, wären wir jetzt nicht derart in der Bredouille.

KKW-Neubauverbot: Beibehalten oder aufheben?

Dass die Abschaltung der Kernkraftwerke – wann immer das auch sein wird – für die Stromversorgung in der Schweiz eine Herausforderung wird, dürfte niemand bestreiten. Ob jedoch neue Kernkraftwerke die Lösung für das Problem sind, scheint zweifelhaft:

  • Die Betreiber der bestehenden KKW haben sich gegen Neubauten ausgesprochen, weil sie wirtschaftlich nicht attraktiv sind.
  • Wegen der nötigen politischen, gesetzlichen und planerischen Prozesse würde es Jahrzehnte dauern, bis ein neues KKW ans Netz gehen kann.
  • Die Schweizer Stimmbevölkerung hat erst 2017 mit 58,2 Prozent Ja-Stimmen das neue Energiegesetz und damit auch das Verbot von KKW-Neubauten gutgeheissen.
Reaktorgebäude am Ufer eines Flusses
Das Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine ist mit einer Leistung von 6000 MW das leistungsstärkste in Europa. Im Verlauf des Ukraine-Kriegs kam es dort Anfang März 2022 zu Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen und russischen Einheiten, wobei das Kraftwerk leicht beschädigt wurde. (Foto: Wikipedia/Ralf1969, siehe Quellenverzeichnis)

Der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Sorgen um die Sicherheit der Kernkraftwerke im Konfliktgebiet dürften nicht dazu beitragen, dass sich die Einstellung der Schweizerinnen und Schweizer rasch ändert. Der Energie Club Schweiz will dennoch bald damit beginnen, Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln, um das Neubauverbot von KKW in der Schweiz aufzuheben. Gut möglich, dass sich Schweizerinnen und Schweizer bald erneut zum Thema Kernenergie positionieren müssen.


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