Schutz vor Legionellen und Energiesparen muss kein Widerspruch sein
Wo es feucht und warm ist, sind Legionellen nicht weit – auch zu Hause im Warmwassersystem. Sogenannte Legionellenschaltungen für die Speichererwärmung werden heute aber nicht mehr empfohlen. Der Schutz vor Keimen und Energieeffizienz lassen sich dennoch zusammenbringen.
Ob in Teichen und Seen, in Whirlpools, Luftbefeuchtern oder Autowaschanlagen: Legionellen sind sowohl in der Natur als auch in der menschgemachten Umwelt allgegenwärtig, wo es feuchtwarm ist. Zum Gesundheitsrisiko werden sie normalerweise erst, wenn sie sich übermässig stark vermehren. Ob das passiert, hängt von mehreren Faktoren ab, vor allem aber von der Wassertemperatur. Am wohlsten fühlen sich die Bakterien, wenn es zwischen 25 und 45 Grad Celsius warm ist.
Was sind Legionellenschaltungen – und warum werden sie nicht mehr empfohlen?
Legionellen siedeln sich auch in unserem Trink- und Duschwasser an. Vor einiger Zeit wurden deshalb auch in Mehr- und Einfamilienhäusern sogenannten Legionellenschaltungen eingeführt. Bei diesem Mechanismus wird das Wasser im Warmwasserspeicher einmal pro Woche oder auch häufiger auf 60 bis 70 Grad Celsius erhitzt.
Legionellen können eine schwere Lungenentzündung auslösen. (Illustration: peterschreiber.media/Shutterstock)
Die Hoffnung, so energieeffizienter Keimen vorbeugen zu können, hat sich jedoch nicht bewahrheitet: Mehrere Felduntersuchungen zeigen, dass Warmwassersysteme mit Legionellenschaltungen im Durchschnitt nicht weniger von Keimen befallen werden, sondern eher mehr. «Anlagen mit Legionellenschaltungen weisen in der übrigen Zeit vielleicht eine tiefere Temperatur auf also solche ohne», mutmasst Michel Haller, stellvertretender Leiter des Instituts für Solartechnik SPF an der Ostschweizer Fachhochschule OST und an mehreren Studien beteiligt. Man wiege sich möglicherweise in der falschen Sicherheit, dass die Keime bei der wöchentlichen Erhitzung ja abgetötet würden.
Empfehlungen für Wohnbauten
Dazu kommt: Legionellen vermehren sich nicht wie bisher angenommen vor allem im Wasserspeicher, sondern in der Peripherie: in der Warmwasser-Verteilung, den letzten Metern vor dem Wasserhahn etwa oder im Duschkopf. Für eine wirksame Sterilisation müssten also jedes Mal, wenn die Legionellenschaltung aktiviert ist, auch alle Hähne in den Wohnungen aufgedreht werden. «Das ist in der Praxis kaum umsetzbar und auch sonst wenig sinnvoll», sagt Haller. Ein solches Verfahren wird denn auch nur bei einem positiven Legionellenbefund empfohlen.
Eine tägliche oder wöchentliche Erhöhung der Temperatur im Wassererwärmer auf 60 Grad Celsius ist aus aktueller Sicht nicht zielführend.
Bundesamt für Gesundheit BAG und Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV
Auch das Bundesamt für Gesundheit BAG sowie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV schreiben auf Anfrage klar: «Eine tägliche oder wöchentliche Erhöhung der Temperatur im Wassererwärmer auf 60 Grad Celsius ist aus aktueller Sicht nicht zielführend.» Zum einen gelange das so erwärmte Wasser nicht in alle Bereiche der Installation und vermöge einem Legionellenbefall in den Leitungen nicht vorzubeugen. Zum anderen könne mit der Massnahme die Selektion von Legionellenstämmen mit erhöhter Temperaturtoleranz begünstigt werden.
Ebenso raten die 2020 aktualisierte SIA-Norm 385/1 zu Trinkwarmwasser in Gebäuden wie auch die neuen Richtlinien W3/E3 des Fachverbands für Wasser, Gas und Wärme SVGW – auf die sich auch die überarbeiteten Empfehlungen zu Legionellen und Legionellosen des Bundes stützen – heute nicht mehr zu Legionellenschaltungen.
Dieser Artikel bezieht sich hauptsächlich auf normale Wohnbauten. Die Empfehlungen gelten auch für Schulhäuser ohne Duschen sowie für Verwaltungs- und Geschäftsgebäude ohne Duschen.
Für alle anderen Gebäudearten wie Spitäler, Pflegeheime, Gefängnisse, Hotels oder Sportanlagen mit Duschen gelten andere Empfehlungen und Standards. Unser Beratungsteam für Unternehmen kennt sie und berät Sie gerne – nehmen Sie Kontakt auf.
Vorgaben nach SIA 385/1:2020 entsprechend dem Einfluss der Wassertemperaturen auf Wachstum und Deaktivierung von Legionellen. (Grafik: OST/SPF)
Technische Wege zu besserem Schutz vor Legionellen und mehr Energieeffizienz
Es gibt andere Möglichkeiten, um sowohl Legionellen vorzubeugen als auch Energie zu sparen. Michel Haller weist dabei vor allem auf vier mögliche Wege hin.
Warme Verteilleitungen nur für Mehrfamilienhäuser
In Mehrfamilienhäusern mit mehreren Stockwerken sind warm gehaltene Verteilleitungen meist unumgänglich, wie Haller sagt. Schliesslich soll ja auch die Mieterin im vierten Stock nicht jeden Morgen minutenlang aufs heisse Wasser warten müssen, wenn sie unter der Dusche steht. «In Ein- und Doppelfamilienhäusern dagegen sind sie überflüssig.»
Mit Zirkulationssystemen oder elektrischen Begleitheizbändern steigt nicht nur der Energiebedarf für Warmwasser um 30 bis 50 Prozent an. Man handle sich mit warm gehaltenen Leitungssystemen auch häufiger Probleme mit Legionellen ein, gibt Haller zu bedenken. «Ein aus energetischer wie hygienischer Sicht zweifelhafter Luxus also.»
Dennoch würden oft auch in Einfamilienhäusern die Verteilleitungen warmgehalten, stellt Haller fest. Das sei dann meist einer ungünstigen Raumaufteilung geschuldet, bei der das Wasser vom Speicher bis zur Entnahmestelle zu grosse Distanzen zurücklegen muss. In gut konzipierten Bauten komme die Wärmezentrale direkt unter oder zumindest möglichst nahe an den wichtigsten Wasserbezugsstellen wie Dusche, Badezimmer und Küche zu stehen.
Durchgehende Dämmung für warm gehaltene Wasserleitungen
Wo Verteilleitungen warmgehalten werden müssen, gilt es diese korrekt zu isolieren. Eine sorgfältige und durchgehende Dämmung wirkt nicht nur einem Wärmeverlust und unnötigem Energieverbrauch entgegen. Sie schränkt auch die Vermehrung von Keimen ein.
Gut isolierte Leitungen sind unverzichtbarer Bestandteil eines effizienten und hygienischen Warmwassersystems.
Michel Haller, stellvertretender Leiter des Instituts für Solartechnik SPF an der OST
Denn die Temperatur in einer Wasserleitung ist nicht homogen: Während das Wasser mit 50 oder 60 Grad Celsius durch die Mitte des Rohres fliesst, sinken die Temperaturen zum Rand hin ab. Bei mangelnder Dämmung können sie dort lokal sogar nurmehr 35 oder 30 Grad aufweisen. Für Legionellen sind das ideale Bedingungen genau dort, wo sie sich am liebsten vermehren: im Biofilm an der Rohrwand. «Gut isolierte Leitungen sind darum ein unverzichtbarer Bestandteil eines effizienten und hygienischen Warmwassersystems», betont Haller.
Gute thermische Schichtung im Wärmespeicher gibt Legionellen wenig Spielraum
Nicht zuletzt trägt auch eine gute thermische Schichtung im Wärmespeicher zu Energieeffizienz und Legionellenprophylaxe bei. Im Wärmespeicher steigt warmes Wasser nach oben, und kaltes Wasser sinkt nach unten. Gute thermische Schichtung bedeutet, dass die Schichten möglichst wenig durcheinandergewirbelt und vermischt werden. «Auf diese Weise ist es den Legionellen oben im Wärmespeicher zu warm und unten zu kühl», sagt Haller. Mischtemperaturen von 37 Grad Celsius sind auch aus energetischer Sicht wenig wünschenswert: Wird warmes und kaltes Wasser in der Anlage gemischt, so benötigt die Wärmepumpe garantiert mehr elektrische Energie, um das Wasser zu erhitzen.
Natürlich gibt es aber dennoch immer einen Übergangsbereich zwischen warm und kalt, in dem die Temperaturen für Keime eher günstig sind. «Diese sogenannte Temperatursprungschicht bleibt in einem gut schichtenden Speicher aber nie lange am selben Ort, sondern verschiebt sich stetig», erklärt Haller. An den Wänden des Wärmespeichers, wo sich Legionellen am liebsten vermehren, herrschten deshalb nie über längere Zeit die idealen Bedingungen für eine Vermehrung.
Der Siphon am Wärmespeicher spart und schützt
Aus dem Wärmespeicher gelangt das Warmwasser meist erst zu einem Verteilrohr. Von dort führen dann mehrere Abgänge zu den verschiedenen Leitungen beziehungsweise Entnahmestellen. «Solche Übergangszonen zwischen immer warmen und nur temporär erwärmten Rohren sollten stets siphoniert werden», betont Haller. «Nur so kann man die Temperaturverhältnisse in den Leitungen gut kontrollieren.»
Noch besser ist es aber, den Siphon gleich am Wärmespeicher anzubringen. Zwar müsse man so etwas länger auf warmes Wasser warten, räumt der Fachmann ein. «Dafür beugt man den Keimen besser vor und spart zusätzliche Energie.» Schliesslich wird so jedes Mal, wenn jemand heisses Wasser bezieht, auch die kritische Temperaturzone von 37 Grad Celsius sterilisiert. Bei einer Siphonierung an den Abgängen des Verteilbalkens dagegen werden nur die Übergangszonen jener Entnahmestellen sterilisiert, die man auch regelmässig benutzt. «Wenn also im Gästebad nur einmal im Jahr das Wasser angeht, können Legionellen sich in der übrigen Zeit in diesen Übergangszonen ungehindert vermehren.»
Weil kaltes Wasser schwerer ist als warmes, sinkt es nach unten. Ein U-förmiger Siphon am Anschlussrohr verhindert, dass es in den Speicher zurückfliesst. (Grafik: Cschirp mit Anpassungen)
Tipps für einen effizienten Betrieb und energiesparendes Verhalten
In einem Bereich weisen die Bemühungen um Energieeffizienz und wirksame Vorbeugung jedoch nicht in dieselbe Richtung: «Für erneuerbare Energien gilt generell, dass tiefere Temperaturen besser sind», sagt Haller. Aus hygienischer beziehungsweise prophylaktischer Sicht sind 40 oder 45 Grad Celsius am Eintritt der Duscharmatur aber definitiv zu wenig.
Wie warm muss Warmwasser für wirksamen Schutz wirklich sein?
Wie hoch die Temperatur für den Schutz vor Legionellen sein muss, ist laut Haller aber nicht endgültig geklärt. Die Bandbreite liegt zwischen 50 und 60 Grad. Er selbst hält letzteres für zu hoch. Mit so hohen Temperaturen schaffe man unter Umständen mehr neue Probleme, als dass man die alten löse. Gerade in älteren Bauten seien Kalt- und Warmwasserleitungen thermisch oft nicht sauber getrennt, erklärt Haller. «Die Legionellen sind dann vielleicht nicht mehr im zu kalten Warmwasser zu finden, dafür aber im zu warmen Kaltwasser.» Wo es unbestritten 60 Grad Celsius braucht: Wenn Keime abgetötet beziehungsweise Leitungen sterilisiert werden sollen.
Das wichtigste Kriterium beim Legionellenschutz lässt sich selbst überprüfen
Das wichtigste Einzelkriterium zum Schutz vor Legionellen könne übrigens jede und jeder selbst überprüfen. Die entscheidende Frage: Welche Temperatur weist das Warmwasser an der Entnahmestelle auf? «Spätestens nach etwas über einer Minute sollte dieses bei voller Öffnung des Hahns 50 Grad Celsius erreicht haben», sagt Haller.
Gleichzeitig gilt für Kaltwasser: Die Temperatur sollte stets unter 25 Grad Celsius liegen. Kommt das kalte Wasser zu warm aus der Leitung und sinkt erst nach einiger Zeit unter den gebotenen Wert, ist Vorsicht geboten. Stellt man bei der Überprüfung immer wieder fest, dass die Temperatur des Kaltwassers zu hoch oder jene des Warmwasser zu tief ist, sollte dies der Hausverwaltung, der Vermieterin oder dem Vermieter gemeldet werden. Oder man bietet, im Eigenheim, gleich selbst einen Installateur auf.
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Alltagsverhalten trägt ebenfalls zur Legionellenprophylaxe bei
Zur Vorbeugung vor Legionellen können wir mit unserem Verhalten im Alltag aber auch selbst einen Beitrag leisten. So empfiehlt sich zum Beispiel nach der Ankunft in einem Hotel, einer Ferienwohnung oder nach längerer Abwesenheit auch zu Hause: Zuerst vor allem Duschbrausen anmachen und für ein, zwei Minuten das heisse Wasser laufen lassen. Die Entnahmestellen müssen dazu nicht voll aufgedreht werden, wie Haller betont. Solange die entsprechende Heisswassertemperatur erreicht werde, reiche eine geringe Durchflussstärke aus.
Wenn Armaturen mit Wassersparvorrichtungen verwendet werden, kann dies die Wasserhygiene negativ beeinflussen. Sowohl der verringerte Wasserumsatz wie auch die veränderte Strömung führen zu einer schlechteren Durchspülung der Armatur und der armaturnahen Bereiche. Wassersparende Duschbrausen erzeugen zudem je nach Produkt einen vergleichsweise hohen Anteil kleiner, lungengängiger Wassertropfen.
Wassersparvorrichtungen sollten darum nur bei Installationen zum Einsatz kommen, an denen durch regen Wasserbezug eine rasche Erneuerung des Leitungsinhaltes gewährleistet ist.
Gemäss den Empfehlungen zu Legionellen und Legionellose von BAG und BLV, Modul 11 (PDF), Seite 9, Abschnitt 2.2.5
Ansteckung über die Lunge
Menschen können sich mit Legionellen nur anstecken, wenn diese in die Lunge gelangen. Das geschieht, wenn die Bakterien über sehr fein zerstäubtes Wasser, sogenannte Aerosole, eingeatmet werden. Gefährdet sind vor allem ältere Menschen sowie Personen mit einem geschwächten Immunsystem. Rund zwei Drittel der Betroffenen sind Männer. Im Magen sind die Keime unbedenklich, da sie durch die dortige Säure abgetötet werden. Wer versehentlich etwas kontaminiertes Wasser geschluckt hat, braucht sich also nicht zu sorgen.
Generell gilt jede Infektionserkrankung mit Legionellen als Legionellose – meist geht es aber um zwei spezifische Erkrankungen: die Legionärskrankheit und das Pontiac-Fieber.
Die Legionärskrankheit äussert sich als Lungenentzündung und hat eine Inkubationszeit von zwei bis zehn oder mehr Tagen. Der Verlauf ist je nach Person sehr unterschiedlich. Er reicht von Husten und leichtem Fieber bis zu einer schweren Lungenentzündung, bei der die Person hospitalisiert werden muss.
Erste Anzeichen von Legionärskrankheit sind meist Fieber und Muskelschmerzen, später auch Magen-Darm-Beschwerden. Die Krankheit lässt sich normalerweise gut mit Antibiotika behandeln. In fünf bis zehn Prozent der Fälle verläuft sie aber tödlich.
Das Pontiac-Fieber hat eine viel kürzere Inkubationszeit von einigen Stunden bis wenigen Tagen und tritt meist epidemieartig auf. Die Krankheit weist grippeähnliche Symptome wie Fieber, Husten und Schüttelfrost, aber auch Schwindel und Übelkeit auf.
Das Pontiac-Fieber geht im Gegensatz zur Legionärskrankheit nicht mit einer Lungenentzündung einher und muss nicht mit Antibiotika behandelt werden. Die Symptome verschwinden in der Regel nach zwei bis fünf Tagen wieder.
Seit der Jahrtausendwende hat die Zahl der gemeldeten Legionelleninfektionen in ganz Europa zugenommen – und in der Schweiz besonders stark. 2024 hat das BAG knapp 580 Fälle registriert. Wie weit dies auf mehr erkrankte Personen zurückzuführen ist, und wie stark eine stärkere Sensibilisierung und häufigere Tests zur Reduktion der wohl recht hohen Dunkelziffer beigetragen haben, lässt sich nicht beurteilen. Einen Einfluss haben möglicherweise auch klimatische Veränderungen oder demographische Entwicklungen.
Saison von Juli bis September
Die meisten Fälle werden jeweils von Juli bis September gemeldet. Für Michel Haller von der OST ist die hohe Konzentration von Infektionen im Sommer ein Indiz dafür, dass Nass-Rückkühler eine wichtige Rolle spielen könnten. Solche Systeme werden dort eingesetzt, wo die anfallende Abwärme nicht weiter genutzt, sondern an die Umgebung abgegeben wird. «In grösseren Anlagen geschieht dies oft mit Hilfe von Verdunstungskühlung», sagt der stellvertretende Leiter des Instituts für Solartechnik SPF.
Gut sichtbare Beispiele sind etwa AKW-Kühltürme. Die meisten Systeme aber sind weit weniger auffällig und befinden sich auf den Dächern von Industrie- und Dienstleistungsgebäuden in der Stadt oder in Industriequartieren. «Legionellen können auf diese Weise kilometerweit verbreitet werden», sagt der Fachmann für Energiesysteme. Anlass zu Alarmismus will er damit nicht geben: Angesichts der Tatsache, dass Legionellen in der Umwelt allgegenwärtig sind, seien Erkrankungen mit schwerem Verlauf doch relativ selten.
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