Stromnetz Schweiz: stärker, dichter und schneller

Das inländische Starkstromnetz hat Erweiterungsbedarf. Um mehr Strom durchzuleiten und zusätzliche Kraftwerke anzuschliessen, müssen die Kapazitäten ausgebaut werden. Zudem möchte die Netzagentur den Stromaustausch mit Europa vereinfachen.

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Berglandschaft mit Strommasten

Im Energiesektor werden Schnellzüge aufgegleist. Vor drei Jahren beschloss das Bundesparlament den «Solarexpress», um den Ausbau alpiner Solarparks zu fördern. Seit diesem Winter lässt sich dank diesem Programm Strom in den Zentralschweizer und den Bündner Bergen ernten, wo die ersten hochgelegenen PV-Flächen zur ganzjährigen Energieproduktion in Betrieb sind – auch dank EKZ-Beteiligung. Generell kommt der Zug aber nicht im gewünschten Tempo voran. Droht das gleiche Schicksal auch dem zweiten «Express»?

Der «Netzexpress» soll den Leidensdruck bei der Leitungsinfrastruktur mildern. Das nationale Starkstromnetz ist teilweise veraltet. Einsprachen und Gerichtsverfahren blockieren einzelne Ausbauvorhaben seit über zehn Jahren. Deshalb schlägt die Politik nun eine «Beschleunigung des Bewilligungsverfahrens für den Aus- und Umbau der Stromnetze» vor. Der Entscheid des Parlaments zur Revision des nationalen Elektrizitätsgesetzes steht bevor; der Beschluss wird noch im Frühjahr 2026 erwartet.

Ausbaubedarf: 20 % des ganzen Netzes

Was auf Höchstspannungsebene zu tun wäre, stellt die nationale Netzagentur Swissgrid im strategischen Netz­entwicklungs­plan 2040 vor. In den kommenden 15 Jahren soll rund ein Fünftel des Starkstromnetzes erweitert und verdichtet werden. Die geschätzten Investitionen für die zusätzliche Leitungsinfrastruktur belaufen sich auf 5,5 Mrd. Franken.

Es sind Stromleitungen zu erneuern, die seit ihrem Bau vor fast hundert Jahren noch nie erweitert wurden.

Erforderlich sind Verbesserungen an 31 Netzabschnitten, um entweder eine Stromleitung zu verstärken oder weitere Anschlussknoten zu knüpfen. Darunter befinden sich alte Pendenzen. Gemäss Swissgrid sind auch Stromleitungen zu erneuern, die seit ihrem Bau vor fast hundert Jahren noch nie erweitert wurden.

Kapazitäten sind zu erhöhen

Die punktuellen Verstärkungen dienen einem gemeinsamen Zweck: Damit das Netz in Zukunft nicht überlastet wird, sind die Kapazitäten für den Stromdurchfluss durchgängig zu erhöhen. Geplant sind deshalb Ausbauten an Stellen, die heute einen Flaschenhals bilden respektive an denen Engpässe absehbar sind.

Zusätzlich benötigt die überregionale Stromübertragung nicht nur mehr Leistung, sondern auch neue Anschlüsse. Jeder neue grosse Solar- oder Windpark muss in das Starkstromnetz der Schweiz eingebunden werden können.

Schweizerkarte mit Plan der Starkstromleitungen
Die Ausbaustrategie für die Netzinfrastruktur der Schweiz sieht Massnahmen an über 30 Standorten vor. (Grafik: Swissgrid)

50 % mehr Strom als Ersatz für fossile Energie und für KI

Höhere Kapazitäten und mehr Anschlüsse braucht die Schweiz, weil dereinst mehr Strom im Inland erzeugt, verteilt und konsumiert werden wird. Swissgrid selbst rechnet damit, dass der Stromumsatz mittelfristig um 50 % steigt. Der Netzplan 2040 sieht deshalb Netzerweiterungen vor, die den dezentralen Ausbau und die Dekarbonisierung der Energieversorgung ermöglichen sowie die Digitalisierung des gewerblichen und privaten Alltags begünstigen sollen. Im Detail nehmen die Stromflüsse aus folgenden Gründen zu:

  • Zur Dekarbonisierung des Gebäude- und des Verkehrsbereichs wird fossile Energie durch Elektrizität ersetzt. Immer mehr Häuser werden mit einer Wärmepumpe beheizt, und im Strassenverkehr erhöht sich der Elektromobilitätsanteil.
  • Die Digitalisierung führt zu einem Zuwachs an Daten- und Rechenzentren, nicht zuletzt für KI-Anwendungen. Inzwischen beanspruchen die Datenzentren über 5 % des inländischen Strombedarfs; einen grossen Teil davon für die Kühlung.

Verbesserung zwischen Nord und Süd

Die Netzagentur zieht regionale Erweiterungen möglichst ohne neue Starkstromleitungen vor. Stattdessen soll die Kapazität im Verteilsystem durch zusätzliche Transformatoren erhöht werden. Diese werden in bestehende Unterwerke platziert und erlauben eine flexible Steuerung der Stromdurchleitung nach Bedarf. Derart punktuelle Verstärkungen sind beispielsweise für die Versorgungsregionen Unterwallis, Bündner Oberland und die Agglomeration Zürich geplant.

Auf überregionaler Ebene braucht es einen Ausbau bestehender Trassen für Versorgungssicherheit und Durchleitung.

Auf überregionaler Ebene braucht es dagegen einen Ausbau bestehender Trassen. Potenzielle Schwachstellen zeichnen sich bei der Verbindung der Siedlungsräume im Mittelland mit dem Alpenregionen ab. Weil dort mehr Strom für die Schweiz – beispielsweise mit Speicherseen oder Solarparks – erzeugt werden soll, werden leistungsstärkere Leitungen benötigt.

Die geplanten Ausbauvorhaben erfüllen gemäss Swissgrid einen doppelten Zweck: Zum einen erhöht sich dadurch die inländische Versorgungssicherheit. Zum anderen wird die Kapazität vor allem an denjenigen Netzabschnitten erweitert, die auch für den Stromtransit quer durch die Schweiz unersetzlich sind.

schematische Darstellung mit Häusern und Energieanlagen
So vielfältig vernetzt skizziert Swissgrid das Energiesystem der Zukunft. (Grafik: Swissgrid)

Schweiz: «Batterie von Europa»

Bessere Anschlüsse zwischen der inländischen und der europäischen Netzinfrastruktur  erachtet die nationale Netzagentur als zwingend. Denn die Energiestrategie des Bundes stützt sich auch auf Importstrom. Bis zu 5 % des Inlandbedarfs sollen mit erneuerbarer Energie gedeckt werden, die im Ausland erzeugt wird. Aktuell wird ein vergleichbarer Anteil importiert, wobei der Bedarf im Winter jeweils steigt.

Den grenzüberschreitenden Stromhandel möchte die Strombranche zudem unternehmerisch nutzen. «Die Speicherseen in den Alpen werden zur Batterie für Wind- und Solarstrom aus Nord- oder Südeuropa», beschreibt Swissgrid das künftige Geschäftsmodell für die Schweizer Wasserkraft.

Wie der Stromtransfer zwischen der Schweiz und den europäischen Nachbarstaaten geregelt wird, ist allerdings eine politische Angelegenheit. Aktuell im Gespräch ist ein Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU. Ob dieses zustande kommt, darüber werden das Parlament und die Stimmbevölkerung erst noch befinden.

Gebirgslandschaft mit Staumauer und Stausee
Das Stauwerksystem in der Grimselregion kann teilweise zur Speicherung von Überschussstrom genutzt werden; Ansicht des Spitallammsees. (Foto: Kraftwerke Oberhasli)

Anschluss an ein Gleichstromnetz

Unabhängig vom Staatsabkommen und Netzerweiterungsplan geht die Diskussion über eine europäische Integration bereits in die nächste Runde. Swissgrid beschäftigt sich auch mit dem kontinentalen Stromtransport über leistungsfähige Gleichstromleitungen. Diese ermöglichen den Transport grosser Energiemengen über weite Strecken mit geringem Verlust. Erste Verbindungen sind in Dänemark, den Niederlanden und Deutschland im Bau.

Ein Supergrid-Anschluss an die Schweiz würde die Aussichten für die inländische Versorgungssicherheit weiter verbessern, bestätigt Swissgrid-Sprecherin Sandra Bläuer. «Die Hochspannungs-Gleichstromübertragung kann den grenzüberschreitenden Stromaustausch noch besser gestalten und steuern.» Allerdings gibt es noch keine konkreten Gleichstrompläne. Weder sieht der skizzierte Netzausbau dafür neue Korridore vor, noch existieren Ideen für die Positionierung der Anschlussknoten.

Europakarte: Linien verbinden Regionen im Süden (Solarstrom) mit solchen in Zentraleuropa (Biomasse) und Nordeuropa (Windenergie)
Die Vision eines europäischen Supergrid-Netzes gemäss einer Skizze der nationalen Netzagentur Swissgrid. (Grafik: Swissgrid)

Regional koordinierter Netzausbau

Hohe Priorität besitzt dagegen die Frage, wie Netzerweiterungen im Inland realisiert werden. Tatsächlich möchte Swissgrid die Planung von neuen Vorhaben verbessern. Eine Methode scheint sich dabei zu bewähren, bei der die nationale Netzagentur mit weiteren Verteilnetzbetreibern regional zusammenarbeitet.

Graben an einem bewaldeten Hang neben einem Fluss, darüber ein gelber Helikopter
Im Unterengadin wurde die Mittelspannungsleitung in Erdkabeln verlegt. (Foto: Engadiner Kraftwerke)

Zum Beispiel: Werden bestehende Freileitungen gemeinsam genutzt, lassen sich Strommasten zurückbauen. So konnte die Leitungsinfrastruktur im Tessin und im Engadin an mehreren Stellen umwelt- und landschaftsschonend ausgebaut werden. Mit einem koordinierten Verfahren lässt sich der Ausbau von Stromnetzen also verbessern. Ob auch das Tempo den Ansprüchen des «Netzexpress» gerecht werden kann, muss sich dagegen erst zeigen.