Rauch steigt aus Fabrikkaminen auf
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Warum verfehlt die Schweiz ihre Klimaziele 2020?

Vor sieben Jahren wurde festgelegt, dass die Schweiz bis 2020 den Ausstoss von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent reduzieren muss. Erreicht wurde jedoch nur eine Reduktion von rund 15 Prozent, auch wenn die Coronakrise zusätzliche vorübergehende Einsparungen brachte. Strukturell gibt es noch einiges zu tun, denn während die Emissionen in einigen Bereichen reduziert werden konnten, hat sich in anderen zu wenig getan.

Remo BürgiRemo Bürgi7 min

Der Klimawandel trifft die Schweiz besonders stark. Die durchschnittliche Temperatur hat hierzulande seit 1864 um 2 Grad Celsius zugenommen – doppelt so viel wie im globalen Schnitt. Von den letzten zwanzig Jahren haben es neun in die Top Ten der wärmsten Jahre seit dem Messbeginn vor mehr als 150 Jahren geschafft. Ablesen lässt sich diese Entwicklung auch an den Gletschern in unseren Alpen, die seit den 1970er-Jahren jedes Jahr rund 1 Prozent ihres Volumens verlieren. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnten in dreissig Jahren neun von zehn Gletschern komplett verschwunden sein.
 

Emissionen nach Sektoren

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müssen die Treibhausgasemissionen reduziert werden. Mit dem derzeitigen CO2-Gesetz, das Anfang 2013 in Kraft trat, verpflichtete sich die Schweiz, die Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent zu reduzieren. Zu den Treibhausgasen zählen CO2, Methan, Lachgas und verschiedene synthetische Gase. Alle Emissionen werden zwecks Vergleichbarkeit als CO2-Äquivalente angegeben. Sie stammen im Wesentlichen aus vier Sektoren:

  • Verkehr: 32 %
  • Gebäude: 24 %
  • Industrie: 24 %
  • Übrige: 20 % (v. a. Landwirtschaft und synthetische Gase)

Die Prozentzahlen (Stand 2018) veröffentlichte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) im Frühling 2020 in der Statistik der Schweizer Emissionen von 1990 bis 2018.

Verkehr: realitätsferne Abgaswerte

Die Fahrzeuge auf den Schweizer Strassen sind in den letzten Jahren effizienter geworden: Die Motoren stossen weniger CO2 aus als noch 1990. Dazu beigetragen hat der Trend zu Biotreibstoffen (2018: 3 % aller Treibstoffe). Doch weil die Mobilität insgesamt stark zugenommen hat, lagen die Emissionen des Verkehrssektors 2018 sogar ein Prozent über dem Wert von 1990. Damit dürfte klar sein, dass wir das Reduktionsziel von 10 % hier deutlich verfehlen werden.

Gemäss Patrick Hofstetter, Klimaschutz-Experte beim WWF Schweiz, lassen sich die ungenügenden Resultate im Mobilitätsbereich vor allem auf zwei Aspekte zurückführen. So seien die Flottenziele, welche die Hersteller erfüllen müssen, zwar eine zielführende Vorgabe. Das Problem sieht der Experte darin, dass die relevanten Abgaswerte auf dem Prüfstand erhoben werden. «Diese Fantasiewerte werden in der Realität deutlich verfehlt. Die Emissionen sind daher höher, als sie auf dem Papier sein sollten», erklärt Hofstetter. Auch auf dem Papier war von 2016 bis 2019 aber wieder ein Anstieg auf 138 Gramm CO2 pro Kilometer zu verzeichnen, weil Herr und Frau Schweizer schwerere Autos mit steigendem Allradantrieb-Anteil kauften. Ausserdem finden viele CO2-Kompensationsmassnahmen der Autobranche nicht im Mobilitätsbereich selbst statt, sondern in den anderen Sektoren – und werden in den Statistiken auch bei diesen angerechnet.

Mit Blick auf die nächsten Jahre schätzt Hofstetter die Flottenziel-Vorgaben als zentrales Instrument zur weiteren CO2-Reduktion im Verkehr ein. Von 95 g/km 2021 dürfte der Zielwert bis 2030 auf 60 g/km gesenkt werden. Diese und weitere regulatorische Massnahmen werden dazu beitragen, dass die Elektromobilität noch attraktiver wird und weiter Marktanteile gewinnt. Damit sollten die CO2-Emissionen im Verkehr stark reduziert werden können.

Gebäude: Kantone in der Pflicht

2018 verursachte der Gebäudesektor 34 % weniger Treibhausgasemissionen als 1990. Allerdings ist bei den Gebäuden Vorsicht geboten: Da der Grossteil der Emissionen aus der Beheizung stammt, spielen die Temperaturen im Winter eine entscheidende Rolle. Das BAFU schätzt, dass die Reduktion um 1,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente von 2018 im Vergleich zum Vorjahr zu drei Vierteln auf den milden Winter zurückzuführen ist. Noch immer werden zu viele Gebäude mit fossilen Brennstoffen beheizt. Rechnet man die Witterungseffekte aus der Statistik heraus, dürfte der Gebäudesektor deshalb das Reduktionsziel von 40 % bis Ende 2020 nicht erreichen. WWF-Experte Hofstetter sagt dazu:

Die langsame Umsetzung der MuKEn 2014 durch die Kantone ist der Hauptgrund für das Verfehlen des Reduktionsziels.

Die Kantone hätten auch zu wenig Geld selbst bereitgestellt, sodass die vorhandenen Gelder des Bundes nicht in die Gebäudesanierung investiert wurden. Eine Herausforderung sieht Hofstetter zudem bei der CO2-Abgabe auf Brennstoffe. Dort gibt es ein Mieter-Vermieter-Dilemma: Die Mieter bezahlen die Abgabe, aber für den Heizungsersatz sind die Vermieter zuständig. Diesen fehlt daher der finanzielle Anreiz, auf einen erneuerbaren Energieträger umzusteigen. Nebst der Weiterführung der CO2-Abgabe auf Brennstoffe wäre es für Patrick Hofstetter daher sinnvoll, einen CO2-Grenzwert für neue Heizungen einzuführen. Diese Massnahme ist im neuen CO2-Gesetz vorgesehen und könnte in naher Zukunft umgesetzt werden.

Industrie: der Schein trügt

Mit einem Ausstoss von 11,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten lag die Industrie 2018 um 14 % unter dem Wert von 1990. Damit könnte das Reduktionsziel von 15 % bis 2020 erreicht werden. Allerdings stagnieren die Zahlen beinahe, im Vergleich zu 2017 reduzierte sich der Ausstoss lediglich um 0,2 Millionen Tonnen. Auch der Industriesektor muss also weitere Anstrengungen unternehmen, um die Emissionen zu senken – zumal die 15 % ja nur ein Zwischenziel sind.
Die Industrie profitiert auch davon, dass die synthetischen Gase, die sie emittiert, in der Statistik bei «Übrige» aufgeführt werden. Sie steht also eigentlich zu gut da. Für Hofstetter sind die Zielvereinbarungen, die Industrieunternehmen eingehen, eigentlich ein wirkungsvolles Instrument. «Die Ziele sind aber leider häufig zu wenig ambitioniert und umfassen nur Massnahmen, die so oder so getroffen worden wären», kritisiert er. Auch beim neuen CO2-Gesetz sieht Hofstetter Nachbesserungsbedarf: Statt des langfristigen Ziels «Netto-Null» seien nur stufenweise Reduktionen vorgesehen. Dem WWF-Experten fehlen im Industriebereich insgesamt griffige Regulierungen, welche die nötige Emissionsreduktion anstossen könnten.

Übrige: Ernährung spielt eine grosse Rolle

Zum Sektor «Übrige» zählen die Emissionen aus der Landwirtschaft und von synthetischen (künstlich hergestellten) Treibhausgasen wie Kältemitteln. Die Landwirtschaft stösst seit rund zwanzig Jahren etwa gleich viel aus, im Vergleich zu 1990 liegt der Wert rund 10 % tiefer. Da aber im selben Zeitraum immer mehr synthetische Treibhausgase ausgestossen wurden (2018: 1,7 Millionen Tonnen), wird auch dieser Sektor sein Reduktionsziel von 10 % kaum erreichen.

«Ärgerlich ist, dass ozonschädigende synthetische Gase durch Treibhausgase ersetzt wurden, statt gleich auf umweltschonende Alternativen zu setzen», meint Patrick Hofstetter. Bei den synthetischen Gasen habe man zu lange auf freiwillige Anreize gesetzt – das funktioniere offensichtlich nicht. Bei der Landwirtschaft wiederum sind Methan (aus dem Verdauungstrakt von Wiederkäuern) und Lachgas (aus Kunst- und Hofdünger) die Gase, die vermieden werden sollten. Dazu braucht es entsprechende Anreize im Landwirtschaftsgesetz, wo die Politik indes bei der letzten Revision gemäss Hofstetter zu wenig explizite Massnahmen integriert hat. «Wir als Konsumenten sind aber ebenfalls gefragt», ergänzt er.

Nur wenn weniger Fleisch nachgefragt wird, lassen sich die Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft deutlich senken.

Es gelte daher, Foodwaste zu vermeiden und die Ernährung auf pflanzlicher Basis zu stärken. Beim WWF gibt es weitere Informationen zum Thema nachhaltige Ernährung.

Gesamtbilanz Treibhausgas-Emissionen

Der Blick auf die Gesamtzahlen (siehe Grafik) zeigt, dass die Emissionen in der Schweiz seit Inkrafttreten des bisherigen CO2-Gesetzes am 1.1.2013 abgenommen haben. Die Übersicht zeigt aber auch, dass das Reduktionsziel von 20 % nicht erreicht werden dürfte. Für das Jahr 2020 könnte zwar die Corona-Krise einen positiven Effekt haben, aber dass dieser langfristig anhält, ist eher unwahrscheinlich. Die Zielsetzung von 2013 werden wir also ziemlich sicher verfehlen.

Langfristige Klimaziele

Unabhängig davon, ob die Schweiz die gestecken Ziele zeitnah erreicht oder nicht: Die Klimaziele 2020 waren stets als Zwischenziel gedacht. Sie zeigen, ob man auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Stand heute ist es die Schweiz nicht. Um die nächsten Klimaziele zu erreichen, sind deshalb weitergehende Massnahmen nötig. Schon bis in zehn Jahren muss die Schweiz gemäss dem Pariser Klimaschutzabkommen ihren Treibhausgasausstoss nochmals deutlich reduzieren. Zielwert ist eine Halbierung der Emissionen im Vergleich zu 1990, wovon drei Viertel der Reduktion im Inland stattfinden sollen. Die gesetzliche Grundlage für die Umsetzung dieser Ziele bildet die Totalrevision des CO2-Gesetzes, die das Parlament am 25. September 2020 verabschiedet hat.

Um die nächsten Klimaziele zu erreichen, sind weitergehende Massnahmen nötig.

Das neue CO₂-Gesetz

Das revidierte Gesetz beinhaltet verschiedene Massnahmen, mit denen das Klimaziel 2030 erreicht werden soll. Im Verkehr, wo heute die meisten Treibhausgasemissionen anfallen, soll der Umstieg auf erneuerbare Treibstoffe gefördert werden. Erreichen will man das, indem man die CO2-Emissionsvorschriften für Neuwagen in Abstimmung mit der EU weiter verschärft. Bei den Gebäuden soll die CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe weitergeführt und bei Bedarf erhöht werden, um den Umstieg auf erneuerbare Heizformen zu beschleunigen. Im Bereich der Industrie sollen flexible Massnahmen den Ausstoss weiter senken. Das Emissionshandelssystem der Schweiz ist seit Anfang 2020 mit dem der EU verknüpft. Kleine Unternehmen haben weiter die Möglichkeit, eine Verminderungsverpflichtung abzuschliessen und im Gegenzug keine CO2-Abgabe zu bezahlen. Die Massnahmen für die Landwirtschaft schliesslich sind nicht im CO2-Gesetz enthalten, sondern werden in der Landwirtschaftsgesetzgebung festgelegt.

Netto-Null bis 2050

Auch die Ziele für 2030 sind nur ein Zwischenschritt. Das endgültige Ziel der Schweiz ist, 2050 netto keine Treibhausgase mehr zu emittieren. Netto bedeutet, dass wir dannzumal nicht mehr Treibhausgase ausstossen dürfen, als natürliche und künstliche Speicher aufnehmen können. Dieses Ziel ergibt sich aus dem internationalen Bestreben, die weltweite Klimaerwärmung bis 2050 auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens müssen alle unterzeichnenden Staaten bis Ende 2020 eine langfristige Klimastrategie entwickeln.

Das endgültige Ziel der Schweiz ist, 2050 netto keine Treibhausgase mehr zu emittieren.

Das BAFU ist daran, diese Strategie zu erarbeiten und noch vor Ende dieses Jahres dem Bundesrat vorzulegen. Sie soll die Chancen und Herausforderungen aufzeigen, die mit der Reduktion der Treibhausgasemissionen auf Netto-Null verbunden sind. Zudem wird die neue Klimastrategie notwendige Massnahmen und Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen beinhalten, die für das Erreichen des Klimaziels 2050 notwendig sind.

Umweltverbände fordern übrigens, dass die Schweiz das Ziel Netto-Null deutlich vor 2050 anstrebt. Klima-Allianz und WWF beispielsweise wollen das vor 2040 erreichen, die Klimastreik-Verantwortlichen bis 2030. Als Begründung führen diese Organisationen auf, dass die Schweiz mit ihren technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten ambitioniertere Ziele verfolgen muss als Schwellen- und Entwicklungsländer. Zudem hat die Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten pro Kopf bereits viel mehr Treibhausgase emittiert als diese Staaten.

Klimaziele der EU

Der Blick über die Grenzen zeigt, dass andere europäische Staaten tatsächlich ambitionierter unterwegs sind. Das EU-Parlament zum Beispiel hat Anfang Oktober 2020 das Klimaziel für 2030 verschärft. Es hat in der Vorverhandlung eine Reduktion um 60 % gegenüber dem Wert von 1990 vorgeschlagen, während die EU-Kommission nur 55 % wollte. Um das Klimaziel zu erreichen, sollen 250 Milliarden Euro aus dem Corona-Hilfspaket gezielt in die klimafreundlich arbeitende Wirtschaft gesteckt werden. Zudem sind Förderprogramme für erneuerbare Energien vorgesehen. Die EU steckt sich damit höhere Ziele als die Schweiz.

Einige Staaten gehen noch weiter. Unser Nachbar Österreich beispielsweise will die Klimaneutralität – also Netto-Null – bis 2040 erreichen, zehn Jahre früher als die Schweiz. Und bereits 2030 soll die Stromversorgung des Landes bilanziell zu 100 % erneuerbar sein. Bilanziell bedeutet, dass gewisse Abzüge gemacht werden können, aber real dürfte der Strom aus erneuerbaren Quellen dann dennoch bereits rund 92 % des Stromverbrauchs ausmachen. Damit diese Transformation gelingt, fördert Österreich den Stromsektor in den kommenden zehn Jahren mit 10 Milliarden Euro. Der Fokus liegt wie in der Schweiz auf dem Ausbau der Photovoltaik. Die Investitionen sollen nicht nur der Umwelt zugutekommen, sondern auch 100’000 neue Arbeitsplätze mit inländischer Wertschöpfung generieren.

Schweden gilt als Vorzeigestaat bei der Dekarbonisierung. Das skandinavische Land hat seine Emissionen bis 2017 bereits um 24 % reduziert (Schweiz: ca. 14 %) und will in diesem Tempo weitermachen. Die Klimaneutralität soll schon 2045 erreicht werden, also fünf Jahre vor dem Ziel von EU und der Schweiz. Besonders erfolgreich ist Schweden bei der Dekarbonisierung der Mobilität: Bereits jeder zweite verkaufte Neuwagen ist dort heute ein Elektroauto. Ab 2030 dürfen überhaupt keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden. Bei der Stromversorgung setzt das Land vor allem auf Wasserkraft – und auch auf Atomkraft. 40 % der heimischen Stromproduktion stammen aus Atomkraftwerken, und bisher gibt es keine Pläne, vom Atomstrom abzurücken. Damit verfolgt Schweden einen anderen Weg als die Schweiz, die auch die Kernkraft durch erneuerbare Energie ersetzen will bzw. muss.

Autor

Remo Bürgi, Kommunikator ZFH, arbeitet als Fachjournalist bei Faktor Journalisten. Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität.

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