Was tun gegen die Energiekrise?

Zu wenig Strom, zu wenig Gas, zu teures Heizöl und Benzin. Das Thema Energie beschäftigt seit Monaten die Menschen in der Schweiz und weltweit. Eine Publikation aus Deutschland zeigt, mit welchen Massnahmen die Politik dem Energiemangel entgegenwirken könnte.

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Bundesplatz mit beleuchtetem Bundeshaus vor dunklem Himmel

In den vergangenen Monaten hat sich die Energieversorgung zu einem der dominanten Themen in der Politik und in den Medien entwickelt. Werner Luginbühl, Präsident der Schweizerischen Elektrizitätskommission (ElCom), schloss in einem Interview mit der NZZ am Sonntag nicht aus, dass es im kommenden Winter zu «stundenweisen Stromabschaltungen» kommen könnte – ein Szenario, über das sich in den letzten Jahrzehnten kaum jemand in der Schweiz ernsthaft Gedanken gemacht haben dürfte. Offenbar auch nicht die Verantwortlichen in der Politik, die von der drohenden Energiekrise überrumpelt schienen.

Deutsche Behörde zeigt mögliche Ansätze

Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, mit einfach umsetzbaren Massnahmen kurzfristig Energie zu sparen und damit zu einer Entschärfung der Situation beizutragen. In vielen europäischen Ländern wurden im Frühsommer Sparziele ausgerufen, etwa beim Gasverbrauch. In Deutschland hat das Umweltbundesamt (UBA) schon im Juni ein spannendes Dokument publiziert: Unter dem Titel «Aus der Energiekrise durch Effizienz und Suffizienz» trägt die Behörde «Politikempfehlungen zur Entspannung der Öl- und Gasversorgung in Deutschland» zusammen. Auch wenn sich unser Energiesystem von dem unserer nördlichen Nachbarn unterscheidet, könnten doch viele der aufgeführten Ansätze auch in der Schweiz zur Entschärfung der Lage beitragen.

Energieverbrauch von Gebäuden reduzieren

Wie der Untertitel der Publikation sagt, handelt es sich um Empfehlungen für die Politik und nicht um Tipps für Endverbraucher. Die vorgeschlagenen Massnahmen lassen sich kurz- und mittelfristig umsetzen – und zwar ohne langwierige politische oder rechtliche Bewilligungsprozesse. Der erste Teil zeigt mögliche Massnahmen im Gebäudebereich.

Raumtemperatur senken, Einstellungen der Heizung prüfen

So schlagen die Autoren der UBA-Publikation vor, die Raumtemperatur in allen öffentlichen Gebäuden um 2 °C zu reduzieren und die Heizungen korrekt einzustellen. Damit könne die öffentliche Hand auf allen Staatsebenen ihrer Vorbildfunktion gerecht werden. Zudem wird empfohlen, die Einstellungen der Heizungsregelung zu überprüfen und anzupassen.

Heizkörper-Thermostat
Eine Reduktion der Raumtemperatur in öffentlichen Gebäuden um 2 °C würde nicht nur Energie sparen, sondern hätte auch eine Vorbildfunktion. (Foto: Pixabay/ri)

Das UBA-Dokument weist auch darauf hin, dass Schulen und Universitäten zum Thema passende Projekte anbieten könnten. Ein Vorschlag lautet beispielsweise, dass Schülerinnen und Schüler nach Sparmöglichkeiten suchen und die Hälfte der tatsächlich realisierten Kosteneinsparungen für Schulprojekte erhalten. Dieser Ansatz inklusive Belohnung sei erprobt und ermögliche einen «Multiplikatoreffekt in die Haushalte hinein». Auch viele Unternehmen verfügen bereits über etablierte «Vorschlagswesen», die sich fürs Energiesparen nutzen liessen.

Direkt informieren

Damit Endverbraucher ihr Verhalten ändern, etwa beim Lüften, Absenken der Raumtemperatur oder Wasser sparen, benötigen sie verständliche Informationen, die ihnen aktiv vermittelt werden. Das UBA empfiehlt daher anstelle von passiven Beiträgen im Fernsehen oder auf Plakatwänden, dass die Regierung alle Haushalte persönlich anschreibt. Dabei soll beispielsweise auf bestehende, einfach zu bedienende Online-Tools wie die «Energie-Buchhaltung» verwiesen werden, weil Energieberater schon stark ausgelastet sind. Als weitere Hilfsmittel schlagen die Autoren Video-Tutorials und Energiespar-Wettbewerbe vor. Und: Mieterinnen und Mieter sollen bei ihrem Vermieter Auskunft über durchgeführte Effizienzmassnahmen einholen dürfen. 

Fachkräftemangel entgegenwirken

Im Gebäudebereich fehlen die Fachkräfte, um wichtige Sanierungsmassnahmen schnell umsetzen zu können – in der Schweiz genauso wie in Deutschland. Gemäss dem UBA-Dokument soll dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften entgegengewirkt werden, indem Fachkräfte aus dem Ausland schneller anerkannt und ihre Visen zügig ausgestellt werden. Vorgeschlagen wird auch, Geflüchteten einen einfachen Einstieg in die entsprechenden Berufe zu ermöglichen. Schliesslich sehen die Autoren die Möglichkeit, dass Teile der Energieberatung durch Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Programme (intelligente Zähler) übernommen werden können. Die entsprechenden Programme müsse man aber fördern und marktfähig machen.

Fachmann installiert ein Solarpanel auf einem Dach
Wirksame Massnahme gegen den Fachkräftemangel: Dieser Mitarbeiter von Helion fand über Refugees go Solar+ den Einstieg in die Solarbranche. (Foto: Helion)

Energieverbrauch der Mobilität reduzieren

Nebst den möglichen Politmassnahmen für das Energiesparen in Gebäuden beinhaltet das UBA-Dokument auch solche für den Verkehr. In der Schweiz ist das bisher noch weniger ein Thema, aufgrund der hohen Treibstoffpreise könnte sich das aber noch ändern.

ÖV fördern

Um den Verbrauch von fossilen Treibstoffen zu senken, soll der öffentliche Verkehr gefördert werden. In Deutschland sind dazu eine kurzfristige, temporäre Erweiterung des Angebots sowie mehr personelle, materielle und finanzielle Ressourcen nötig. Mit Verweis auf die grosse Nachfrage nach dem «9-Euro-Ticket» empfehlen die Autoren zudem, ein vergünstigtes Jahresticket für den gesamten öffentlichen Nahverkehr einzuführen – das sogenannte «Deutschlandticket». Um eine Überlastung zu vermeiden, sollten die Fördermassnahmen mit weiteren Massnahmen flankiert werden: mehr Homeoffice, flexiblere Arbeitszeiten oder auch temporäre Radwege.

Tempolimit 100

Eine weitere empfohlene Massnahme ist die Einführung von Tempolimits. Auf den Autobahnen soll man noch maximal 100 km/h schnell fahren dürfen, ausserorts noch 80 statt 100 km/h (in der Schweiz bereits Usus). In Deutschland liessen sich dadurch gemäss Berechnungen des UBA 2 Milliarden Liter Benzin und Diesel sparen, was 3,8 % des Jahresbedarfs in Deutschland entspricht.

TempolimitBerechnete EinsparungEingesparter Treibstoff
120 km/h statt unbeschränkt*1,5 %800 Millionen Liter
100 km/h statt 120 km/h2,3 %1,2 Milliarden Liter
* enthält Einsparungen aus der Reduktion von 100 auf 80 km/h ausserorts

Damit könnte man gleichzeitig ungefähr 5,3 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das entspricht den jährlichen Emissionen von mehr als 2 Millionen Autos (Verbrauch 6 Liter pro 100 km, Fahrleistung 10’000 Kilometer).

Leuchtanzeige auf Autobahn mit Tempolimit 100
Mit einer Begrenzung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen liesse sich der Energieverbrauch deutlich reduzieren. (Foto: Shutterstock/Hadrian)

Autofreie Sonntage

Der Treibstoffverbrauch liesse sich auch reduzieren, indem regelmässig autofreie Sonntage stattfänden. Das UBA schlägt vor, jeden zweiten Sonntag als autofrei zu erklären. Gemäss den Berechnungen des Bundesamts würde dies bis zu 3 % des jährlichen Verbrauchs von Personenwagen und leichten Nutzfahrzeugen sparen. Als begleitende Massnahme sollen an den autofreien Sonntagen die Strassen und Plätze für den Fuss- und Veloverkehr freigegeben werden und die Bevölkerung soll den öffentlichen Nahverkehr an diesen Tagen kostenlos nutzen dürfen.  

Die Schweiz zieht nach

Ende August hat auch der Bundesrat entschieden, etwas gegen die Mangellage im Energiebereich zu unternehmen. Dazu hat er verschiedene Massnahmen definiert, deren Umsetzung allerdings freiwillig bleibt.

Gas sparen

Die Schweizer Gasversorgung ist komplett von Importen aus dem Ausland abhängig. Um einem drohenden Versorgungsengpass im Winter vorzubeugen, soll die Schweiz wie andere Länder Gas sparen. Konkret will der Bundesrat den Gasverbrauch der Schweiz von Oktober 2022 bis März 2023 um 15 % gegenüber dem Schnitt der letzten Jahre senken.

Weil das Gas mehrheitlich für die Wärmeversorgung genutzt wird, liegt dort auch das grösste Sparpotenzial. Haushalte, Industrie, Dienstleistungsbetriebe und die öffentliche Verwaltung werden deshalb aufgefordert, freiwillig möglichst viel Gas zu sparen. Zudem schlägt der Bundesrat vor, bei Zweistoffanlagen von Gas auf Heizöl als Energieträger umzustellen.

Aussenansicht des Bundeshauses in Bern
Auch im Bundeshaus dürfte die Raumtemperatur im kommenden Winter etwas tiefer liegen als gewohnt, um den Energiebedarf zu senken. (Foto: Pixabay/Marcel)

Verwaltung als Vorbild

Ähnlich wie in der Publikation des Umweltbundesamts vorgeschlagen, soll auch hierzulande die Verwaltung dazu beitragen, dass die Mangellage entschärft wird. Die zuständigen Bundesstellen sollen beispielsweise die Heiztemperatur in den Gebäuden senken, nicht benötigte Apparate und Computer abschalten und möglichst wenig persönliche Geräte nutzen, die Strom verbrauchen. Des Weiteren wird geprüft, ob bei einer Mangellage Standorte der Verwaltung zusammengelegt werden können, um weniger Räume beheizen zu müssen. Auch ein vermehrtes Arbeiten im Homeoffice könnte dazu beitragen. Der Bundesrat schlägt Kantonen, Städten und Gemeinden vor, diese und ähnliche Massnahmen zu prüfen und umzusetzen.  

Energiespar-Kampagne

Anfang September hat der Bund eine Kampagne gestartet, die der Bevölkerung und der Wirtschaft vermitteln soll, wie man mit einfachen, rasch umsetzbaren Massnahmen Energie sparen kann. Die Kampagne mit dem Slogan «Energie ist knapp. Verschwenden wir sie nicht.» wird von Kantonen und Gemeinden ebenso unterstützt wie von der Wirtschaft und Energieversorgungsunternehmen. Im Fokus stehen neben dem Heizen auch der Energieverbrauch von Geräten, Anlagen und Beleuchtungen. Privatpersonen und Unternehmen mit Fragen zum Energiesparen können diese an eine Infoline von EnergieSchweiz richten (0800 005 005) oder sich per Mail an hotline@bwl.admin.ch wenden. 

Pressekonferenz des Bundesrats zum Start der Kampagne


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