Wie verändert sich der Energieverbrauch im Alter?

Wenn wir älter werden, verändert sich auch unser Energiekonsum. Wie sieht unser Verhalten aus – und welche Massnahmen helfen bei einem sparsameren Umgang mit den Ressourcen? Zwei Forscherinnen der Universität Tokio haben diese Fragen in jenem Land untersucht, in dem die Bevölkerung schneller altert als sonst irgendwo: Japan.

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Ältere Frau in Ohrensessel mit Fernbedienung vor dem TV-Gerät

Schon heute ist Japan das Land mit dem höchsten Durchschnittsalter der Erde, nirgends altert die Bevölkerung schneller als dort. Bis 2050 wird voraussichtlich fast die Hälfte der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Im selben Zeitraum soll der Ausstoss von Kohlendioxid drastisch gesenkt werden. Andere Gesellschaften bewegen sich in dieselbe Richtung, auch in der Schweiz (BFS) nimmt der Anteil älterer Menschen stetig zu. Es ist deshalb entscheidend zu verstehen, wie sich der Energieverbrauch im Alter verändert.

Von der Pyramide (1900) über eine spitze Säule (1950) zur mittig verdickten Spindel (2020)
Altersaufbau der Schweizer Bevölkerung in den Jahren 1900, 1950 und 2020. (Grafik: Bundesamt für Statistik BFS; Quellen: BFS – STATPOP, VZ; © BFS 2021)

Die Wissenschaftlerinnen Yoshie Yagita und Yumiko Iwafune von der Universität Tokio untersuchten dazu anhand von statistischen Daten wie auch mit Interviews bei älteren Menschen zu Hause, wie sich deren Energiekonsum vom Verhalten jüngerer Menschen unterscheidet. Sie konzentrierten sich ausschliesslich auf das Verhalten im Haushalt: Dort dürfte der Energiekonsum mit fortschreitendem Alter eher zunehmen, da die Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen, während der Verbrauch beispielsweise bei Transportmitteln eher abnimmt.

Häuser und Haushaltgeräte häufig älter bei Älteren

Die Ergebnisse der kürzlich in der Fachzeitschrift Energy Research & Social Science publizierten Studie zeigen: Ältere Menschen leben öfter in grösseren und älteren Wohnungen oder Häusern als Junge. (Mehr zur Wohnsituation im Alter im Beitrag «Wohnen im Alter energieeffizient gestalten».)

Arbeitsfläche in Küche mit Kaffeemaschine und diversen weiteren klassischen Küchenmaschinen
Ältere Haushaltgeräte haben für ältere Menschen oft auch sentimentalen Wert. (Foto: Pexels / Dayvison de Oliveira Silva – Bearbeitung: Energie-Experten)

Ältere besitzen auch mehr Haushaltgeräte und dabei auch häufiger solche, die bereits in die Jahre gekommen sind. Wie die beiden Autorinnen erwartet haben, verbringen ältere Menschen mehr Zeit zu Hause und setzen Haushaltsgeräte sowie Heizungen entsprechend mehr und länger ein.

Zudem nehme das Wissen über energieeffiziente Technologien als auch die Bereitschaft, sich dieses anzueignen, mit zunehmendem Alter tendenziell ab, stellen die Forscherinnen weiter fest. Das bedeutet auch, dass bisweilen an falschen Vorstellungen festgehalten wird: etwa dazu, wie kompliziert die Installation oder Anwendung eines neuen Produkts tatsächlich wäre oder wieviel mehr Energie ältere Geräte und Anlagen wirklich verbrauchen.

Grosse Veränderungen oder langfristige Investitionen wie etwa bessere Wärmedämmung kommen für viele Ältere nicht in Frage.

Grosse Veränderungen oder langfristige Investitionen wie etwa bessere Wärmedämmung kämen für viele gar nicht erst in Frage, heisst es in der Studie. Die Befragten würden dies unter anderem damit erklären, dass sie ja gar nicht wüssten, wie lange sie noch zu leben hätten. Grundsätzlich verstärke sich im Alter die Tendenz, am Status Quo festzuhalten und Gewohnheiten ungern aufzugeben. Selbst Vorschläge für weniger aufwendige Massnahmen wie etwa der Einsatz energieeffizienter Fenster stiessen auf wenig Begeisterung, schreiben die Wissenschaftlerinnen. Für die meisten Befragten kämen modernere Produkte nicht in Frage, solange die bisherigen noch funktionierten – selbst wenn der Energieverbrauch deutlich reduziert werden könnte. Hinzu kommt, dass ältere Haushaltsgegenstände oft auch sentimentalen Wert haben.

Ratschläge für weniger Energieverbrauch im Alter

Yoshie Yagita und Yumiko Iwafune wollen mit ihrer Studie nicht nur das Energieverhalten in alternden Gesellschaften verstehen, sondern auch Chancen für einen sparsameren Umgang mit Energie aufzeigen:

1) Lösungen für mehr Energieeffizienz früh umsetzen

Wendepunkte in unserem Leben wie der Auszug aus dem Elternhaus, die Geburt eines Kindes und eben auch die Pensionierung sind günstige Momente, um alte Gewohnheiten zu überdenken und Veränderungen voranzutreiben. Je älter wir werden, desto schwerer fällt es in der Regel, uns noch einmal mit Neuem anzufreunden. Die beiden Autorinnen empfehlen deshalb, dass Entscheidungen wie die Renovation des eigenen Zuhauses, der Umzug in eine kleinere Wohnung oder auch die Anschaffung eines neuen Kühlschranks oder Geschirrspülers im Alter möglichst früh gefällt werden sollten. Liessen die physischen und kognitiven Fähigkeiten erst einmal nach, kosteten diese zunehmend mehr Überwindung.

2) Botschafter sind so wichtig wie die Botschaft selbst – oder gar wichtiger

Yoshie Yagita und Yumiko Iwafune mussten in ihren Gesprächen immer wieder feststellen, dass ihre Ratschläge für mehr Energieeffizienz in der Regel wenig Gehör fanden – und das, obwohl sie ausgewiesene Expertinnen sind auf diesem Gebiet. Gleichzeitig trafen sie in den besuchten Haushalten durchaus auch moderne und energieeffiziente Kühlschränke oder Klimaanlagen an.

Information alleine führt noch keine Verhaltensänderung herbei.

Oft erzählten die interviewten Personen dann, dass etwa der lokale Elektrofachhändler oder die langjährige Haushalthilfe den Ausschlag für die Anschaffung gegeben habe. «Information alleine führt noch keine Verhaltensänderung herbei», schreiben die Forscherinnen dazu. Genauso wichtig wie die Botschaft – wenn nicht noch wichtiger – sei auch die Botschafterin oder der Botschafter. Zum selben Schluss kamen kürzlich übrigens auch drei Forscherinnen in einer Schweizer Studie zur Akzeptanz von Photovoltaikanlagen.

Natürlich lässt sich das Energieverhalten älterer Menschen nicht einfach über einen Kamm scheren. Die geografischen und wirtschaftlichen Bedingungen eines Landes spielen ebenso eine Rolle wie individuelle Gewohnheiten oder Überzeugungen. Trotzdem dürfte sich die festgestellten Tendenzen und Verhaltensmuster bis zu einem gewissen Grad auch auf Länder wie etwa die Schweiz übertragen lassen – oder zumindest als Ausgangspunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung dienen


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