Windkraftlärm: Sorgen sind oft unbegründet

Die Sorge um Turbinengeräusche beschäftigt Anwohnerinnen und Anwohner stark, wenn in der Umgebung eine Windkraftanlage geplant ist. Eine Schweizer Studie zeigt: Der tatsächliche Lärmpegel und die geografische Distanz erklären diese Bedenken nur in den wenigsten Fällen.

6 Min.
Bewaldeter Hügel, vereinzelte Häuser oder Höfe, im Hintergrund zwei Windkraftanlagen

Wenn eine neue Windenergieanlage projektiert ist, gehören Lärmsorgen zu den meistgeäusserten Bedenken von Anwohnerinnen und Anwohnern. Gerade in der Planungsphase kann diese Sorge wesentlich darauf Einfluss nehmen, ob man sich für oder gegen ein Projekt ausspricht.

Umso wichtiger ist es deshalb zu verstehen, woher diese Bedenken kommen: Hängen sie einzig mit der räumlichen Entfernung zur geplanten Anlage und dem voraussichtlichen Geräuschpegel zusammen? Oder spielen noch andere Gründe eine Rolle? Diesen Fragen sind Nathalie Dällenbach und Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen nachgegangen.

Distanz zur Anlage erklärt Lärmsorgen ungenügend

Die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler am Institut für Wirtschaft und Umwelt haben sich einerseits auf die Antworten aus einer schweizweiten Befragung von mehr als tausend Personen zur sozialen Akzeptanz von Windkraftanlagen gestützt. Zum anderen haben die beiden Forschenden für ihre Studie, die Mai 2022 im Fachjournal Energy Research & Social Science erschienen ist, Gesprächsprotokolle aus einem öffentlichen Konsultationsprozess zu einem Windkraftprojekt im appenzellischen Oberegg analysiert.

Sie stellten dabei Überraschendes fest: Betrachtet man einzig die Haltung von Menschen in unmittelbarer Nähe eines geplanten Projekts – einem Umkreis von maximal einem Kilometer also in dieser Studie – so zeigt sich ein Zusammenhang, den wohl die meisten so erwarten würden: Je näher jemand an einer geplanten Anlage lebt, desto eher äussert er oder sie Lärmbedenken. Das leuchtet ein, schliesslich sind Turbinengeräusche in direkter Nachbarschaft eher zu erwarten als in grösserer Distanz.

Neun von zehn Besorgten wohnen ausser Hörweite geplanter Windkraftanlagen

Schaut man sich jedoch Haushalte an, die weiter entfernt sind, gibt es keinen solchen Zusammenhang: Hier lässt sich die Sorge um Lärm nicht mehr mit den voraussichtlichen Turbinengeräuschen und der Distanz zur projektierten Anlage erklären. Mehr noch: Über 90 Prozent der Personen, die in der Studie von Dällenbach und Wüstenhagen Bedenken geäussert haben, wohnen mehr als einen Kilometer, viele sogar mehr als zehn Kilometer vom geplanten Windkraftwerk weg – und damit physisch schlicht ausser Hörweite des Projekts.

Wer mit Windkraftwerken vertraut ist, fürchtet sich weniger vor Lärm

Warum also machen sich diese Menschen trotzdem solche Sorgen – so grosse vielleicht sogar, dass sie sich gegen ein geplantes Projekt aussprechen? Ein Blick auf diejenigen Befragten, die schon heute in Sichtweite einer existierenden Windenergieanlage leben, liefert einen Hinweis auf die mögliche Antwort – denn die Studie der beiden Forschenden zeigt klar: Wer sich Windkraftwerke in der erweiterten Umgebung bereits gewohnt ist, sorgt sich weniger um Lärm als andere Menschen.

Die fehlende Vertrautheit mit der Windenergie scheint ein entscheidender Grund zu sein, dass sich Menschen um Turbinengeräusche sorgen.

Hügelzug mit 8 Windkraftanlagen
Windpark Mont Crosin im Berner Jura. (Foto: Joël Baume / Suisse Eole)

Die fehlende Vertrautheit mit der Windenergie – sie scheint ein entscheidender Grund zu sein, dass sich auch Menschen um Turbinengeräusche sorgen, die eigentlich zu weit weg wohnen. Gerade in der Schweiz, wo bisher nur rund vierzig grössere Windkraftanlagen existieren, wissen erst wenige Menschen aus erster Hand, wie es ist, in der Nähe eines Windkraftwerkes zu leben. Die Angst vor Lärm zieht deshalb offenbar viel weitere Kreise als es das physische Geräusch je könnte.

Kosten und Nutzen der Windkraft gerecht verteilen

Die Planungsphase ist eine besonders kritische Zeit, wenn es um die Akzeptanz von Windkraftanlagen geht. Gerade in der Schweiz sind Planungsphasen für Windkraftprojekte bislang besonders lang: Gut zehn Jahre vergehen hier bis zum Aufbau einer Anlage; im europäischen Schnitt sind es gerade einmal viereinhalb.

Menschen ohne Windkrafterfahrung stützen sich bei der Risikoeinschätzung eher auf Kampagnen

Im Gegensatz zu Fachleuten stützen sich viele Anwohnerinnen und Anwohner nicht unbedingt auf direkte Erfahrungen und objektives Wissen, wenn es darum geht, Risiken beziehungsweise Nachteile im Zusammenhang mit der Windenergie einzuschätzen. Vielmehr ist ihre Meinung stark von persönlichen Gesprächen oder auch Kampagnen von Projektgegnerinnen und Projektgegnern geprägt.

Haltung zur Windkraft gleicht einer U-Kurve: Positiv am Anfang und am Ende – aber mittendrin harzt es manchmal

Grundsätzlich gleicht die Haltung der Bevölkerung zur Windkraft oftmals einer U-Kurve: Viele Menschen stehen der Windkraft als erneuerbare Energiequelle eigentlich sehr positiv gegenüber. Doch steht dann ein konkretes Projekt an, regen sich auf einmal Ängste und Zweifel – und negative Auswirkungen wie Geräuschemissionen werden oft überschätzt. Befindet sich die Anlage dann aber erst einmal in Betrieb, überwiegt meist wieder eine wohlwollende oder zumindest neutrale Haltung.

Ist eine Anlage erst einmal in Betrieb, überwiegt meist eine wohlwollende oder zumindest neutrale Haltung.

Wie stark diese U-Kurve am Schluss wieder ansteigt, hängt entscheidend davon ab, ob die Erwartungen und Sorgen der Menschen in der Planungs- und Bewilligungsphase gehört und ernst genommen werden. Ganz wichtig ist, dass alle Beteiligten und Betroffenen in den Entscheidungsprozess einbezogen und Kosten wie auch Nutzen gerecht auf Bevölkerung, Gemeinden und Regionen verteilt werden.

So plant man Windkraftprojekte erfolgreich

Für eine erfolgreiche Planungsphase sollten Projektverantwortliche und weitere Entscheidungsträger deshalb die Lärmbedenken von sehr nahe und weiter entfernt lebenden Menschen auf unterschiedliche Arten angehen:

1. Technologische Lösungen zur Geräuschminderung und Verteilungsgerechtigkeit sichern

Wer direkt an einer geplanten Windkraftanlage wohnt, geht zu Recht davon aus, dass diese unter Umständen von zu Hause aus zu hören sein wird. Zwar handelt es sich hier normalerweise nur um ein paar wenige Haushalte, doch gilt es diese Bedenken sehr ernst zu nehmen, wie Dällenbach und Wüstenhagen in ihrer Studie betonen. Hier ist es nicht nur wichtig, dass Kosten wie auch Nutzen einer solchen Anlage fair verteilt werden. Es gilt selbstverständlich auch, technologische Massnahmen zur Effizienzsteigerung und Geräuschminderung wie Winglets, Shark Fins oder Turbulatoren auszuschöpfen.

2. Skeptische und besorgte Menschen mit Windkraft vertraut machen

Geht es hingegen um die Lärmbedenken von Menschen, die eigentlich zu weit von einer geplanten Anlage weg wohnen, ist der Ansatz ein anderer: Hier geht es in erster Linie darum, besorgte und skeptische Anwohnerinnen und Anwohner mit der Windkraft vertraut zu machen und ihnen aufzuzeigen, wie weit deren Geräusche überhaupt reichen. Eine erste Annäherung ist zum Beispiel über Simulationen oder virtuelle Realität möglich, oder noch besser: mit Exkursionen zu bereits bestehenden Anlagen.

Solche Exkursionen bot übrigens auch EKZ im Zusammenhang mit dem geplanten Windpark Thundorf für die Gemeinden an. Neben dem Lärm gibt es aber auch viele weitere Fragen rund um Windkraftprojekte: EKZ hat deshalb die wichtigsten Antworten zu den Aspekten Licht und Schatten, Tiere und Pflanzen, Eisbildung und Recycling auf der Seite Mensch und Umwelt zusammengestellt.

Kurzfilme zu Windkraft-Einflüssen

Studierende der ZHAW Wädenswil haben im Fach Umweltingenieurwissenschaften, Modul Umweltkommunikation, Kurzfilme zum Thema «Negative Einflüsse von Windenergieanlagen auf den Menschen» produziert. Die Videos entstanden im Frühlingssemester 2022 in Zusammenarbeit der Abteilung Energie, Kanton Thurgau. Wir zeigen zwei Ausschnitte mit Informationen zum Thema Lärm.

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  • Marsano Alessandra

    Vor 2 Wochen

    Es gibt bereits Windräder ohne rotierende Blätter und daher kaum hörbar! Siehe Start-up in Spanien.

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