Es gehe nicht ums Wenden, sondern um eine Weiterentwicklung hin zu neuen Effizienztechnologien, sagt Dr. Walter Steinmann, Direktor Bundesamt für Energie.

Herr Steinmann, Kritiker sagen, die Energiewende sei nicht zu schaffen. Ihre Antwort?

Es gibt nichts zu wenden. Der Begriff Energiewende vermittelt ein falsches Bild. Vielmehr geht es um eine evolutionäre Weiterentwicklung der Energieversorgung, die angesichts der alternden Energieinfrastrukturen sowieso unumgänglich ist. Diese Weiterentwicklung, nämlich die intelligente Verknüpfung der herkömmlichen mit gänzlich neuen Technologien, wollen wir mit der Energiestrategie 2050 ermöglichen. Sämtliche Modelle und Berechnungen zeigen, dass dies technisch und wirtschaftlich umsetzbar ist. Es braucht aber den Willen zur Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Sind die Kosten für die Energiewende, die auf bis zu 150 Milliarden Franken geschätzt werden, nicht zu hoch?

Die Erneuerung der Energieinfrastruktur, die in die Jahre gekommen ist, ist unausweichlich. Und sie kostet viel Geld. Es wäre daher unverantwortlich gegenüber kommenden Generationen, wenn wir bei den ohnehin anstehenden Investitionen nicht auf modernste Technologien setzen, die langfristig kostengünstiger sind, uns unabhängiger machen und der Schweiz mehr Versorgungssicherheit garantieren. Pro Jahr kostet dies lediglich eine Milliarde Franken mehr als wir ohnehin in die Erneuerung der Energieinfrastruktur stecken müssen. Eine Milliarde Franken ist übrigens etwa so viel, wie wir Schweizer pro Jahr für Schokolade ausgeben.

"Es braucht den Willen zur Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik"

Sie rechnen in Ihren Strategien mit einem leicht abnehmenden Energieverbrauch ab 2020 bis 2050 in der Schweiz. Ist das realistisch? Die Bevölkerung nimmt weiter zu.

Der Energieverbrauch pro Kopf wird abnehmen, weil neue Technologien die Effizienz massiv erhöhen helfen. Im Gebäudesektor haben wir beispielsweise seit den Siebzigerjahren den Verbrauch bei den Neubauten um 75% gesenkt. Nun werden Plusenergiebauten zum Standard, also Gebäude, die mehr Energie produzieren als sie selbst verbrauchen. Ähnliches spielt sich in der Industrie und in der Mobilität ab.

Was den Stromverbrauch betrifft: Es ist doch gut möglich, dass das Szenario „Weiter wie bisher“ dasjenige ist, das der Realität am nächsten kommt.

„Weiter wie bisher“ ist nicht realistisch. Erstens zeigen die Entwicklungen auf dem Strommarkt bereits heute, dass dieses Szenario überholt ist und sich damit kein Geld mehr verdienen lässt. Und zweitens sind zusätzliche Energieinfrastrukturen nicht leicht zu realisieren, die gesellschaftliche Opposition ist gross, sei es gegen neue Stromleitungen, Windenergieanlagen, etc. Wir müssen mit einer glaubwürdigen Effizienzpolitik beweisen, dass nur zugebaut wird, wenn es keine Alternativen gibt.

Wird die Schweiz unter dem Regime der „Energiewende“ in Bezug auf die Stromversorgung abhängiger vom Ausland?

Nochmal: Es geht nicht ums Wenden sondern um eine Weiterentwicklung hin zu neuen Effizienztechnologien, zu dezentralen Produktionsanlagen, die Nutzung von erneuerbaren Energien, Plusenergiebauten.  Daneben macht es – wie schon heute – Sinn, stromtechnisch optimal mit Europa vernetzt zu sein. Nur so können wir die Versorgungssicherheit garantieren. Ein Inseldenken bei der Stromversorgung ist illusorisch: Wenn in Europa die Lichter ausgehen, trifft es auch die Schweiz.  Deshalb sollten wir als Ziel haben, mit unseren Trümpfen zu einer hohen Versorgungssicherheit der Schweiz und Europas beizutragen.

Die Gefahr aber besteht doch, dass die Schweiz nach dem Abschalten der Atomkraftwerke „dreckige Energie“ aus Deutschland bezieht, also Strom, der aus Kohlekraftwerken stammt.

Auch die alten Kohlekraftwerke in Deutschland und anderen Ländern kommen einmal ans Ende ihrer Tage. Und sie werden nicht mehr konkurrenzfähig sein, wenn die EU ein CO2-Emissionssystem konzipiert, das der erneuerbaren sowie der emissionsarmen fossilen Stromproduktion klare Priorität zuweist.

Was die Windenergie betrifft, sind Ihre Ziele womöglich zu weit gesteckt. Überall, wo Windturbinen aufgestellt werden sollen, wehrt sich die Bevölkerung.

Erreichen wollen wir die Ziele bis 2050, also haben wir noch rund 35 Jahre Zeit. Im Parlament sind jetzt die Beratungen angelaufen, mit welchen planerischen und baurechtlichen Instrumenten der Ausbau der Windenergie wirklich gefördert werden kann. Die Abwägung zwischen Schutz und Nutzen soll konstruktiv erfolgen können.

"Im Gebäudesektor haben wir seit den Siebzigerjahren den Verbrauch bei Neubauten um 75% gesenkt"

Die Photovoltaik soll nach den bestehenden Szenarien einen Anteil von über 10 Prozent an der Stromproduktion erreichen. Heute sind wir bei etwas über einem Prozent, bei einem enormen Wachstum. Wann sind die 10 Prozent erreicht?

Wir nennen keine Jahreszahlen wie wir auch keine gesetzlich verpflichtenden Vorgaben für einzelne Technologien machen. Der Markt, also die Energiewirtschaft und Energiekonsumenten, sind für den Ausbau verantwortlich. Wir freuen uns, dass die Photovoltaik  Jahr für Jahr kostengünstiger wird und die Montage dank neuen Fertigungstechniken ebenfalls schneller und billiger wird. Die Branche braucht kostenmässig ambitiöse Vorgaben, damit sie mittelfristig Kostenparität mit den traditionellen Energieträgern erreicht.

Ist es möglich, vielleicht mit Photovoltaik sogar mehr als 10 Prozent zu erreichen? Und welche Ausbauschritte wären allenfalls dazu laut dem Bundesamt für Energie notwendig?

Wir sind am Anfang einer Reise bis 2050. Wer schon jetzt jedes Detail präzise vorausbestimmen und klar rechtlich definieren will, sollte zum Arzt gehen, sagt zurecht der Philosoph Ludwig Hasler. Wir haben ein Ziel vor Augen und werden den Kurs aufgrund von technologischen Entwicklungen, Veränderungen der Märkte aber auch neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen in den kommenden Jahrzehnten sicher mehrmals anpassen müssen.

Wie wollen Sie der Bevölkerung den Einsatz von Gaskombikraftwerken, die einen hohen Ausstoss an CO2 haben, erklären? Sind sie überhaupt nötig?

Versorgungssicherheit ist das vorrangige Ziel. Wenn wir ohne Gaskraftwerke auskommen,  umso besser. Aber wir sollten uns für alle Eventualitäten wappnen und Gas bei Bedarf für die Stromproduktion einsetzen können. Sie aus Prinzip auszuschliessen wäre kurzsichtig, wie jedes Technologieverbot. Falls Gaskraftwerke tatsächlich zum Einsatz kommen, sehe ich ihr Einsatzgebiet vor allem in Wärmekraftkoppelungsanlagen in der Industrie und grossen Ballungsräumen, oder allenfalls in der Steuerung und Regelung von Bedarfsspitzen.

Das Interview wurde im September 2014 von der BauHolzEnergie AG im Hinblick auf die BauHolzEnergie-Messe geführt.

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