Nicht Energieknappheit ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts, sondern der gesellschaftliche Konsens darüber, wie die vorhandenen erneuerbare Energiepotentiale erschlossen und genutzt werden sollen. Die Initianten des DESERTEC-Projekts wollen erneuerbare Energien dort nutzen, wo die Bedingungen dafür ideal sind – Solarenergie im Sonnengürtel in Nordafrika und Windenergie in Küstennähe.

Es wird enger auf der Erde. Ende letzten Jahres wurde der siebenmilliardste Erdbewohner geboren und laut der UNO kommt bis zum Jahr 2050 noch einmal die Hälfte der heutigen Bevölkerung hinzu. Dann brauchen zehn Milliarden Menschen Nahrung, Wasser und Energie. Im Hinblick auf die Energiefrage befindet sich die Weltgemeinschaft in einem Teufelskreis. Der weltweite Energiehunger wird hauptsächlich durch Verbrennen fossiler Energieträger gestillt und heizt durch die CO2-Emissionen das Weltklima auf. Die Auswirkungen des Klimawandels machen Trinkwasser knapper und erschweren die Nahrungsmittelproduktion.

Wohlstand und Energieverbrauch

Noch immer sind Wohlstand und Energieverbrauch zwei Grössen, die gekoppelt sind. Mehr Wohlstand führt zu steigendem Energieverbrauch. Für Menschen, die in Industrieländern leben, ist es selbstverständlich, eine warme Wohnung zu haben und sich durch elektrische Geräte wie Computer, Kühlschrank oder Waschmaschine das Leben einfacher zu machen. Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen ungefähr drei Mal so viel Energie wie unsere Eltern, als sie jung waren. Es überrascht nicht, dass Entwicklungsländer sich an der energieintensiven Lebensweise der westlichen Welt orientieren. Die Energienachfrage steigt in diesen Regionen bereits stark und holt zum Verbrauch der Industrieländer auf.

DESERTEC – eine Antwort auf grosse Herausforderungen

Erneuerbare Energien spielen eine tragende Rolle für die Eindämmung des Klimawandels und die Versorgung der Welt mit Nahrung und Wasser. Auch wenn Öl knapper wird, ist Energiemangel nicht die wahre Herausforderung. Dringender ist die Frage, wie erneuerbare Energiequellen erschlossen und genutzt werden sollen. In sechs Stunden empfangen die Wüsten der Erde so viel Energie, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Ein Bruchteil der Wüstenfläche reicht somit aus, um die Welt mit Strom zu versorgen. Das DESERTEC-Projekt will diese und weitere Potenziale nutzen und die globale Energieversorgung aus dem fossilen Zeitalter hieven.

Die Vision ist bestechend und technisch umsetzbar. Erneuerbare Energie soll dort genutzt werden, wo die Bedingungen dafür am besten sind: Windenergie an den Küsten Europas und in Nordafrika, Sonnenenergie in Südeuropa und im Sonnengürtel. Durch ein Netz von verlustarmen Stromautobahnen (Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen oder HGÜ), das Europa und die Mittelmeerregion umspannt, fliesst die Energie in die Verbrauchszentren vor Ort und ein geringer Teil nach Europa.

Viele erneuerbare Energietechnologien sind marktreif und bezahlbar. Photovoltaikmodule werden durch verbesserte Produktionsprozesse von Monat zu Monat günstiger. Damit purzeln auch die Produktionskosten des Stroms. Windparks sind heute leistungsstärker und nur noch halb so teuer wie vor zehn Jahren. Der Strom aus den Anlagen kostet genau so viel wie konventionell produzierter Strom. Inzwischen erwerben auch Schweizer Energieversorger Windkraftwerke in ganz Europa.

Bandenergie von der Sonne

Solarthermische Kraftwerke in der Wüste erzeugen gleichmässig Strom und ergänzen die Windkraft ideal. Die Sonnenenergie wird durch Spiegel gebündelt. Die hohen Temperaturen, die dabei entstehen, erzeugen Wasserdampf. Der Dampf treibt Turbinen an und Generatoren erzeugen Strom. Solarthermische Kraftwerke bestehen zum Grossteil aus Bauteilen, die auch in einem Kohlekraftwerk verwendet werden könnten. Anstatt des Heizkessels nutzt das Solarkraftwerk jedoch die durch Spiegel gebündelte Sonne. Kraftwerksteile können somit auf dem Weltmarkt gekauft werden und machen die Anlage günstiger.

Der Wüstenstrom deckt in erster Linie die lokale Nachfrage, denn Nordafrikas Energiehunger wächst schnell. Lediglich die Überschüsse sollen in die EU exportiert werden. Bau und Betrieb von Sonnenkraftwerken schaffen Arbeitsplätze vor Ort und bieten neue Wohlstands- und Entwicklungsperspektiven für wirtschaftlich wenig entwickelte Regionen, ohne das Klima zu belasten. 

Erneuerbare Energie und deren Bedeutung für die Schweiz

Schweizer Energieversorger investieren bereits kräftig in erneuerbare Energiekraftwerke in ganz Europa. So baut die EBL mit IWB, ewz, EKZ und ewb ein solarthermisches Kraftwerk, das im kommenden Jahr ca. 11`000 Haushalte mit Sonnenstrom beliefern wird. Zunächst in Spanien, langfristig will man den Strom auch in die Schweiz importieren. 

Kritische Stimmen wenden gegen solche Auslandsinvestitionen ein, dass sie den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Schweiz bremsen würden. Die DESERTEC-Vision will jedoch sowohl lokale Potenziale, als auch umfassende Lösungen nutzen: So liessen sich zum Beispiel alle geeigneten Dächer in der Schweiz mit Photovoltaik-Modulen ausstatten und zugleich solarthermische Kraftwerke in Marokko fördern. Denn das lokale Engagement in der Schweiz reicht nicht aus, um den Klimawandel einzudämmen. Genausowenig, um im Jahre 2050 zehn Milliarden Menschen nachhaltig mit Energie zu versorgen.

Rote Linien zeigen neue, verlustarme HGÜ-Leitungen, die jeweiligen Symbole definieren Standorte für die Erzeugung erneuerbarer Energie. Das grosse rote Quadrat markiert die Fläche, die notwendig ist, um den weltweiten Strombedarf zu decken.

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