Ein Zedernwald in der Vertikalen: Nach dem Bosco Verticale in Milano wird auch die 7500-Einwohner-Gemeinde Chavannes-près-Renens einen begrünten Wohnturm erhalten.


«Tour des Cèdres» – das neue Wahrzeichen im Westen Lausannes soll der höchste Turm der Romandie werden. Mit seinen 117 Metern ist er lediglich 9 Meter kleiner als der Zürcher Prime Tower. Sieben Architekturbüros aus der Schweiz, aus Spanien, Italien und den USA hat die private Bauherrschaft zu einem Wettbewerb eingeladen, unter ihnen auch Mario Botta, dessen Projekt den zweiten Platz belegte. Der Mailänder Architekt Stefano Boeri vermochte die Jury mit seinem Vorschlag für den «Tour des Cèdres» zu begeistern.

Nachhaltiger Wohnraum

Im Februar 2014 haben die Bewohnerinnen und Bewohner der Waadtländer Gemeinde Chavannes-près-Renens an der Urne ja gesagt zum Quartierplan «Les Cèdres». Die erste Bauetappe, die bereits im Gang ist, umfasst drei Gebäude, eine Parkgarage und eine Passerelle für den Langsamverkehr über die naheliegende Autobahn. Das Herz der Grossüberbauung, die auch ein rund 5000 Quadratmeter grosses Einkaufscenter beherbergt, ist ein üppig begrüntes Hochhaus mit 36 Geschossen auf einer Grundfläche von 52 Meter auf 15,5 Metern. Darin untergebracht sind Büros, ein Fitnesscenter, ein Restaurant und 195 Wohnungen im gehobenen Segment mit je 2 bis 5 Zimmern. Das Erdgeschoss sowie das oberste Geschoss sollen öffentlich zugänglich sein. Wie die beiden seit 2014 bewohnten Mailänder Türme «Bosco verticale» (vertikaler Wald) von Stefano Boeri – 2014 mit dem Internationalen Hochhaus Preis 2014 ausgezeichnet – soll auch das Gebäude in Chavannes ein Modell sein für ein nachhaltiges Wohnhaus. Es soll, so der Architekt, einen Beitrag leisten zur städtischen Verdichtung und gleichzeitig ein Prototyp sein für eine neue Art zu wohnen.

Bild: Gemeinde Chavannes-près-Renens
Der «Tour des Cèdres» soll bis 2020 zum neuen Wahrzeichen im Westen von Lausanne werden.

Natürliche Klimatisierung der Innenräume

Laut Boeris Vorstellung soll im «Tour des Cèdres» eine Symbiose entstehen zwischen Natur und Architektur. Die Natur hält Einzug im Wohnraum. Wer künftig hier leben wird, profitiert zum einen von einem zeitgemässen Komfort, einer einmaligen Aussicht auf den Lac Léman, die nahe Umgebung und die Berge in der Ferne, zum andern auch von einer ungewohnten Nähe zur Pflanzen- und Tierwelt. Denn die Fassade lebt durch die grosszügigen, mehrheitlich gegen Süden, aber auch gegen Osten und Westen ausgerichteten Loggien mit Auskragungen von bis zu 3 Metern und unterschiedlicher Länge. Mehr als 100 Bäume, darunter vier verschiedene Zedernarten, Ahorne und Eichen sowie unzählige Sträucher und Büsche sollen sie auf insgesamt 3000 Quadratmetern begrünen. Auf jedem Geschoss sind mehrere Pflanzenbehälter mit je 9 Kubikmetern Volumen und einem speziellen Befestigungs- und Bewässerungssystem vorgesehen. Die darin gepflanzten Bäume werden sich in ein paar Jahren bis über drei Wohngeschosse erstrecken. Durch das üppige Grün wird ein Ökosystem mit einer hohen Biodiversität entstehen, in dem sich ein Mikroklima entwickeln kann. Die Bepflanzung absorbiert CO2 und hat auch einen positiven Effekt auf die Energiebilanz: An heissen Tagen spenden die Pflanzen angenehme Kühle und funktionieren gleichzeitig als natürlicher Sonnenschutz, was den Energieverbrauch senkt.

Sich verändernde Fassade

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten wird sich das Pflanzenkleid laufend verändern. Durch den engen Kontakt mit den Pflanzen und den verschiedenen Vogelarten, die den vertikalen Wald bevölkern, wird dieser Prozess deutlich spürbar sein für die Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch sichtbar für die Betrachter von aussen. Dies entspricht Boeris Idee, dass sein Projekt eine Einladung ist, im Einklang mit der Natur zu leben. Ein Haus, das ein Gleichgewicht zwischen gebauter Umgebung und Vegetation schafft, und zum Symbol einer neuen Verbindung zwischen Urbanität und Natur ist. Bis 2020 entsteht hier ein neues, von weitem sichtbares Wahrzeichen, das nicht allein durch seine Einzigartigkeit heraussticht, sondern Menschen wie Tieren hohe Lebensqualität bietet.

Bild: Gemeinde Chavannes-près-Renens
In die Auskragungen von bis zu 3 Metern Tiefe sind Behälter für die Bepflanzung mit grossen Bäumen, Büschen und Sträuchern integriert.
 

Luftaufnahmen des «Bosco Verticale», dem ersten grünen Hochhaus Mailands

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