Dank steigender Effizienz wächst der globale Energiebedarf heute und in Zukunft weniger schnell als die Weltwirtschaft. Doch zum Ausbremsen der Erderwärmung reichen diese Effizienzgewinne immer noch nicht. Selbst in optimistischen Prognosen zur Effizienzsteigerung und zum gleichzeitig starken Ausbau der Erneuerbaren Energien ist keine Abwendung des Klimawandels in Sicht.

Die Energieintensität der Weltwirtschaft, ein Mass für den Primärenergiebedarf pro Einheit des Wirtschaftsvolumens – nahm in 2016 um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab. Das meldete die Internationale Energieagentur (IEA) am vergangenen 5. Oktober bei der Präsentation ihres Energieeffizienz-Berichts in Berlin. Damit setzte sich der positive Trend der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch fort. Allerdings fiel das Ausmass dieses «Energieentzugs» etwas kleiner aus als im Jahr 2015. Damals war die Energieintensität um 2,8 Prozent gegenüber 2014 gefallen. Die Energieintensität hat weltweit seit 2010 um durchschnittlich 2,1 Prozent pro Jahr abgenommen.

Mehr Regulierung notwendig

Die Tendenz ist zwar ermutigend, aber es gibt noch viel Raum für Verbesserungen. Denn immer noch unterliegen gut zwei Drittel (68 Prozent) der globalen Energienachfrage keinerlei verbindlichen Energieeffizienz-Standards. Grosses Potenzial sieht die IEA zum Beispiel beim Lastwagenverkehr, auf dessen Konto ganze 43 Prozent des Erdölbedarfs aus dem Strassenverkehr gehen. Nur 16 Prozent des Energiebedarfs von LkW seien gegenwärtig durch Energieeffizienzvorschriften reguliert. Auch im Gebäudebereich sieht die IEA trotz fortdauernder Fortschritte weiteren Handlungsbedarf. Bisherige Massnahmen haben sich auf die Dämmung der Gebäudehülle konzentriert, aber bei der Gebäudetechnik, den Haushaltgeräten und der Beleuchtung seien mit bereits erhältlichen Produkten zusätzliche Effizienzvorteile abzuschöpfen. Bei den Personenwagen beobachtet die IEA zwei gegenläufige Entwicklungen: Einerseits nahm die Zahl der Elektrofahrzeuge 2016 um 40 Prozent zu. Andererseits kamen aber auch wegen der sinkenden Ölpreise mehr energiehungrige Geländewagen auf die Strassen.

China als Vorreiter

Bemerkenswert ist, dass der Rückgang der Energieintensität im Jahr 2016 vor allem vom grossen Energiekonsumenten China vorangetrieben wurde. Dort sank der Energiebedarf pro erwirtschafteten Dollar um überdurchschnittliche 5 Prozent. Zum Vergleich: Die USA erzielten eine Abnahme um 3 Prozent, die Europäische Union um 1,3 Prozent. Ohne den Beitrag Chinas hätte die Bilanz des Jahres 2016 einen globalen Energieeffizienzgewinn von nur 1,1 Prozent abgeworfen.

Nachlassende Bemühungen bereiten Sorge

Die IEA warnte trotz der positiven Bilanz von 2016 vor einer Lockerung der Anstrengungen in Sachen Energieeffizienz auf Gesetzgebungsebene. Die meisten Effizienzgewinne seien zuletzt auf ältere Massnahmen zurückzuführen. Das Tempo des Inkrafttretens neuer Gesetze und Vorschriften zur Energieeffizienzsteigerung habe sich im Jahr 2016 verlangsamt – ein negativer Trend, der sich auch bis in die erste Hälfte von 2017 verlängerte.
 
Die IEA verleiht der Energieeffizienz eine zentrale Bedeutung bei der Einhaltung der globalen Klimaschutzziele. Energieeffizienz wird von der Agentur als «first fuel» oder wichtigster Energieträger bezeichnet. Und das mit gutem Grund: Die Tatsache, dass die CO2-Emissionen aus der Energienutzung seit 2014 trotz weltweiten Wirtschaftswachstums gleich geblieben sind, ist zum grössten Teil dem ausgleichenden Effekt von Energieeffizienzmassnahmen geschuldet. So hat die Verbesserung der Energieeffizienz ganze drei Viertel der zusätzlichen CO2-Emissionen aufgefangen, die das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre verursacht hätte. Der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen hat hingegen nur ein Viertel dieser potenziellen Ausstosszunahme kompensiert. 

Die Verbesserung der Energieeffizienz hat ganze drei Viertel der zusätzlichen CO2-Emissionen aufgefangen, die das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre verursacht hätte.

Effizienzgewinne noch ungenügend für den Klimaschutz

Aus der Sicht des Klimaschutzes sind die aktuellen Effizienzverbesserungen ungenügend. In ihrem Energieeffizienz-Bericht von 2016 hatte die IEA geschrieben, dass die Energieintensität ab sofort um 2,6 Prozent jährlich abnehmen müsste, um die globale Erwärmung wie im Pariser Klimaabkommen festgehalten auf 2 Grad Celsius bis 2100 zu begrenzen. Solch markante Effizienzfortschritte und ein starker Ausbau der Erneuerbaren seien die Voraussetzung, damit der CO2-Ausstoss des Energiesektors die für den Klimaschutz notwendige Reduktion um 30 Prozent bis 2035 erreicht.

Die IEA-Zahlen stehen mit ihrer besorgniserregenden Prognose nicht allein da. Noch düsterer tönen die Vorhersagen eines Berichts des Erdölgiganten BP. In der jüngsten Ausgabe seines jährlich erscheinenden Ausblicks unter dem Titel Energy Outlook kam der britische Konzern zu dem Schluss, dass das Pariser 2-Grad-Ziel verfehlt werden dürfte - trotzt voraussichtlich höherer Energieeffizienz und eines stark abnehmenden Anteils fossiler Energieträger am globalen Primärenergiebedarf.

Energieverbrauch würde weiterhin zu schnell ansteigen …

Der BP-Ausblick sagt zwar voraus, dass Erneuerbare mit einer Wachstumsrate von 7,6 Prozent pro Jahr am stärksten unter allen Energieträgern zulegen werden. Bis 2035 würde sich ihre Produktion vervierfachen. Die Fossilen würden aber mit einem Anteil von 75 Prozent im Jahr 2035 (Stand 2015: 86 Prozent) immer noch den Weltenergieverbrauch dominieren. Dabei wird laut BP vor allem Erdgas grosse Zuwächse verzeichnen und Kohle vom zweiten Platz der meist genutzten Energieträger verdrängen. Auch BP glaubt an eine Steigerung der Energieeffizienz. Der Bericht prognostiziert, dass der Primärenergiebedarf mit 1,3 Prozent wesentlich langsamer wachsen wird als die Weltwirtschaft, die in der gleichen Periode jährlich um 3,4 Prozent zulegen würde. Der totale Energieverbrauch würde sich demnach bis 2035 um 34 Prozent erhöhen. Mit dieser Zahl liegt die BP-Studie nicht allzu weit von den Zahlen der amerikanischen Energy Information Agency (EIA), welche bis 2040 eine Zunahme des Weltenergiebedarfs um 28 Prozent voraussagt.

…. oder nicht schnell genug abnehmen

Etwas optimistischer und dennoch auch nicht beruhigend stimmen die Zahlen aus einem Bericht des norwegischen Beratungsunternehmens DNV GL. Laut dessen «Energy Transition Outlook 2017» sollen Erneuerbare im Jahr 2050 die Hälfte des weltweiten Energiebedarfs abdecken. Der gesamte Energiekonsum soll zudem ab 2030 abflachen, sodass im Jahr 2050 auf dem Globus 430 Exajoule verbraucht werden – ein Anstieg von 7 Prozent in Bezug auf den heutigen Bedarf von rund 400 Exajoule. Durch einen Einbruch der Nachfrage nach Erdöl und den Aufstieg des weniger CO2-intensiven Erdgases sollen die energiebezogenen Treibhausgasemissionen bis zur Jahrhundertmitte halbiert werden. Die Reduktion wäre aber auch in diesem Fall unzureichend: Bereits im Jahr 2045 hätte die Menschheit das CO2-Budget aufgebraucht, das für die Abwendung eines irreversiblen Klimawandels bis 2100 zur Verfügung steht.

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