Begegnungszone des Hunziker-Areals mit Menschen im Innenhof
Bauen & Wohnen

Hier wird die 2000-Watt-Gesellschaft gebaut

Mit der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft haben Schweizer Forscher Anfang der 1990er-Jahre einen Weg zur nachhaltigen Energiezukunft entworfen. Allerdings mussten die Ziele verschärft werden – sie sind nun an die Energiestrategie des Bundes und die Zielsetzung des Bundesrates einer klimaneutralen Schweiz bis 2050 angepasst. Unterdessen werden immer mehr Projekte umgesetzt und teilweise mit dem Label «2000-Watt-Areal» zertifiziert.

Remo BürgiRemo Bürgi5 min

Ursprünglich lautete die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft, bis 2100 das 2000-Watt-Ziel zu erreichen und den Treibhausgas-Ausstoss pro Person auf 1 Tonne CO2-Äquivalente zu reduzieren. Spätestens seit dem Aufkommen der Klimastreik-Bewegung ist klar geworden, dass diese Zielsetzung nicht ambitioniert genug ist, insbesondere nicht im Bereich der Treibhausgasemissionen. Gemäss der Zielsetzung des Bundesrats sollen letztere in der Schweiz bis 2050 Netto Null erreichen. Die Zwischenbilanz für 2020 zeigt allerdings, dass die Anstrengungen in vielen Bereichen erhöht werden müssen.
 

Ambitioniertere Ziele

Die Zielwerte der 2000-Watt-Gesellschaft wurden gemäss der Energie- und Klimastrategie 2050 und dem Pariser Abkommen von 2015 angepasst. Heute sind sie so definiert: In der Schweiz sollen der Pro-Kopf-Energieverbrauch bis spätestens 2050 auf 2000 Watt und die dadurch verursachten Treibhausgasemissionen auf Netto Null gesenkt werden. Das ist tatsächlich ambitioniert, denn 2019 betrug der Primärenergiebedarf pro Einwohner noch immer 4400 Watt und der Treibhausgasausstoss 5,9 Tonnen pro Kopf (ohne Importe). Vorerst sollen diese Werte nun bis 2030 auf 3000 Watt und rund 3 Tonnen reduziert werden. In einigen Städten könnte es noch schneller gehen. Die Stadt Zürich beispielsweise, die sich zu den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft bekannt hat, lässt derzeit prüfen, mit welchen Massnahmen und bis wann sie Netto Null erreichen kann.

Mehr zertifizierte Areale

Das Label 2000-Watt-Areal übersetzt die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft in konkrete Anforderungen. Es vergibt seit rund zehn Jahren Zertifikate an Areale, die gemäss dem 2000-Watt-Ziel gebaut, betrieben oder transformiert werden. Den Anfang machte das Areal Greencity am Fusse des Zürcher Uetlibergs, das 2012 die schweizweit erste Zertifizierung erhielt. Seither ist die Zahl der mit dem Label ausgezeichneten Areale in der Schweiz auf 39 angewachsen (Stand Ende 2020). Neben den zertifizierten Arealen existieren auch viele weitere, die nach denselben Zielen geplant wurden, aber auf eine Zertifizierung verzichteten.

Den Anfang machte das Areal Greencity, das 2012 die schweizweit erste Zertifizierung erhielt.

Neue Ausführung «2000-Watt-Areal in Transformation»

Acht besonders vorbildliche Überbauungen haben sich bisher das Zertifikat «2000-Watt-Areal in Betrieb» gesichert. Die periodische Überprüfung der Zielerreichung in der Betriebsphase ist eine zentrale Besonderheit des 2000-Watt-Labels. Sie ermöglicht ein kontinuierliches Monitoring der Areal-Performance und soll dazu beitragen, die bisweilen klaffende Lücke zwischen Planungszahlen auf dem Papier und tatsächlichen Betriebsmesswerten zu schliessen. Als dritte Ausführung des Labels ist 2019 das Zertifikat «2000-Watt-Areal in Transformation» hinzugekommen. Es wurde bisher an fünf bestehende Areale vergeben, die sich über einen bestimmten Zeitraum zu einem 2000-Watt-Areal entwickeln wollen.

Die knapp 40 bisher zertifizierten 2000-Watt-Areale konzentrieren sich mehrheitlich auf die grossen Schweizer Städte. (Quelle: Swisstopo BFE)

Unterschiedliche Wege zum 2000-Watt-Ziel

Doch was genau zeichnet denn die Areale aus, die ein Zertifikat erhalten haben? Wie gehen sie vor, um die Ziele zu erreichen? Eine einzige Antwort darauf gibt es nicht, denn das 2000-Watt-Label lässt den Arealen dafür viel Freiraum. Das dürfte ein Erfolgsfaktor des Labels sein und zeigt sich auch daran, dass unterschiedliche Trägerschaften ein Zertifikat angestrebt haben. Während beispielsweise bei den drei Zürcher Arealen Hunziker, Sihlbogen und Kalkbreite Wohnbaugenossenschaften als Träger fungieren, sind es beim Basler Areal Erlenmatt West und beim Burgunder in Bern private Trägerschaften. Die Areale unterscheiden sich auch bezüglich Arealfläche, die zwischen 6400 m2 (Kalkbreite) und 40’200 m2 (Hunziker) variiert. Die Trägerschaften legen zudem den Fokus auf unterschiedliche Aspekte und minimieren den Energieverbrauch mit individuellen Massnahmen.

Möglichst ohne Autos

Im Bereich Mobilität beispielsweise fällt zwar für alle Areale die im Schweizer Vergleich hohe ÖV-Nutzungsquote auf. Gefördert wird diese aber mit verschiedenen Mitteln. Im Sihlbogen ist ein ZVV-Dauerabo im Mietzins integriert. Beim Burgunder-Areal zahlt sich die Lage in Bahnhofnähe aus. Wie auch die Kalkbreite ist es zudem autofrei, beide Siedlungen verpflichten die Mieter vertraglich zum Verzicht auf ein Auto. Beim Hunziker-Areal werden in diesem Punkt Ausnahmen zugelassen, sofern der Arbeitsweg oder eine Behinderung den Autobesitz rechtfertigen. Dieses Konzept bezeichnet man als «autoarme Siedlung».

Diverse Energiequellen

Unterschiedliche Wege beschreiten die Areale auch bei der Versorgung mit Wärme und Elektrizität. Das Hunziker-Areal deckt seinen Wärmebedarf vor allem mit der Abwärme aus dem benachbarten Serverraum der Stadt Zürich. Den Strom bezieht das Areal in Zürich Leutschenbach zu rund 25 % aus Photovoltaikanlagen, die auf jedem Dach installiert sind. Es erzielt zudem eine hohe Eigenverbrauchsquote des PV-Stroms. Das Basler Areal Erlenmatt West wiederum bezieht 90 % des Stroms aus Wasserkraft und den Rest aus Windkraft. Der Wärmeenergiebedarf wird vollständig mit Fernwärme abgedeckt. Beim Areal Burgunder in Bern-Bümpliz tragen neben der vertragsgebundenen Fernwärme (Energie-Contracting) auch eine Pelletsfeuerung und solarthermische Anlagen zur Wärmeversorgung bei. Auch hier spielt Solarstrom eine wichtige Rolle: Die Dachfläche wird von Energie Wasser Bern (ewb) gemietet und ist mit einer PV-Anlage ausgestattet.

Die Beispiele zeigen, dass unterschiedliche Wege zum Ziel führen. Wichtig ist, dass möglichst viele Areale und Gemeinden einen solchen Weg wählen – nur so können die ambitionierten Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft erreicht werden.

Für weitere 2000-Watt-Areale gibt es grosses Potenzial

Gebäude verbrauchen hierzulande rund 40 Prozent des Gesamtenergiebedarfs. Ohne einen energieeffizienten Gebäudepark sind in der Schweiz also keine Energiewende und keine 2000-Watt-Gesellschaft möglich. Dieser Einsicht folgte der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA, als er den Effizienzpfad Energie ausarbeiten liess. Darin wird aufgezeigt, wie Gebäude zukünftig gebaut und genutzt werden können, um den Umstieg auf eine ressourcen- und umweltschonende Energieversorgung zu ermöglichen. Der SIA-Effizienzpfad Energie betrachtet die Bereiche Erstellung, Betrieb und alltägliche Mobilität und legt Zielwerte für Ressourceneffizienz (Primärenergie) und Klimaschutz (Treibhausgasemissionen) fest. Das 2000-Watt-Areal-Zertifikat baut auf diesem Instrument auf. Mit der Erweiterung des Fokus vom einzelnen Gebäude auf den Verbund von Bauten gemischter Nutzungen, den ein Areal darstellt, wird nun der nächste logische Schritt getan. Denn auf der Stufe Überbauung lassen sich viele Synergien nutzen. Sowohl die Versorgung mit als auch die Speicherung von Energie geschieht effizienter, wenn viele Einzelbauten zu einem Ganzen vernetzt sind. So werden in den zertifizierten Arealen etwa die Abwärme einzelner Gebäude oder die Fernwärme aus einer Kehrichtverwertungsanlage durch die Vernetzung rationeller eingesetzt.

Ähnliches gilt für die Gestaltung der Alltagsmobilität. Dank ihrer Lage in sehr gut erschlossenen Stadtgebieten können die Überbauungen autofrei oder autoarm gehalten werden. Das hat auch Auswirkungen auf die Baukosten, denn der Aufwand für Autoeinstellhallen und öffentliche Parkplätze sinkt. Stattdessen werden vermehrt der öffentliche Verkehr und Carsharing-Angebote in Anspruch genommen. Das Ergebnis: Die Mobilität der Arealbewohner verursacht einen vergleichsweise tiefen CO2-Ausstoss, selbst wenn die von diesen zurückgelegten Personenkilometer nicht allzu drastisch unter den schweizerischen Mittelwert fallen.

Diese Beispiele machen deutlich: Von einer energetisch nachhaltigen Arealentwicklung können Investoren, Eigentümer und Nutzer gleichermassen profitieren. Dazu ist aber die Unterstützung von Gemeinden und anderen Akteuren unerlässlich, die die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen sollen. Das Potenzial ist auf jeden Fall gross: Eine Studie von Wüest & Partner im Auftrag des BFE schätzte 2016, in der Schweiz sei es bis etwa 2021 möglich, 250 Areale nach den 2000-Watt-Zielen mit so vielen Bewohnern wie der Stadt Winterthur zu bauen. Aus der Anzahl der zertifizierten Areale lässt sich schliessen, dass dieses Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist.

Autor und Quellen

Remo Bürgi, Kommunikator ZFH, arbeitet als Fachjournalist bei Faktor Journalisten. Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität.

Das Titelfoto zeigt die Begegnungszone des Hunziker-Areals (Foto: Bundesamt für Energie BFE)

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Kommentare

  • Walter Künzler

    24.08.2017 23:54:09

    in 2 Monaten werde ich in einer 2000-Watt Wohnung wohnen - in Horgen

  • Energie-Experten

    25.08.2017 10:31:01

    Sehr schön, Herr Künzler! Handelt es sich dabei um das neue Quartier TRIFT HORGEN?

  • Carlo Gobetti-Haefelin

    14.01.2019 15:10:16

    ... als ehemaliger Dozent und 50Jahre Unternehmer, berechnen wir den Energieaufwand, bis ein sog. 2000W Haus steht ......
    Den Energieaufwand ...... Energie Einsparung ...... bis zum Ausgleich, ......nach ca. 45Jahren ........................................

    bleibt ein Traum!!!