Minimalismus: Gut fürs Gemüt und die Umwelt

Viele Menschen möchten sich wieder mehr auf das Wesentliche besinnen – auch beim Konsum. Kein Wunder, dass der Minimalismus derzeit grossen Anklang findet. Eine Studie zeigt: Ein bewussterer Lebensstil tut Gemüt wie Umwelt gut.

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Schlicht möbliertes Wohnzimmer

Wie viele Sneakers, Shirts und Salatschüsseln brauche ich wirklich? In Zeiten von Fast Fashion und Billig-Shopping-Portalen ist die Versuchung allgegenwärtig, immer mehr anzuhäufen. Bei vielen wächst aber auch die Sehnsucht, diesem Konsumzwang zu widerstehen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Strömungen wie der Minimalismus begeistern entsprechend immer mehr Menschen.

Was ist Minimalismus?

Minimalismus bedeutet, sich bewusst und freiwillig für ein Leben mit weniger materiellem Besitz zu entscheiden. Da Produkte wie Kleidung und Elektronik gut einen Fünftel der CO2-Emissionen im Haushalt ausmachen, ist weniger Konsum auch ein unkomplizierter und günstiger Weg, um den eigenen Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Denn man muss dafür nicht erst eine Photovoltaikanlage auf dem Dach installieren oder ein Elektroauto kaufen. Alle, die zu Hause zu viel herumstehen haben, können einen Beitrag leisten.

Dient der Minimalismus dem Klima und dem Wohlbefinden?

Weisen Minimalistinnen und Minimalisten aber tatsächlich einen kleineren ökologischen Fussabdruck auf? Dieser Frage sind Forschende von der Australian National University und der University of Melbourne im Journal of Environmental Psychology vom Juni 2025 nachgegangen.

Denn es könnte ja sein, dass man das bei den materiellen Gütern eingesparte Geld stattdessen in CO2-intensive Aktivitäten investiert, Flugreisen in ferne Länder etwa. Oder vielleicht kaufen Minimalisten gar nicht weniger ein als andere, sondern ersetzen ihre Kleider und Haushaltsgegenstände einfach öfter? Was den Minimalismus für viele Menschen so anziehend macht, ist ja nicht zuletzt seine schlichte Ästhetik.

Was den Minimalismus so anziehend macht, ist nicht zuletzt seine schlichte Ästhetik.

Rebecca Blackburn, Zoe Leviston und Iain Walker hat aber auch noch eine weitere Frage beschäftigt: Was braucht es, damit man diesen Lebensstil dauerhaft beibehält? Schliesslich ist Verzicht ja normalerweise nicht etwas, das uns leichtfällt.

Eine mögliche Antwort: Weniger materieller Ballast tut eben auch unserem Gemüt gut. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Schon die alten Griechen beschworen die Vorzüge eines genügsamen Lebens für Geist und Seele, allen voran Diogenes in seinem Weinfass.

Mann in einem grossen Weinfass, umgeben von vier Hunden
Der Philosoph Diogenes in einem Gemälde von Jean-Léon Gérôme aus dem Jahr 1860. (Foto: The Walters Art Museum)

Doch auch die moderne Forschung zeigt, dass eine unübersichtliche und unaufgeräumte Umgebung mit einem erhöhten Cortisolspiegel und mehr Stress einhergeht.
Weniger Besitz dürfte viele Alltagsentscheidungen und Haushaltpflichten erleichtern. Die Wohnung ist schneller geputzt, der Einkauf nimmt weniger Zeit in Anspruch, Koffer sind im Handumdrehen gepackt. Das australische Team wollten darum wissen: Dient der Minimalismus vielleicht auch unserem Wohlbefinden?

Nicht alle Minimalisten haben einen kleinen CO2‑Fussabdruck

Die Online-Befragung von rund 450 Personen zeigt: Tatsächlich bedeutet ein minimalistischer Lebensstil häufig auch einen kleineren ökologischen Fussabdruck. Blackburn, Leviston und Walker stellten aber ebenso fest: Es gibt unterschiedliche Formen von Minimalismus – und nicht jede geht gleich stark mit weniger CO2-Emissionen einher. Am offensichtlichsten ist der Zusammenhang bei jenen Befragten, die sich vor allem aus Sorge um die Umwelt als Minimalistinnen und Minimalisten bezeichnen. Wer dagegen primär aus ästhetischen Gründen diesem Stil zugewandt ist, lebt nicht unbedingt nachhaltiger als andere.

Diese Unterschiede zeigen sich auch in verschiedenen Alltagsbereichen, die die Studie untersucht hat:

Minimalisten wohnen in kleineren und energieeffizienteren Wohnungen

Minimalistinnen und Minimalisten weisen beim Wohnen einen kleineren ökologischen Fussabdruck auf und leben eher in kleineren Wohnungen. Nur sind dort meist auch weniger Personen anzutreffen als in Wohnungen von Nicht-Minimalisten. Die Wohnfläche pro Kopf ist jedoch der entscheidende Faktor, wenn es um den Energieverbrauch geht. Da dieser Wert bei Minimalisten nicht unbedingt geringer ausfällt, erklärt die kleinere Wohnung den geringeren CO2-Fussabdruck also nur bedingt.

Frau im Garten vor einem Tiny House
Wie sich Regine Lorenz den Traum vom eigenen Tiny House erfüllen konnte, hat SRF dokumentiert. (Screenshot: SRF)

Die Studie hat bezüglich Wohnen aber noch etwas anderes gezeigt: Minimalistinnen und Minimalisten leben häufiger in energieeffizienteren Wohnungen mit guter Dämmung, sparsamen Haushaltsgeräten und effizienter Beleuchtung. Das war für die Forschenden insofern erstaunlich, als dass die Energieeffizienz eigentlich kein zentraler Aspekt des Minimalismus ist.

Weniger Kleider im Schrank bedeutet nicht immer weniger Shopping

Wie zu erwarten war, haben minimalistisch orientierte Menschen tendenziell weniger T-Shirts, Pullover und Hosen im Schrank – oder an der obligaten Kleiderstange. Das heisst aber nicht, dass auch alle selten Kleider kaufen. Wem es vor allem um Ästhetik geht, shoppt nicht unbedingt weniger als andere – sondern ersetzt seine Garderobe wohl einfach häufiger.

Wer dagegen die Umwelt und den Ressourcenverbrauch stark beachtet, verursacht auch allgemein weniger Abfall, wie die Autorinnen und der Autor der Studie feststellen. Möglicherweise behalten sie Dinge länger, vielleicht reparieren und recyceln sie auch mehr. Ausserdem dürften sie nicht mehr Benötigtes eher an Freunde oder wohltätige Organisationen weitergeben oder verkaufen.

Weniger abhängig vom Auto dank kürzerer Arbeitswege

Welche Rolle spielen Transportmittel und Reisen im Minimalismus? Gehört der Verzicht aufs Auto zum Lebensstil dazu? Oder geht es vielleicht eher darum, was für ein Auto man besitzt?

Jumbo-Jet vor dunklen Wolken
Bedeutet Minimalismus eine bessere Energiebilanz? Oder gibt es einen Rebound-Effekt durch energieintensive Aktivitäten wie Flugreisen? (Foto: Dominic Wunderlich/Pixabay)

Insgesamt fand die Studie keinen klaren Zusammenhang von Minimalismus und Reiseverhalten. Wobei der CO2-Fussabdruck in Bezug auf den Transport einmal mehr bei jenen Befragten am tiefsten ausfällt, die man als Öko-Minimalistinnen und Öko-Minimalisten bezeichnen könnte. Sie dürften dank einem kleineren Zuhause auch flexibler sein in Bezug auf ihre Wohnortwahl. Deshalb haben sie auch oft kürzere Arbeitswege, die mit dem ÖV, dem Fahrrad oder zu Fuss zurückgelegt werden können.

Bewusste Ernährung mit weniger Fleisch

Wer minimalistisch lebt, scheint sich auch eher auf eine Weise zu ernähren, die Ressourcen schont und umweltverträglich ist. So zeigte die Studie, dass Minimalistinnen und Minimalisten vor allem weniger Fleisch konsumieren als andere. Auch dieses Resultat kam für die Forschenden eher unerwartet. Die Lebensmittelwahl scheint eine grössere Rolle im Minimalismus zu spielen als bisher angenommen.

Minimalisten haben weniger Haustiere

Minimalistinnen und Minimalisten haben auch weniger Haustiere. Warum das so ist, ist den Forschenden jedoch nicht ganz klar: Zählen Meerschweinchen , Katzen und Hunde etwa zu den Besitztümern, von denen man sich weniger anschaffen möchte? Oder gibt es in den eher kleinen Wohnungen schlicht nicht genug Platz für sie?

Freiwillig verzichten macht junge Menschen selbstbestimmter

Der Zusammenhang zwischen Minimalismus und Wohlbefinden in der Studie ist insgesamt eher gering. Das werten die Forschenden aber nicht unbedingt negativ, denn es bedeutet ja ebenso: Es geht uns auch nicht schlechter, wenn wir weniger konsumieren.

Es geht uns nicht schlechter, wenn wir weniger konsumieren.

Ausserdem scheinen sich gerade jüngere Menschen durchaus besser zu fühlen mit einem solchen Lebensstil. Ein freiwilliger Entscheid zu weniger Konsum gibt diesen Befragten, die häufig über weniger Einkommen verfügen, ein Gefühl der Selbstbestimmung zurück, so das wissenschaftliche Team. Verzicht als bewusster Entscheid dürfte nicht als Einschränkung empfunden werden.

Minimalismus spricht die ganze Gesellschaft an

Der Minimalismus stellt also tatsächlich einen einfachen und skalierbaren Weg dar, um die persönliche Klimabilanz zu verbessern. Ganz besonders, wenn man ihn aus Sorge um die Umwelt lebt. Was den Minimalismus darüber hinaus so vielversprechend macht: Im Gegensatz zu anderen, ebenfalls erfolgreichen Ansätzen für ein genügsameres Leben spricht er die Menschen unabhängig von Alter oder Schicht an und erreicht so weite Teile der Gesellschaft. Oder wie die Forschenden   aus einem anderen Beitrag zitieren: «Der Minimalismus hat in kurzer Zeit geschafft, woran die grüne Bewegung seit Jahrzehnten scheitert: Weniger zu besitzen cool zu machen.»