Plug-and-Play-Photovoltaik: Mein kleines schwarzes Kraftwerk …
… hängt draussen am Balkon. Schön wär’s! Solaranlagen mit Stecker sind keineswegs mehr neu, aber hierzulande ziemlich unbekannt. Dabei wäre das Potenzial alles andere als klein.
… hängt draussen am Balkon. Schön wär’s! Solaranlagen mit Stecker sind keineswegs mehr neu, aber hierzulande ziemlich unbekannt. Dabei wäre das Potenzial alles andere als klein.
Verfasst von Paul Drzimalla
Noch braucht es Glück und ein waches Auge, um in der Schweiz eine Plug-and-Play-Solaranlage zu entdecken. Damit sind jene Solaranlagen gemeint, die fast jede und jeder am eigenen Balkon befestigen und in einer Aussensteckdose einstecken kann, um das Hausnetz mit Solarstrom zu versorgen. Bestechend simpel – doch noch nicht sehr verbreitet.
In der «Statistik Sonnenenergie», die der Branchenverband Swissolar für das Bundesamt für Energie herausgibt, tauchen Plug-and-Play-Solaranlagen nicht gesondert auf. Als Gründe gibt der Verband auf Nachfrage an, dass einerseits solche Anlagen oft direkt über das Internet und nicht über Installateure verkauft werden, also nicht in die Verkaufsstatistik einfliessen. Es könne andererseits aber sein, dass manche Plug-and-Play-Anlagen miterfasst würden, ein Effekt auf die Statistik sei allerdings nicht ersichtlich. Anders gesagt: Plug-and-Play-Solaranlagen fallen hierzulande nicht ins Gewicht.
Eigentlich sprechen viele Vorteile für die «Volks-Solaranlage». Man kann sie auch als Mieterin oder Mieter kaufen, was den Kreis der potenziellen Solarstromproduzentinnen und ‑produzenten gegenüber klassischer Photovoltaik markant erhöht. Dadurch, dass eine solche Anlage selbständig installiert werden kann, entfallen Montagekosten und zusätzliche elektrotechnische Installationen im Haus. Pro installiertem Watt Leistung kosten Plug-and-Play-Anlagen deshalb oft weniger als «richtige» Solaranlagen. Ausserdem hat die vertikale Montage am Balkongeländer Vorteile für den Winter – mehr dazu weiter unten. Einen Nachteil haben die einfachen Solaranlagen aber: Ihre Leistung ist begrenzt. Maximal 600 Watt dürfen Plug-and-Play-Wechselrichter in der Schweiz einspeisen. Das ist nicht viel, günstiger Preis hin oder her. Für einen effizienten Staubsauger mag diese Leistung noch ausreichen, für einen Wasserkocher nicht.
Was aber, wenn die kleinen Anlagen ihre Stärken in grosser Zahl ausspielen würden? Das will ein Team am Labor für Photovoltaiksysteme der Berner Fachhochschule BFH herausfinden. Im Forschungsprojekt «Plug & Play PV-Anlagen» ermittelt es gemeinsam mit Meteotest das Potenzial solcher Systeme in der Schweiz. Davon ausgehend werden Empfehlungen erarbeitet, wie zukünftige technische und regulatorische Richtlinien für solche Solaranlagen in der Schweiz aussehen könnten. Im Februar 2025 ist ein Zwischenbericht erschienen. Anfangs 2026 wird der Schlussbericht des Forschungsprojekts publiziert werden.
Die Zahlen im Zwischenbericht lassen aufhorchen: An Schweizer Balkonen könnten Plug-and-Play-Solaranlagen bis zu 1 Terawattstunde Strom produzieren. Eine grosse Menge Strom, oder etwa nicht? Zum Vergleich: 2024 betrug der Stromendverbrauch in der Schweiz 57,7 Terawattstunden. Eine Terawattstunde wären 1,7 Prozent davon – zwar kein vernachlässigbarer, aber doch ein kleiner Beitrag. Auch wirkt das Potenzial nicht gross, wenn man es mit demjenigen fix installierter Dach- und Fassadenanlagen vergleicht, das für die Schweiz auf 50 respektive 17 Terawattstunden geschätzt wird.
Trotzdem ist 1 Terawattstunde Solarstrom nicht zu verachten. 2014, vor gut 10 Jahren also, haben sämtliche Solaranlagen in der Schweiz nicht so viel produziert. Eine andere Vergleichsgrösse zieht der Zwischenbericht heran: 1 Terawattstunde entspricht 200’000 Haushalten mit 5000 kWh Jahresverbrauch. 2024 zählte die Stadt Zürich 215’323 Haushalte, darunter allerdings viele Ein- und Zweipersonenhaushalte, die deutlich unter 5000 kWh pro Jahr verbrauchten. Zudem produzieren die Plug-and-Play-Anlagen in der BFH-Potenzialstudie 37 Prozent ihres Stroms im Winter. Dies einerseits, weil ihre vertikale Ausrichtung dann mehr Sonnenlicht einfängt als eine Anlage auf dem Schrägdach, und andererseits ist Schneebedeckung nie ein Thema. Wie klein der Beitrag von Balkon-Solaranlagen auch sein mag: Er wirkt am richtigen Fleck.
Ob für den Balkon, den Garten oder das Dach: Wer eine Solaranlage kauft, hat neben ideellen meist finanzielle Gründe dafür. Solarstrom zahlt sich aus. Wie schnell und in welchem Zeitraum, wird in erster Linie durch den Eigenverbrauch und die Einspeisevergütung bestimmt. Für Plug-and-Play-Solaranlagen mit ihrer geringen Leistung ist hauptsächlich der Eigenverbrauch relevant. Dennoch kann auch eine kleine Solaranlage Strom produzieren, der nicht direkt verbraucht wird.
Um den Eigenverbrauch zu steigern, setzen die Besitzerinnen und Besitzer von fix installierten Solaranlagen immer häufiger Batteriespeicher ein. So kann der tagsüber produzierte Strom später genutzt werden, oder anders ausgedrückt: Stromproduktion und ‑verbrauch müssen nicht gleichzeitig erfolgen. Rasant sinkende Preise von Batteriespeichern haben die Nachfrage danach erhöht. So wird in der Schweiz bereits rund jede zweite neu gebaute Solaranlage mit Speicher installiert.
Auch Plug-and-Play-Anlagen sind mit Speicher erhältlich; bei manchen Modellen kann er später nachgerüstet werden. Ob sich dies je rechnet, ist allerdings fraglich. Bei der geringen Leistung der Anlagen findet sich in vielen Haushalten stets ein Gerät, das den Strom vollumfänglich verbraucht. Dennoch sind auch bei den Balkonsolaranlagen die Speicher auf dem Vormarsch. Gemäss einer – allerdings herstellerfinanzierten – Studie aus Deutschland sind dort im Jahr 2024 bereits 222’000 Plug-and-Play-Solaranlagen mit Speicher verkauft worden.
Auch bezüglich Einspeisevergütung von Solarstrom hat sich für Plug-and-Play-Solaranlagen etwas getan. Das Schweizer Energiegesetz (EnG) sieht vor, dass alle Solaranlagen, die mit dem Stromnetz verbunden sind, der Abnahme- und Vergütungspflicht durch den jeweiligen Verteilnetzbetreiber unterstehen. Seit 2024 darf diese Vergütung auch pauschal erfolgen, falls etwa im Haus keine Smart Meter installiert sind, mit denen der eingespeiste Strom genau gemessen werden kann. Wie diese Pauschale bestimmt wird, regelt das jeweilige Elektrizitätsunternehmen. Doch ob Pauschale oder nicht: Grosse Beträge kommen nicht auf dem Konto an.
Informationen für Kundinnen und Kunden von EKZ mit Plug-and-Play-Solaranlage:
Anmeldung und Vergütung bei EKZEine weitere Möglichkeit, mehr aus Plug-and-Play-Solaranlagen herauszuholen, liegt beim Gesetzgeber. Würde die Leistungsgrenze von 600 Watt angehoben, könnte am eigenen Balkon mehr Strom produziert werden. Im europäischen Ausland ist die Grenze denn auch teils höher; in Deutschland liegt sie seit Mai 2024 bei 800 Watt.
Wie hoch der Gewinn durch eine Erhöhung der Grenze ausfiele, ist allerdings ungewiss. In der BFH-Studie wurde eine Variante mit 1200 Watt Maximalleistung pro Anlage ohne Leistungsbegrenzung gerechnet. Der Zugewinn im Vergleich zu auf 600 Watt (50 %) begrenzten Anlagen liegt bei 4,6 Prozent der Jahresproduktion – und fällt hauptsächlich in den Sommermonaten an. Diese Steigerung bezieht sich auf das Gesamtpotenzial, das durch die Balkongrösse stärker beschränkt wird als durch die Wechselrichtergrenze: An den meisten Balkonen ist nicht genug Platz für drei Panels. Für eine einzelne 1200-Watt-Anlage mit drei senkrecht montierten Panels wäre im Durchschnitt eine Einbusse von 12,7 Prozent zu erwarten.
Bei den Schlussfolgerungen seines Zwischenberichts weist das BFH-Team basierend auf dem Projektauftrag noch einen weiteren Weg für Plug-and-Play-Solaranlagen. Neben dem Balkon können diese auch an anderen Orten aufgestellt und angebracht werden. Man denke an Velounterstände, Garagenboxen, Zäune oder den eigenen Garten. So würde sich das Potenzial gemäss groben Schätzungen noch einmal verdoppeln. Genaue Daten werden im Schlussbericht des Projekts publiziert. Doch auch mit dem aktuellen Wissensstand ist klar: Plug-and-Play-Solaranlagen eröffnen künftigen Besitzerinnen und Besitzern viele Möglichkeiten, Solarstrom zu produzieren.
Ob gleich heute oder in Zukunft mit günstigeren Speichern oder besseren Rahmenbedingungen – Plug-and-Play-Solaranlagen sind ein niederschwelliger Einstieg in die Energiewende. Wer es selbst ausprobieren möchte, kann diese Tipps beherzigen:
Günstig und vor Ort produzierter Strom, womöglich sogar im Winter, dazu keine Installationskosten und die Möglichkeit, selbst Erfahrungen mit Solarenergie zu sammeln: Plug-and-Play-Solaranlagen haben gute Argumente auf ihrer Seite. Vielleicht ist es also nur eine Frage der Zeit, bis es auch in der Schweiz da und dort heisst: Mein kleines schwarzes Kraftwerk hängt draussen am Balkon.
Titelfoto
Shutterstock / Mariana Serdynska
Swissolar
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Paul Drzimalla schreibt über Energie- und Nachhaltigkeitsthemen. Bis Juli 2025 war er Texter/Konzepter bei der Kooi AG; alle seither erschienenen Artikel sind freiberuflich entstanden.
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