Studie: Wie viel Energie sparen Minergie-Haushalte in der Praxis?

Subventionen für Minergie-zertifizierte Häuser gehören zu den politischen Massnahmen des Bundes, um den Energieverbrauch im Gebäudesektor bis 2050 zu halbieren. Doch wie viel Energie sparen Haushalte in Minergie-Häusern tatsächlich?

5 Min.
Schlankes Einfamilienhaus mit Holzfassade

Fast die Hälfte des gesamten Energieverbrauchs in der Schweiz entfällt auf den Gebäudesektor. Bessere Dämmungen, innovative Materialien und neue Technologien haben in den letzten Jahrzehnten zu einem sparsameren Verbrauch beigetragen; gleichzeitig wächst in der Gesellschaft das Bewusstsein, dass nachhaltigeres Bauen eine wichtige Massnahme ist, um die Konsequenzen des Klimawandels abzubremsen. Mit der Energiestrategie 2050 strebt der Bund nun eine Senkung des jährlichen Energieverbrauchs im Gebäudesektor von 100 TWh auf 55 TWh an. Energiepolitische Massnahmen wie Informationskampagnen und Subventionen für Minergie-zertifizerte Häuser sollen helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Hindernisse für energieeffizientes Bauen: mangelnde Information und höhere Baukosten

Denn noch immer würden viele Menschen zögern, wenn es um energieeffizienteres Bauen gehe, schreiben Massimo Filippini und Adrian Obrist in einer im Februar 2022 erschienen Studie in der Fachzeitschrift Energy Policy. Die Gründe dafür verorten die Forscher der ETH Zürich und der Università della Svizzera italiana USI in den oft unzureichenden Informationen zum Thema, aber auch in den höheren Ausgaben, die der Bau eines energieeffizienteren Hauses erst einmal bedeutet. Bis vor einigen Jahren lag der Kostenaufschlag für Minergiehäuser bei fünf bis zehn Prozent; heute sind es noch etwa drei Prozent, da auch für konventionelle Gebäude strengere Dämmstandards gelten. Einige Kantone subventionierten deshalb den Bau und die Sanierung von Gebäuden nach zertifizierten Energieeffizienzstandards – wie etwa dem vor 25 Jahren ins Leben gerufenen Minergie-Label.

Halten Prognosen auch der Realität stand?

Nur: Zertifizierungen und grüne Labels stützen sich in der Regel auf ingenieurbasierte Prognosen zum Energiesparpotential und nicht auf beobachtete Verbrauchswerte, wie Filippini und Obrist in ihrem Beitrag zu bedenken geben. Für einzelne Haushalte wie auch politische Entscheidungsträger sei es jedoch wichtig zu wissen, wie stark der Energieverbrauch tatsächlich sinke. Nicht nur der Energiekosten für private Nutzer wegen, sondern auch, damit klar ist, ob sich die langfristigen Energieziele der Schweiz mit den getroffenen Massnahmen erreichen lassen – fussen diese doch meist ebenfalls auf den theoretischen Berechnungen.

Theoretisches Sparpotential liegt deutlich über Einsparungen in der Praxis

In ihrer Studie haben die beiden Schweizer Forscher deshalb den Energieverbrauch von knapp 1500 Minergie-zertifizerten Einfamilienhäusern und konventionellen Gebäuden über einen Zeitraum von fünf Jahren miteinander verglichen. Während ingenieurbasierte Berechnungen auf ein Energiesparpotenzial von rund 60 Prozent kommen, ergab die Auswertung von Filippini und Obrist, dass Minergiehäuser nur etwa 25 Prozent weniger Energie verbrauchen als herkömmliche Bauten.

Rebound-Effekte spielen möglicherweise eine Rolle

Diese Diskrepanz hat laut den Autoren mehrere mögliche Ursachen: So basierten die theoretischen Berechnungen zur Energieeinsparung vielleicht auf der Annahme, dass sich Nutzerinnen und Nutzer stets einwandfrei verhielten und technische Anlagen wie Heizung und Lüftung optimal zu bedienen wüssten. Werde die Raumtemperatur jedoch auf 24 Grad Celsius eingestellt oder im Winter mehrmals am Tag das Fenster geöffnet, falle der Verbrauch schnell einmal höher aus als prognostiziert. Menschen in Minergie-Gebäuden kochen deutlich seltener, aber heizen dafür stärker. Dass sie dank Minergie-Standard weniger für wärmere Räume bezahlen müssen, hat möglicherweise einen Rebound-Effekt zur Folge.

Falsche Annahmen zur Technik können Prognosen verzerren

Vielleicht lägen den Schätzungen aber auch falsche technische Annahmen zugrunde, schreiben Filippini und Obrist, etwa in Bezug auf die Luftwechselrate im Gebäude. Diese könnte sowohl wegen manuellen Lüftens als auch falscher Einstellung der Anlage erhöht sein. Es sei zudem möglich, dass der Vorsprung zertifizierter gegenüber konventionellen Bauten heute gar nicht mehr so gross ausfalle, weil inzwischen generell strengere Standards betreffend Energieeffizienz gelten.

Wohnzimmer mit Durchgang zu Bibliothek - grosse Fenster, Parkett und moderne Möbel prägen das Bild
Wie viel Energie in einem Minergiehaus gespart wird, hängt auch stark vom Nutzungsverhalten der Bewohnerinnen und Bewohner ab. (Foto: Hannes Henz, Zürich/LIGNUM)

Treibhausgase: Minergiehäuser tragen zum Ziel Netto-Null bei

Bedeutet das alles, dass Subventionen für Minergie-zertifizierte Gebäude nicht gerechtfertigt sind? Nein, sagen Filippini und Obrist entschieden. Die Forscher sprechen sich in ihrer Studie deshalb für eine Beibehaltung dieser energiepolitischen Massnahmen aus. Schliesslich brächten Minergiehäuser die Schweiz auch einem weiteren in der Energiestrategie 2050 festgelegten Ziel näher: der deutlichen Senkung der Treibhausgasemissionen.

Minergiehäuser tragen nicht nur zu einer Senkung des Energieverbrauchs bei, sondern stossen auch viel weniger CO2 aus als konventionelle Gebäude.

So setze ein typisches Minergiehaus sowohl für die Warmwasseraufbereitung als auch für die Heizung eine Wärmepumpe ein; der Strom dazu werde üblicherweise aus einem Energiemix bezogen und entsprechend zumindest teilweise aus erneuerbaren Quellen.

Energiepolitische Massnahmen in Zukunft auch auf Verbrauchswerte stützen

Gleichzeitig stellen die beiden Autoren klar: Wolle die Schweiz ihre langfristigen Energieziele im Gebäudesektor erreichen, müssen ingenieurbasierte Annahmen zum Sparpotenzial zertifizierter Häuser präziser werden – sind solche Berechnungen doch oft auch die Grundlage für die politischen Massnahmen, die den Weg zu einer sparsameren Energiezukunft ebnen. Es gelte dabei nicht nur genauere Prognosen anzustellen, sondern auch neue Massnahmen im Hinblick auf die beobachteten Verbrauchswerte zu formulieren. Filippini und Obrist sind in der Literatur dabei auf verschiedene Lösungsansätze gestossen:

  • Einhaltung von Standards auch nach Bauabschluss überprüfen: Heute wird üblicherweise nur während der Genehmigungsphase eines Projekts geprüft, ob die geforderten Energieeffizienzstandards erfüllt sind. Werden die Bauarbeiten jedoch nicht mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt, besteht die Gefahr, dass das fertige Gebäude deutlich mehr Energie verbraucht als in der Theorie vorgesehen. Die staatliche Einführung von stichprobenartigen Kontrollen direkt nach dem Bau und allfällige Strafen könnten hier Abhilfe schaffen.
  • Vergabe von Zertifikaten auf Beobachtungswerte stützen: Statt auf theoretische Berechnungen und Annahmen könnten sich energiepolitische Massnahmen wie die Vergabe von Labels und Zertifikaten künftig auch auf Beobachtungswerte stützen. Subventionen für energieeffiziente und umweltzertifizierte Gebäude würden dabei nicht mehr als einmalige Vorauszahlung während der Bauphase gewährt, sondern kontinuierlich über die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes geleistet – solange die geforderten Standards eingehalten werden, notabene.

In einem folgenden Beitrag werden wir darauf eingehen, wie sich der Standard Minergie weiterentwickelt und welche Minergie-Angebote den optimalen Betrieb unterstützen.

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  • Stefan M. B.

    Vor 6 Monaten

    Ich wohne in einem Quartier mit sozusagen identischen DEFH und sehr ähnlicher Bewohnerstruktur (4-köpfige Familien in ähnlichem Alter). Eines ist gemäss Eigentümer nach Minergie-Standard erstellt (was man von aussen nicht sieht). Unser Haus haben wir nur mit etwas besser isolierten Fenstern ausstatten lassen und wir haben bei den Haushaltgeräten klar auf Energieeffizienz geachtet. Das Minergiehaus hat einen mehr als 20 % höheren Heizenergieverbrauch und der Stromverbrauch ist über 30 % höher. Tatsächlich ist der Faktor zwischen kleinstem und grösstem Verbrauch im Quartier 1.9 für Heizenergie und 3.5 für Elektrizität! Es besteht also ein grosses Sparpotenzial durch das Verhalten der Bewohner!

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