Misst sich Reichtum am Besitz oder doch eher an den Dingen, auf die ein Mensch verzichten kann? Mit dieser und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die Suffizienz. Wie Gemeinden eine suffiziente Lebensweise unterstützten können, zeigt ein Leitfaden.
Die Umgebung und damit auch die gebaute Umwelt prägen uns. Sie haben Einfluss auf unser Verhalten. Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umgebung beschrieb Winston Churchill sehr treffend: «Wir gestalten unsere Gebäude, danach gestalten sie uns.» Gebäude dienen also nicht nur unserem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit und einer Umgebung, die unser Wohlbefinden stärkt. Die Art und Weise, wie wir Gebäude konstruieren, kann auch unsere Praktiken im Alltag beeinflussen.
Was ist Suffizienz?
Gerade im Kontext von Ressourcenknappheit und Klimawandel ist Churchills Worten ein besonderes Gewicht beizumessen. Denn wenn wir Gebäude nach den Regeln der Suffizienz bauen, würden sie Churchill zufolge die Bewohnerinnen und Bewohner so prägen, dass sie genügsamer leben. Das kann anhand eines einfachen Beispiels nachvollzogen werden: Bauen wir eine Küche mit sehr viel Stauraum, ist die Verlockung gross, die Schränke mit – zuweilen unnötigen – Küchenutensilien zu füllen. Haben wir nur wenig Platz für Geschirr und Küchenhelfer, beschränken wir uns automatisch auf das, was nötig ist. Die suffiziente Bauweise beeinflusst so unseren Konsum.
Im Kontext der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung spricht man von drei Strategien, die miteinander Hand in Hand gehen: der Effizienz, der Konsistenz und der Suffizienz.
Die Effizienz hat die Technik im Fokus und zielt darauf ab, möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen.
Mit der Konsistenz ist gemeint, die Stoffe und Kreisläufe der Natur zu nutzen, etwa indem wir erneuerbare Energien oder nachwachsende Rohstoffe verwenden, recyceln oder im Sinne der Kreislaufwirtschaft weiter verwenden.
Beide Ansätze sind wichtig, um unser Dasein innerhalb der planetaren Grenzen zu gestalten. Doch um die natürlichen Belastungsgrenzen des Erdsystems zu respektieren und langfristig unsere guten Lebensbedingungen sichern zu können, bedarf es auch der dritten Strategie: der Suffizienz.
Suffizienz (Genügsamkeit) bedeutet, durch angepasstes Verhalten weniger Energie und Ressourcen zu verbrauchen. Das ist nicht gleichbedeutend mit Verzicht, sondern schafft die Grundlage, um eine hohe Lebensqualität für alle Menschen zu ermöglichen.
Weniger ist mehr
Ohne die Suffizienz, also das Beschränken des Konsums, werden wir unsere Klimaziele kaum erreichen. Das Konzept ist nicht einfach gleichzusetzen mit Verzicht. Vielmehr geht es darum, das richtige Mass zu finden. Die Idee, mit Mässigung, Bescheidenheit und Genügsamkeit durchs Leben zu gehen und das Vorhandene achtsam zu würdigen, ist keineswegs neu. Sie ist in praktisch allen Kulturen, Philosophien und Religionen der Welt zu finden.
Das Auto teilen, statt es zu besitzen – damit lassen sich Parkplätze und Verkehrsflächen einsparen. (Foto: Mobility)
Auch bei uns hat sich das Bewusstsein für einen nachhaltigen, suffizienten Lebensstil in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt. Diese Tendenz bestätigt Valentin Pfäffli vom Trägerverein Energiestadt: «Suffizienz wird salonfähiger: Insbesondere auf Kantons- und Gemeindeebene tauchen der Begriff sowie entsprechende Strategien und Massnahmen zunehmend in Planungsprozessen und Instrumenten auf. Das Thema wurde sozusagen enttabuisiert.» Das spiegelt sich laut Pfäffli in der Praxis wider, beispielsweise bei der hohen Akzeptanz und regen Nutzung von Repair-Cafés oder von Car-Sharing-Angeboten.
Das Thema Suffizienz wurde sozusagen enttabuisiert.
Valentin Pfäffli, Trägerverein Energiestadt
Persönlicher und gesellschaftlicher Mehrwert
Doch wie lässt sich suffizient leben, ohne gleich in asketischer Strenge dem Genuss und sämtlichen lieb gewonnenen Gewohnheiten abzuschwören? Laut Pfäffli stehen Genügsamkeit und Zufriedenheit keineswegs im Widerspruch, sondern passen sogar sehr gut zusammen: «Auf individueller Ebene bedeutet weniger Konsumdruck mehr Zeit für Beziehungen, Natur und Selbstbestimmung», findet der Experte. Unterstützt wird seine Einschätzung auch von Studien, etwa jener zur Zürcher Genossenschaft Kalkbreite (PDF), wo die Bewohnenden mit begrenzter individueller Wohnfläche leben. Deren Fazit ist nämlich, dass suffizientes Wohnen mit einer hohen Zufriedenheit einhergeht.
Konsum mit Mass kann aber durchaus auch einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Wird weniger konsumiert, sinkt der Bedarf an Primärrohstoffen. Dadurch wachsen nicht nur die Abfallberge langsamer, auch der Ausstoss von Treibhausgasen nimmt ab. Der positive Effekt: Die Klimarisiken werden reduziert und die Folgen der Klimaerwärmung lassen sich abmildern.
Individuelle Ansätze: Qualität statt Quantität
Mit welchen Massnahmen lässt sich Suffizienz beim Bauen und Wohnen fördern? Die Debatte kreist häufig um Ansätze wie Qualität vor Quantität, Re-use und individuelles Verhalten. Tatsächlich ist das Spektrum breit. Ein zentraler Hebel ist das flächensparende Wohnen, also eine bewusste Reduktion auf wenig individuelle Fläche. Gerade Genossenschaften zeigen seit Jahren, wie das erfolgreich umgesetzt werden kann – etwa in der Siedlung der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, in den Projekten der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk in Zürich und Wallisellen, im Areal Erlenmatt Ost der Stiftung Habitat in Basel oder im Sihlbogen-Areal der Baugenossenschaft Zurlinden in Zürich. Diese Beispiele verdeutlichen, wie durch kompaktere Grundrisse, gemeinschaftlich genutzte Flächen und intelligente Planung Wohnraum effizienter genutzt werden kann, ohne an Lebensqualität einzubüssen.
Ergänzende Angebote schaffen zusätzlichen Nutzen
Suffizientes Wohnen geht von einer individuellen Fläche von rund 35 m2 für eine Person aus – der Schweizer Durchschnitt liegt bei knapp 47 m2. Ist die individuelle Wohnfläche klein, gewinnt die Qualität des Wohnumfelds und der Aussenräume umso mehr an Bedeutung. So werden ergänzend oft gemeinschaftlich und flexibel nutzbare Innen- und Aussenräume angeboten, beispielsweise Gästezimmer, Werkstätten, Wellnessbereiche, Musikzimmer, Bibliotheken oder Co-Working-Spaces, aber auch Grünflächen und Gemeinschaftsgärten. Das schafft zusätzlichen Nutzen für die Bewohnenden – oft mit Angeboten, die in konventionellen Wohnungen fehlen.
Dass Suffizienz auch Mehrwert bedeuten kann, zeigt das Beispiel der Genossenschaftssiedlung Kalkbreite in Zürich, wo es nebst einer Bibliothek auch Gästezimmer gibt. (Foto: Volker Schopp / Genossenschaft Kalkbreite)
Zu den Entscheidungen, wie man als Individuum zu einem nachhaltigeren Lebensstil finden kann, gehört auch die persönliche Mobilität. An die Stelle eines eigenen Autos treten dann Car-Sharing, der öffentliche Verkehr oder das Velo. Das reduziert den Bedarf an Parkplätzen und Verkehrsflächen und verringert letztlich den Druck auf das wertvolle Kulturland. Gleichzeitig können wir unsere Gesundheit durch mehr Bewegung verbessern, uns entspannen, während wir uns chauffieren lassen, und unsere Fixkosten senken.
So können Gemeinden Suffizienz fördern
Dass es nicht nur auf individueller, sondern auch auf Gemeindeebene Ansatzpunkte für Suffizienz gibt, zeigt der Handlungsleitfaden «Ressourcenschonendes Leben in Schweizer Gemeinden» (PDF), bei dessen Erarbeitung Valentin Pfäffli als Projektleiter tätig war. Der Trägerverein Energiestadt als Herausgeber vertritt darin die Meinung, dass es nebst dem individuellen Verhalten auch die entsprechenden Rahmenbedingungen und Angebote auf Gemeindeebene braucht.
Suffizienz wird damit zur kollektiven Aufgabe und kann durch politische Entscheide gefördert werden. Dabei gibt es auch einige «low hanging fruits», die gar nicht explizit das Suffizienz-Label tragen, aber perfekt ins Konzept passen. Gemäss Pfäffli sind das etwa die Verdichtung in der Raumplanung für mehr Aussen-, Grün- und Gemeinschaftsflächen oder der Entscheid, zu erneuern statt abzureissen und neu zu bauen.
Befähigen statt verordnen
Laut dem Leitfaden muss die kommunale Suffizienzpolitik nicht primär darauf abzielen, Menschen dazu zu bewegen, ihren individuellen Konsum zu überdenken. «Kommunale Suffizienzpolitik will Dienstleistungen und das Lebensumfeld, Infrastrukturen und Dienstleistungen in Gemeinden auf eine Weise gestalten, dass den Bewohner*innen ein ressourcenschonender Alltag nahelegt wird und leichtfällt, während sie gleichwohl ihren Bedürfnissen nachkommen können», ist im Leitfaden zu lesen. Es geht also nicht darum, einen suffizienten Lebensstil zu verordnen, sondern die Menschen dazu zu befähigen. Natürlich sollen die Gemeinden auch nicht nur Tipps geben, sondern selbst mit gutem Beispiel vorangehen und Suffizienz in der eigenen Energie- oder Klimastrategie verankern.
Der Leitfaden schlägt vier Wirkungsfelder vor:
Wohnen und Lebensumfeld
Suffizienz lässt sich durch eine geringere Wohnfläche und einen bewussten Energieeinsatz erreichen, etwa beim Heizen oder bei der Beleuchtung. Wird ein lebenswertes Wohnumfeld – beispielsweise durch attraktive Parks oder sichere Spielmöglichkeiten für Kinder – geschaffen, kann dies dazu beitragen, dass die Anwohnenden gerne Zeit in der nahen Umgebung verbringen.
Arbeiten
Stellschrauben sind hier beispielsweise die flexibel nutzbare, angemessen ausgestattete Bürofläche sowie der Wärme- und Energieverbrauch. Gemeinden können zur Reduktion des Energie- und Ressourcenverbrauchs beitragen, indem sie Co-Working-Spaces zur Verfügung stellen, um die Arbeitswege zu verkürzen.
Mobilität
Der Fokus liegt hier auf Langsamverkehr, ÖV oder Sharing-Angeboten, die einen deutlich geringeren Flächen- und Energiebedarf aufweisen als der Individualverkehr. Gemeinden können das suffiziente Mobilitätsverhalten unterstützen, indem sie lokale Einkaufsmöglichkeiten schaffen, Co-Working-Spaces und Homeoffice fördern und Car-Sharing-Angebote in der Verwaltung nutzen und diese auch bewerben.
Konsum und Ernährung
Gezielte Impulse von Gemeinden und Städten können suffiziente Lebensweisen unterstützen. Sie können einen Beitrag leisten, indem sie beispielsweise Flohmärkte oder Tauschbörsen initiieren oder Werkstätten zur Verfügung stellen, in denen Dinge repariert oder upgecycelt werden können. Auch können sie Impulsgeber für lokale Unternehmen sein, ihr Essensangebot in Kantinen suffizient zu gestalten, etwa indem lokale und saisonale Produkte angeboten werden oder ein fleischfreier Tag eingeführt wird.
Suffizienz als erster statt als letzter Gedanke
Natürlich gibt es bei der praktischen Umsetzung einige Hürden zu meistern. «Suffizienz wird immer zuletzt gedacht, dabei sollte sie der erste Gedanke sein», konstatiert Pfäffli. Fragen nach dem echten Bedürfnis oder zu Möglichkeiten für Umnutzung oder Reparatur des Bestands sollten an erster Stelle stehen. Erst dann sollten Effizienz und Konsistenzüberlegungen folgen. Die Lösung heisst, früh sensibilisieren und priorisieren.
Auch mit politischen und regulatorischen Massnahmen lässt sich suffizientes Bauen und Wohnen voranbringen. Etwa durch klare Vorgaben zu weniger Flächenverbrauch, durch Umbauförderung oder durch Parkgebühren nach Autogrösse.
Auf politischer Ebene gilt es laut Pfäffli, die Suffizienz in der Strategie von Kantonen oder Gemeinden zu verankern. Gute Beispiele dafür gibt es beispielsweise in Kopenhagen, wo Strassen oder ganze Siedlungen autofrei sind. Pfäffli weiss, dass bei solchen Projekten mit Diskussionen zu rechnen ist: «Unsere Erfahrung zeigt, dass derartige Vorhaben immer nach einem ähnlichen Muster ablaufen: Zuerst gibt es einen Wirbel, insbesondere bei Flächenumwidmungen im Strassenverkehr, dann findet man zur Normalität und am Schluss will kaum jemand zurück.»
Rebound-Effekt vermeiden
Der Leitfaden geht auch auf das Thema «Rebound-Effekt» ein und nennt zwei Beispiele: Erstens, wenn hohe Bau- und Energiestandards die Energieeinsparungen verringern oder gar zunichtemachen, weil gleichzeitig die Wohnfläche pro Person ansteigt. Und zweitens, wenn die Automotoren zwar immer sparsamer werden, der Kraftstoffverbrauch insgesamt aber dennoch ansteigt, da immer mehr Menschen mit einem schweren und leistungsstarken SUV durch die Gegend fahren. Gleichzeitig verleite die bessere Ökobilanz des Autos dazu, öfters Strecken guten Gewissens mit dem PW statt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen. Hier empfiehlt der Experte, absolute Ziele oder feste CO2-Budgets zu definieren statt nur Effizienzmassnahmen, um die Einsparungen nicht wieder zu verschwenden.
Die ideale Stadt oder Gemeinde
Und wie sieht für Valentin Pfäffli eine ideale Stadt aus, die konsequent nach Suffizienzprinzipien geplant und organisiert ist? «Für mich ist eine suffiziente Stadt kompakt, vielfältig und alltagsnah. Sie bietet kurze Wege, die gut zu Fuss, mit dem Velo oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden können, aber auch ein starkes Gewerbe und lokale Produktion respektive lokalen Konsum. Sie ist produktiv und lebenswert.»
Suffiziente Mobilität fällt leicht, wenn alles mit dem Velo bequem erreichbar ist. (Foto: Dejan Dundjerski / Shutterstock)
Reichtum misst sich an dem, was man nicht braucht
Die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema macht klar: Bei einem suffizienten Lebensstil geht es weniger um Verzicht, sondern vielmehr um bewusste Entscheidungen und den wiedererlangten Fokus auf das, was wir wirklich benötigen.
Ein Mann ist reich im Verhältnis zur Zahl der Dinge, auf die er verzichten kann.
Henry David Thoreau
Dass weniger Ballast und Konsum durchaus befreiend wirken kann und Zeit für das Wesentliche schafft, wusste schon der amerikanische Philosoph und Schriftsteller Henry David Thoreau (1817 bis 1862). Er mass den Reichtum eines Menschen nicht an den Dingen, die er besitzt, sondern an denen, auf die er verzichten kann.
Sandra Aeberhard, eidg. dipl. Journalistin SAL/Journalistin BR, ist Geschäftsleitungsmitglied und Inhaberin bei Faktor Journalisten in Zürich. Sie verfasst für die Energie-Experten Beiträge zu den Themen Bauen, Energie und Mobilität.
Mit dem Mobility-Verbrennerauto Altglas zur Sammelstelle zu bringen wie auf dem Bild ist aber auch nicht gerade ein ideales Beispiel in diesem Zusammenhang…
Kommentare: Was denken Sie?
Christian
Vor 5 Tagen
Mit dem Mobility-Verbrennerauto Altglas zur Sammelstelle zu bringen wie auf dem Bild ist aber auch nicht gerade ein ideales Beispiel in diesem Zusammenhang…
Thomas Elmiger
Vor 4 Tagen
Kann es sein, dass Sie das Auto verwechselt haben? Unserer Einschätzung nach handelt es sich beim Entsorgungsfahrzeug um einen VW e-up! Das Symbol mit dem Stecker verbirgt sich auf der geöffneten Türe. Siehe https://mobility.ch/ueber-mobility/fahrzeuge/fahrzeuge-electro/fahrzeuganleitung-vw-e-up