Tiny House oder Mikroapartment – warum weniger Wohnraum Vorteile bringt
Wohnraum in der Schweiz ist knapp und für viele kaum erschwinglich. Zudem verursacht der Gebäudepark rund ein Viertel der Treibhausgasemissionen. Sind Kleinwohnformen die Antwort auf die vielschichtige Wohnproblematik?
Ob in Gais im Appenzellerland, in Roggwil (BE), im aargauischen Safenwil oder auf dem Albispass (ZH) – in den vergangenen Jahren sind an verschiedenen Orten in der Schweiz Siedlungen mit sogenannten Tiny Houses entstanden, weitere sind in Planung. Die Wohnfläche variiert zwischen 25 und rund 150 Quadratmetern auf zwei oder gar drei Geschossen. Auch pavillonähnliche Bauten sind zu finden, bei denen der Wohnraum hindernisfrei auf einer Ebene angelegt ist. Der Trend aus den USA, der das Wohnen auf kleiner Fläche propagiert, ist längst auch bei uns angekommen. Doch was versteht man eigentlich unter Tiny House oder «Kleinwohnform»?
Kleinwohnformen – was ist damit gemeint?
Im Rahmen der Studie «Potenzial von Kleinwohnformen» haben die Forschenden der Hochschule Luzern (HSLU) den Begriff definiert: Als Kleinwohnform gilt eine Wohneinheit mit maximal 30 Quadratmetern Individualfläche pro Person und zusätzlich bis zu 15 Quadratmetern für jede weitere Person. Das ist deutlich weniger als die durchschnittlich beanspruchte Wohnfläche von knapp 47 Quadratmetern pro Person in der Schweiz (2024).
Klar ist auch: Die eingangs erwähnten Kleinhäuser mit bis zu 150 Quadratmetern Wohnfläche fallen nicht alle unter Kleinwohnformen. Die architektonischen Typologien können hingegen gemäss der HSLU-Studie vielfältig sein. Sie können nicht nur als freistehende, mit dem Untergrund verankerte Wohneinheit ausgebildet sein, sondern auch als Gebäude mit kombinierten Wohneinheiten auf mehreren Stockwerken, etwa Mikroapartments oder klassische Wohngemeinschaften. Auch vorgefertigte Module oder fahrbare Einheiten sind denkbar.
Als Kleinwohnform gilt eine Wohneinheit mit maximal 30 m2 Individualfläche pro Person und zusätzlich bis zu 15 m2 für jede weitere Person.
Etwas weiter fasst der Verein Kleinwohnformen Schweiz den Begriff, wobei er die maximale Fläche von 30 Quadratmetern pro Person respektive 45 für zwei Personen übernimmt. Der Verein setzt sich dafür ein, Kleinwohnformen zu etablieren. Unter Kleinwohnform fallen gemäss Webseite kompakte und ressourcenschonende Wohnlösungen, die speziell für Nachverdichtung oder Zwischennutzung konzipiert sind, etwa Minihäuser, Zirkuswagen, Tiny Houses auf Rädern oder Jurten. Im Unterschied zur Definition in der HSLU-Studie gehören kleine Wohnungen oder Häuser auf einem festen Fundament nicht dazu.
Vor der Studie waren kaum Daten vorhanden
Wer genau Tiny Houses und andere Kleinwohnformen in der Schweiz nachfragt, wusste niemand so genau – es gab kaum belastbare Daten dazu. Genau diese Lücke wollten die Forschenden der HSLU mit ihrer fachübergreifenden Studie schliessen. In einer repräsentativen Umfrage wurden über 1200 Personen befragt. Gut die Hälfte von ihnen hat bereits Erfahrungen mit Kleinwohnformen oder bekundete Interesse daran. «Dabei handelt es sich nicht nur um Personen mit kleinem Budget, sondern auch um Menschen aus der Mittelschicht, die sich auch für Nachhaltigkeit engagieren», sagt Selina Lutz, Mitautorin der Studie. Die Interessierten wünschten sich oftmals ein «festes Haus» als Eigentum, und die Hälfte von ihnen würde dafür eine Hypothek in Anspruch nehmen, so Lutz.
Die Lösung gegen Wohnraumknappheit?
Die Leerwohnungsziffer in der Schweiz ist chronisch tief. Landesweit lag sie am 1. Juni 2025 bei lediglich 1 % des Gesamtwohnungsbestands (einschliesslich Einfamilienhäuser), was laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) eine Abnahme um knapp 7 % im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Im Kanton Zürich betrug sie gar nur 0,48 % oder 3815 Wohnungen, das sind 600 weniger als im Vorjahr.
Sind Kleinwohnformen die Antwort auf das Problem des knappen Wohnraums? Ja, findet Selina Lutz. «Kleinwohnformen können und müssen Teil der Strategie zur Verdichtung von Wohnraum sein. So können etwa die Typologien Apartments oder festes Haus, bei denen mehrere Wohneinheiten in einem Gebäude zusammengefasst werden, einen wichtigen Beitrag zur Verdichtung leisten.» Auch sei zu beobachten, dass in urbanen Gebieten vermehrt Mehrfamilienhäuser entstehen, die Mikroapartments, Clusterwohnungen, kleinteilige Hallen-Wohnungen oder Wohneinheiten mit Einfamilienhausqualität anbieten.
Tiefer Wohnflächenverbrauch
Ein frühes Beispiel, das der heutigen Definition nicht ganz entspricht, ist die Siedlung Heizenholz der Genossenschaft Kraftwerk 1, die 2012 bezogen wurde. Die beanspruchte Fläche pro Person beträgt 34 Quadratmeter. Mit einer mehrstöckigen Gemeinschaftsterrasse sowie zwei Clusterwohnungen galt das Projekt damals als wegweisend.
Weitere Beispiele mit einem reduzierten Wohnflächenverbrauch sind die Überbauung Kalkbreite in Zürich oder die Tiny Homes im Zollikerberg. Bei Letzteren gab die Bauherrschaft vor, Kleinwohnungen mit einer durchschnittlichen Wohnfläche von unter 54 Quadratmetern pro Einheit und mit grosser Privatsphäre für ein urbanes Publikum zu schaffen. Sie wollte damit Mieterinnen und Mieter ansprechen, die sich bewusst für wenig Wohnraum entscheiden.
Wohnen auf wenig Raum, aber mit urbanem Flair und viel Privatsphäre – das bietet eine Tiny-House-Siedlung in Zollikerberg. (Fotos: roger frei architekturfotograf msc arch eth)
Nachverdichtung
Laut der Studie bergen Kleinwohnformen auch das Potenzial, bestehende Strukturen nachträglich zu verdichten. Mit Modulen oder Bauten in Leichtbau lassen sich etwa Grundstückflächen nutzen, die für eine konventionelle Bebauung zu klein sind. Eine gute Möglichkeit ist auch die Platzierung einer kleinen Wohneinheit auf einem Einfamilienhausgrundstück. So kann beispielsweise die ältere Generation ins «Stöckli» ziehen und das Einfamilienhaus den Kindern überlassen. Der Vorteil davon ist, dass die älteren Leute ihr soziales Umfeld nicht verlassen müssen. Auch Zwischennutzungen, etwa von Arealen, die aus unterschiedlichen Gründen kurz- oder mittelfristig nicht überbaut werden dürfen, können die Wohnraumsituation entspannen.
Gute Ökobilanz
Für viele Befragte, die sich für eine Kleinwohnform entscheiden, ist ein bewusst nachhaltiger Lebensstil ausschlaggebend. So gewichten sie etwa die Verwendung ökologischer Materialien höher als das Einsparen von Kosten. Auch eine hohe Energieeffizienz ihres Zuhauses ist vielen wichtig.
Eine Fallstudie im Rahmen der HSLU-Studie hat gezeigt, dass Kleinwohnformen je nach Kontext bei der Ökologie tatsächlich besser abschneiden als herkömmliche Einfamilienhäuser. Laut Felix Bucher, Mitautor der Studie, geht aus der vergleichenden Ökobilanzierung hervor, dass Kleinwohnformen der Typologien «festes Haus» und «Apartment» im ländlichen Raum ökologisch nachhaltiger sind als ein herkömmliches Einfamilienhaus, das im Vergleich die grössten Umwelteinwirkungen aufweist.
Kleinwohnformen sind nicht per se vorteilhaft: Typologie, Lage und Mobilität prägen die Umweltbilanz.
Laut den Forschenden der HSLU sind Kleinwohnformen aber nicht per se vorteilhafter: Je nach Typologie, Lage und Mobilität können sie auch eine schlechtere Umweltbilanz aufweisen als herkömmliche Wohnformen. Dies etwa bedingt durch das Pendeln, einen kürzeren Lebenszyklus als ein herkömmliches Gebäude oder teilweise materialintensive Bauweisen.
In der Regel schneiden Kleinwohnformen wie ein festes Haus im ländlichen Raum ökologisch besser ab als ein herkömmliches Einfamilienhaus. (Foto: Shutterstock / Dina da)
Weniger Ressourcen verbrauchen
Auch der Verein Kleinwohnformen Schweiz war an der HSLU-Studie beteiligt. «In unseren Auswertungen vergleichen wir Kleinwohnformen mit rund 30 m² Wohnfläche pro Person mit dem ordinären schweizerischen Einfamilienhaus, das in den HSLU-Studien mit rund 150 m² Wohnfläche und etwa 50 m² pro Person als Referenz dient. Daraus ergibt sich eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs pro Kopf um rund zwei Drittel», sagt Tina Gojani. Sie wohnt selber in einem Tiny House in der Stadt Zürich und entwickelt mit ihrem Büro «Kollektiv Winzig» verschiedene Typologien von Kleinwohnformen.
Zudem bietet ein Tiny House mehr Flexibilität in der Nutzung und leistet so einen konkreten Beitrag zur Ressourcenschonung und Abfallvermeidung. Vorteilhaft ist auch, dass sich Kleinhäuser gut mit wiederverwendeten Baustoffen bauen lassen, was den Bedarf an Primärressourcen verringert.
Ein Label soll Klarheit schaffen
Der Verein, der sich für eine einfachere Bewilligung von nachhaltigen Kleinwohnformen einsetzt, hat eine Reihe von Factsheets herausgegeben, deren Augenmerk auf der Energieeffizienz der verschiedenen Typologien liegt. Die Berechnungen zeigen, dass beispielsweise ein festes Öko-Minihaus mit 35 Quadratmetern Wohnfläche, Stückholzofen, einer Luft-Wasser-Wärmepumpe fürs Warmwasser und einer Photovoltaikanlage mit Speicher übers Jahr mit einer mittleren Leistung von lediglich 53 Watt auskommt. Zum Vergleich: Der Kompressor eines Kühlschranks verbraucht im Betrieb etwa doppelt so viel. Der Stromverbrauch pro Jahr liegt bei 430 kWh für Kühlschrank, Wärmepumpe, Lüftung, Laptop, Handy, Drucker und Beleuchtung.
Wie viel Strom braucht eine Wohnung oder ein Haus im Durchschnitt?
Der Verein hat auch ein Energielabel für Kleinwohnformen entwickelt. «InhaberInnen einer Kleinwohnform können sich von uns ein Energielabel erstellen lassen – dies soll einerseits als Einschätzung und Zertifizierung dienen, andererseits unterstützt es den Bewilligungsprozess», so Gojani.
Mehr Unabhängigkeit
Für Gojani hat das Leben auf beschränktem Platz nichts mit Entbehrung zu tun, im Gegenteil: «Ich wohne im Tiny House, weil mir Unabhängigkeit wichtiger ist als eine grosse Wohnkulisse. Ich wollte herausfinden, wie sich Leben anfühlt, wenn man den Raum bewusst klein hält – und war selbst überrascht, wie viel Autonomie daraus entsteht.» Natürlich sei nicht immer alles perfekt und manchmal stehe man sich im Weg, aber das Modell schaffe Klarheit, weil es auch weniger Ablenkung und Verpflichtung gebe. «Das Tiny House hat mir beigebracht, dass Wohnqualität nicht in Quadratmetern steckt, sondern in der Art, wie ich lebe», so Gojani.
Viel Potenzial, aber auch Hürden
Die Autorinnen und Autoren der HSLU-Studie kommen zum Schluss, dass Kleinwohnformen grosses Potenzial für nachhaltige, flächensparende Wohnlösungen bieten. Besonders ideal eignen sie sich für gut erschlossene Wohn- und Mischzonen sowie Brachflächen. Die Nachfrage ist gross, insbesondere nach Apartments und festen Häusern.
Ideal eignen sich Kleinwohnformen für gut erschlossene Wohn- und Mischzonen sowie Brachflächen.
Eine Hürde ist allerdings, dass Kleinwohnformen wie herkömmliche Bauten bewilligt werden müssen – spezifische Regelungen gibt es bislang nicht, ausser bei Zwischennutzungen. Auch sieht die HSLU-Forscherin Selina Lutz eine Gefahr darin, dass viele kleine Einheiten zu einer räumlichen Zersplitterung führen und damit neue Infrastrukturlasten erzeugen.
«Auf sozialer Ebene kann die starke Betonung der Individualität zu Isolation führen, wenn gemeinschaftliche Strukturen fehlen», so Lutz. Mit politischer, planerischer und finanzieller Unterstützung liesse sich laut der Studie die Verbreitung stärken. Genau dafür setzt sich auch der Verein Kleinwohnformen ein. Kleinwohnformen sind zwar kein Allerheilmittel, doch können sie Teil der Lösung sein, wenn es um Herausforderungen wie die Wohnungsnot, hohe Kosten und ökologischer Wohnraum geht.
Die amerikanische Architektin und Autorin Sarah Susanka hat den Kleinwohnformen ein ganzes Buch mit dem Titel «Not So Big House» gewidmet. Sie schreibt, dass «Not so Big» nicht unbedingt klein bedeuten muss.
Die ideale Grösse sei stark von der finanziellen Situation, der Familiengrösse und der persönlichen Präferenzen abhängig. Obwohl ein Tiny House etwa ein Drittel kleiner ist als ein herkömmliches Zuhause, fühle es sich dennoch grösser an. Das liege daran, dass der Raum «Substanz» habe und alles darin täglich in Gebrauch sei.
Der Verein Kleinwohnformen ist laut eigenen Angaben die grösste Community der Schweiz für Tiny Houses und Co. mit aktuell rund 1500 Mitgliedern. Er wurde 2018 gegründet und setzt sich seither mit viel Herzblut, Engagement und Fachwissen dafür ein, dass ein Tiny House, ein Bauwagen, ein Minihaus oder eine Jurte als anerkannte Wohn- und Lebensform akzeptiert wird. Die Mitglieder fordern, dass Kleinwohnformen genauso ihren Platz in unserer Gesellschaft haben wie Mietwohnungen und Wohneigentum.
Sandra Aeberhard, eidg. dipl. Journalistin SAL/Journalistin BR, ist Geschäftsleitungsmitglied und Inhaberin bei Faktor Journalisten in Zürich. Sie verfasst für die Energie-Experten Beiträge zu den Themen Bauen, Energie und Mobilität.
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