Wohnen und arbeiten unter einem Dach – ökologisch, flexibel, günstig

Ein unkonventioneller Neubau auf dem Areal Erlenmatt Ost in Basel bietet Kunstschaffenden die Möglichkeit, an einem Ort zu wohnen und zu arbeiten. Die Mieten sind halb so hoch wie der Durchschnitt, das Energiekonzept ist auf Ökologie getrimmt, die Grundrisse passen sich den Lebensphasen der Nutzenden an. Nach zwei Jahren lässt sich sagen: Das Experiment ist geglückt.

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Erlenmatt Ost

Am selben Ort wohnen und arbeiten, tiefe Miete zahlen und ökologisch verantwortungsvoll leben? Für viele Künstlerinnen und Künstler ist das eine ideale Vorstellung. Genau dieses Kunststück hat die Coopérative d’ateliers in Basel gewagt. Für sie hat der Architekt Heinrich Degelo einen Neubau entworfen, der dank seiner durchdachten Architektur, seinem Energiekonzept und seiner Materialisierung das Unmögliche möglich macht. Seit 2019 ist das Wohnatelierhaus bewohnt. Fazit nach zwei Jahren: Das Experiment funktioniert auch in der Praxis und die bewohnbaren Einheiten stossen auf reges Interesse.

Stiftung vergibt Parzellen im Baurecht

2019 ist der Traum vom Wohnen und Arbeiten unter einem Dach für fast 40 Bewohnende des Wohnatelierhauses auf dem Areal Erlenmatt Ost in Basel Realität geworden. Die von einer Gruppe Kunstschaffender gegründete Genossenschaft Coopérative d’ateliers konnte sich in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten Heinrich Degelo ein Grundstück auf dem Areal des neuen Basler Wohnquartiers Erlenmatt Ost nahe dem Badischen Bahnhof sichern. Die Arealeigentümerin Stiftung Habitat hat fünf Bauparzellen im Baurecht an interessierte Genossenschaften und andere Bauherrschaften abgegeben. Insgesamt sind neun Mehrfamilienhäuser von acht verschiedenen Architekturbüros entstanden. Eine Besonderheit ist das Getreidesilo von 1912, das die Stiftung komplett sanierte und zu einem Hostel umgestaltet hat.

Erlenmatt Ost

Erlenmatt Ost ist das erste grosse Areal, das die Stiftung Habitat entwickelt und mit verschiedenen Bauträgerschaften bebaut hat. Die Idee: Boden der Spekulation entziehen und im Baurecht abgeben, zahlbaren Wohnraum für Menschen in allen Lebenslagen schaffen, Wohnen und Arbeiten im Quartier ermöglichen sowie Räume für Gemeinschaft und Begegnung gestalten. Heute leben rund 500 Bewohnerinnen und Bewohner in den insgesamt 200 Wohnungen auf dem 22’000 Quadratmeter grossen Grundstück. Eine zweite Bauetappe mit drei weiteren Gebäuden ist ab 2023 geplant.

Erlenmatt innen
Die Materialisierung ist sehr reduziert, die Grundrisse lassen sich jederzeit den aktuellen Bedürfnissen anpassen. (Foto: Barbara Bühler, Basel)

Flexible Grundrisse

Das Atelierhaus der Coopérative d’ateliers beherbergt auf vier Geschossen insgesamt 14 Wohnateliers. Bei ihrer Vermietung sind die 60 bis 150 Quadratmeter grossen Wohnungen nur minimal ausgebaut. «Die Frage nach dem flexiblen Wohnen treibt mich schon lange um», sagt Architekt Heinrich Degelo. Aus seiner Sicht entsprechen die heute üblichen Wohnungsgrundrisse in vielen Fällen nicht den Bedürfnissen der Bewohnenden, schon gar nicht über längere Zeit. Denn ein Zuhause soll mit den veränderten Lebensphasen mitwachsen, findet Degelo. Die Wohnungen im Atelierhaus bieten genau diese Flexibilität, denn fixe Innenwände gibt es nicht. Die Trennwände ziehen die Bewohnenden nach Bedarf ein. Ändern sich die Lebensumstände, bekommt eine Familie Zuwachs oder ziehen die Kinder aus, lassen sich die Grundrisse einfach wieder anpassen.

Die Mietenden übernehmen die Räume im Rohausbau. Jede Mietfläche ist mit einem flexibel platzierbaren Sanitärblock ausgestattet, der WC, Dusche und Waschbecken enthält. Zudem ist ein Küchenelement mit Herd, Spüle und Kühlschrank sowie ein zentraler Strom- und Wasseranschluss Teil der Grundausstattung. «Das Sanitär- und Küchenelement kann innerhalb eines halben Tages positioniert und angeschlossen werden. Ab dann kann man wohnen oder arbeiten oder eben weiterbauen», erklärt Degelo.

Ökologie

Auch wenn die Siedlung Erlenmatt Ost nicht zertifiziert ist, erfüllt sie die strengen Anforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft. Die Baurechtsnehmenden, in diesem Fall die Coopérative d’ateliers, mussten sich verpflichten, die umfangreichen Vorgaben hinsichtlich Energieverbrauch, Wohnfläche und Mobilität einzuhalten. So darf beispielweise eine Person nicht mehr als 45 Quadratmeter Energiebezugsfläche beanspruchen – Treppenhaus, Badezimmer und Gänge inbegriffen. Im Künstlerhaus sind die Flächen mit knapp unter 40 Quadratmetern pro Person sogar noch tiefer, erklärt Degelo. Auch hinsichtlich Mobilität verhalten sich die Bewohnerinnen und Bewohner vorbildlich. Von den sparsam eingeplanten Parkplätzen sind die meisten ungenutzt.

Nachhaltiges Ressourcenmanagement

Obwohl die Erstellungskosten für das Gebäude tief sind, wurden bei der Ökologie keine Abstriche gemacht. Von Anfang an legte der Architekt Wert auf ein nachhaltiges Ressourcenmanagement durch einen reduzierten Einsatz von Materialien in einem möglichst rohen Zustand. So sind die beiden Treppenkerne in Beton ausgeführt, ebenso die Böden und Decken. Die Aussenwände aus Dämmziegelsteinen sind innen lediglich geschlämmt und kommen ohne Verputz aus. Im Innern sind die einzelnen Wohnateliers durch rohe Kalksandsteinwände voneinander getrennt. Bodenbeläge sind keine vorgesehen, können aber von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst montiert werden.

Erlenmatt Veranda
Wenig Technik, angenehme Temperaturen: Ein durchgehender Balkon bietet nicht nur Aufenthaltsqualität, sondern schützt die Innenräume im Sommer auch vor übermässiger Hitze. (Fotos: Barbara Bühler, Basel)

Optimale Dämmung, keine Heizung

Für Degelo ist klar: «Ein CO2-freier Gebäudebetrieb ist für mich heute ein absolutes Muss.» Er hat das Gebäude so konzipiert, dass es mit wenig Technik und ohne Heizung und Kühlung auskommt. Dies gelingt unter anderem durch die rund 80 Zentimeter starke zweischalige Konstruktion mit Aussenwänden aus Dämmziegeln. Diese sogenannten Bricosol-Backsteine sind sehr leicht und isolieren dank der eingeschlossenen Luft optimal. Die tiefen Fensterlaibungen schützen im Sommer auch ohne zusätzlichen Sonnenschutz vor Überhitzung. Auch die tiefen vorgelagerten und durchgehenden Balkone auf der Südwest-Seite sind Teil des sommerlichen Wärmeschutzes.

Abwärme von Mensch und Technik nutzen

Im Winter sorgt die Abwärme aller Wärmequellen für eine Raumtemperatur zwischen 20 und 22° Celsius. Dazu zählen etwa die Nutzenden, die Beleuchtung, Computer und andere Geräte sowie das Tageslicht, das durch die Fenster eindringt. Das Prinzip funktioniert in der Praxis laut Degelo gut, doch braucht es etwas länger, bis der Bau komplett ausgetrocknet ist. Vorübergehend sind die Wohnungen deshalb mit Entfeuchtern versehen, die den Trocknungsprozess beschleunigen. Durch die Verdunstung senkt sich die Raumtemperatur um ein bis zwei Grad, sodass die angestrebten 20 bis 22° Celsius während den Wintermonaten nicht immer erreicht werden konnten. Ist der Bau aber ganz trocken, sollte sich dieses Problem nicht mehr stellen.

Bedarfsgerechte Lüftung via Fenster und Klappen

Jedes der Wohnateliers ist mit einem Sensor ausgestattet, der den CO2-Gehalt laufend misst. Wird der Grenzwert überschritten, kommt die automatisierte Fensterlüftung der zum Hof hin angeordneten Fenster zum Einsatz. Diese bedarfsgerechte Fenstersteuerung erlaubt vor allem im Winter minimale Wärmeverluste. Die Fenster und Türen können aber auch jederzeit manuell geöffnet respektive geschlossen werden. Um den Lärm der nahen Autobahn auf ein Minimum zu reduzieren, sind die Lüftungsklappen mit einer Schalldämmung versehen.

Strom vom eigenen Dach

Der Strom, der auf dem Areal Erlenmatt Ost verbraucht wird, kommt zum grössten Teil von den auf den Dächern installierten Photovoltaikanlagen. Als Betreiberin verkauft die Energiegenossenschaft ADEV den Solarstrom direkt an die Bewohnenden. Dazu wurde 2017 eine der schweizweit grössten Eigenverbrauchsgemeinschaften gegründet. Das Warmwasser wird mit Wärmepumpen aufbereitet. Rund 70 Prozent des Stroms und der Wärme von Erlenmatt Ost wird vor Ort produziert. Auch die drei Elektroautos, die den Bewohnenden zur Verfügung stehen, werden mit Solarstrom getankt. Deren Batterie dient als kleiner Pufferspeicher, der bei schlechtem Wetter oder bei sehr hohen Bezügen am Abend Energie zurück ins Areal speisen kann.

Tiefe Baukosten, günstige Mieten

Der Neubau bringt nicht nur das Kunststück zustande, ohne Heizung auszukommen, auch die Mietkosten sind verblüffend tief und liegen bei rund der Hälfte vergleichbarer Wohnungen im Basel. Dies hat zum einen damit zu tun, dass die Genossenschaft das Grundstück im Baurecht übernehmen konnte. Zum andern ist es aber auch die Bauweise, die konsequent von der Überlegung ausgeht, was es denn zum Wohnen überhaupt braucht. Inspiriert von der Fluggesellschaft «easyJet», die das Fliegen vor einigen Jahren revolutioniert hat, ist Degelo zur Überzeugung gelangt, dass es wenig mehr braucht als einen Sicherheit bietenden Raum und ein gutes Klima. Ob Bodenbeläge, verputzte Wände oder eine Geschirrspülmaschine dazukommen, entscheiden die Nutzenden selbst. Das Resultat dieser konsequent umgesetzten Idee sind Mietpreise, die wohl an kaum einer anderen städtischen Lage in der Schweiz erreicht werden: 10 Franken je Quadratmeter und Monat. Belegt man also 60 Quadratmeter Fläche, wohnt man für 600 Franken pro Monat. Kosten für die Heizung fallen keine an.

Weiteres Projekt in Planung

Natürlich ist es nicht jedermanns Sache, so zu wohnen, doch für viele Leute ist die individuelle Gestaltungsfreiheit wichtiger als genormter, vorgefertigter Komfort. Degelos unkonventionelles Konzept jedenfalls stösst auf reges Interesse. Für Künstlerinnen, Familien, ältere Menschen sowie für all jene, die keine Lust auf herkömmliche Mietwohnungen haben, gibt es schon bald weitere Atelierwohnungen in ähnlichem Stil. In Pratteln ist bereits eine weitere Siedlung in Planung, auf der Degelo mit der von ihm gegründeten Genossenschaft Homebase rund 6500 Quadratmeter Fläche bebaut – das ist rund dreimal so viel wie beim Neubau Erlenmatt. Bis 2026 sollen die Wohnungen bezugsbereit sein. Auch wäre es denkbar, mit einem ähnlichen Projekt den Zürcher Wohnungsmarkt aufzumischen. Dazu müsste aber die Praxis geändert werden, wonach nur Zürcher Genossenschaften bei der Vergabe von Grundstücken berücksichtigt werden.

Heinrich Degelo hat das Gebäude so konzipiert, dass es mit wenig Technik und ohne Heizung und Kühlung auskommt.


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