Bauen & Wohnen

20 Jahre Minergie

Im Jahr 2018 feiert der Verein Minergie sein 20-jähriges Bestehen. Zur Anpassung an die inzwischen veränderten Rahmenbedingungen wurden Anfang 2017 die Standards Minergie, Minergie-P und Minergie-A weiterentwickelt und mit neuen Produkten zur Qualitätssicherung (MQS Bau und MQS Betrieb) sowie mit Systemlösungen für einfache Minergie-Sanierungen ergänzt. Neu steht die Elektrizität im Fokus.

Leonid LeivaLeonid Leiva7 min

Als Label für nachhaltiges Bauen und Schweizer Energiestandard für Niedrigenergiehäuser entstand Minergie Mitte der 1990er Jahre. Im Jahr 1998, nachdem die Kantone Zürich und Bern die Marke Minergie übernommen hatten, fand die Gründung des Vereins Minergie statt. Später kamen die anspruchsvolleren Standards Minergie-P (2003) und Minergie-A (2011) sowie das Zusatzprodukt ECO für gesunde und ökologische Bauweise hinzu. Bei seinem 20-jährigen Jubiläum kann der Verein Minergie auf eine eindrückliche Erfolgsstory zurückblicken: 45'000 Gebäude haben in der Zwischenzeit das Minergie-Label erhalten. Rund 630'000 Menschen wohnen und etwa 370'000 arbeiten, lernen oder verbringen ihre Freizeit in Minergie-Häusern. Besonders erfolgreich zeigt sich Minergie im Wohnbausektor: Jedes zwölfte neue Wohngebäude zwischen 2014 und 2016 ist nach Minergie zertifiziert. Von allen nach Minergie-Standards erstellten Gebäuden sind 45 Prozent Einfamilienhäuser und 42 Prozent Mehrfamilienhäuser. Die totale Energiebezugsfläche der nach Minergie zertifizierten Bauten beträgt heute rund 50 Millionen Quadratmeter, eine Fläche so gross wie der Thunersee. Insgesamt 50 Milliarden Kilowattstunden Energie und 10 Millionen Tonnen CO2 sind seit 1998 eingespart worden, indem nach Minergie statt nach gesetzlicher Mindestanforderung gebaut wurde. Das gleicht in etwa dem Energieverbrauch der Stadt Luzern in demselben Zeitraum. 

Minergie im Umfeld von Gesetzen und Normen

Die Minergie-Gebäudestandards wurden auf Anfang 2017 komplett überarbeitet. Diese Erneuerung ist abgestimmt auf die neuen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich, Ausgabe 2014 (MuKEn 2014) und die Neuerungen in den Normen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA. Die MuKEn 2014 wird in den einzelnen Kantonen in den kommenden Jahren eingeführt werden. Minergie-Gebäude erfüllen die MuKEn bereits mit den Standards 2017. 

Ab Minergie 2017 ist die Nutzung von fossilen Energien zur Erzeugung von Wärme und Kälte in Neubauten nicht mehr zulässig. 

Die wichtigsten Neuheiten

Aktuell werden noch in einem Zehntel aller Minergie-Neubauten fossile Energieträger eingesetzt. Ab Minergie 2017 ist die Nutzung von fossilen Energien zur Erzeugung von Wärme und Kälte in Neubauten nicht mehr zulässig. Aus Minergie-Häusern sind Öl- und Gasheizungen somit verbannt. Indirekt dürfen die Eigentümer jedoch fossile Energien für die Wärmeversorgung nutzen, indem sie Fernwärme beziehen, die teilweise mit diesen Energieträgern produziert wird.  

Ab 2017 gilt eine Minergie-Kennzahl als Mass für die Gesamtenergiebilanz. Diese Kennzahl quantifiziert analog zur Kennzahl der MUKEn 2014 die gewichtete Endenergie für Raumheizung, Warmwasser, Lüftung und Klimatisierung. Die Minergie-Kennzahl schliesst aber zusätzlich die Endenergie für Beleuchtung, Geräte und allgemeine Gebäudetechnik sowie die Strom-Eigenproduktion ein, die in die Kennzahl der MuKEn keinen Eingang findet.

Für Minergie-Neubauten ist neu die Strom-Eigenproduktion analog zu den MuKEn 2014 Pflicht.

Für Minergie-Neubauten ist neu die Strom-Eigenproduktion analog zu den MuKEn 2014 Pflicht. Die im oder am Gebäude installierte Elektrizitätserzeugungsanlage bei Neubauten muss mindestens 10 Wattpeak (Nennleistung) pro Quadratmeter Energiebezugsfläche betragen, wobei nie mehr als 30 Kilowatt Nennleistung verlangt werden. Der selbst produzierte Strom, in der Regel mit einer Photovoltaikanlage, kann bei der Berechnung der Gesamtenergiebilanz in Abzug gebracht werden. Die hauseigene Strom-Produktion setzt sich zusammen aus den Anteilen des Eigenverbrauchs und der Netzeinspeisung, jeweils mit unterschiedlicher Anrechenbarkeit. Während der Eigenverbrauch vollständig abgezogen wird, gelten beim ins Netz eingespeisten Strom nur 40 Prozent als abzugsfähig. Dadurch schafft Minergie Anreize, den Eigenverbrauch zu erhöhen. Das bedeutet auch, dass eine Auslegung der Photovoltaikanlagen gefördert wird, die vor allem die Produktion im Winterhalbjahr maximiert, wenn der Eigenbedarf am grössten ist. Dadurch wird eine solare Überproduktion im Sommer mit den dazugehörigen Belastungen für das Stromnetz vermieden. 

Bei Wohnbauten belohnt Minergie 2017 zudem die effiziente Elektrizitätsnutzung durch die Bereitstellung eines Modells zur Berechnung des Standardverbrauchs von Beleuchtung, Geräten und allgemeiner Gebäudetechnik. Dazu werden einfache Optimierungsmöglichkeiten (z. B. Einsatz von Bestgeräten) vorgegeben, welche an die Minergie-Kennzahl angerechnet werden können.

Warum der Bezug von Ökostrom nicht gewürdigt wird

Bemerkenswert an der Art und Weise, wie Minergie 2017 die verschiedenen Energieträger bewertet, ist die Gleichbehandlung von Elektrizität aus dem öffentlichen Stromnetz, ungeachtet dessen, ob es sich um Ökostrom oder um konventionelle Stromprodukte handelt. Bei der Berechnung der Minergie-Kennzahl wird der Bezug von Netzstrom nämlich mit dem gleichen Gewichtungsfaktor belegt. Dass Minergie damit den Bezug von Ökostrom aus dem Netz nicht honoriert, hat laut Minergie-Geschäftsführer Andreas Meyer Primavesi zwei Hauptgründe: Der wichtigste Grund sei, dass man den Minergie-Antrag in der Regel beim Abschluss des Vorprojekts einreicht. «Zu diesem Zeitpunkt kennt man – ausser bei Einfamilienhäusern, die vom Bauherrn selbst bewohnt werden – die künftigen Nutzer noch nicht. Es ist also eher eine Behauptung als eine Deklaration, dass diese künftig Ökostrom kaufen werden», sagt Meyer Primavesi. Und selbst wenn Ökostrom anfangs bezogen wird, gibt es laut Meyer Primavesi keine Garantie, dass die Nutzer dies langfristig tun: Meyer Primavesi sagt, ihm seien keine rechtlichen Mittel bekannt, die Mieter einer Liegenschaft langfristig – also über 15 bis 20 Jahre – zum Bezug von Ökostrom zu verpflichten. «Wir wollen vermeiden, dass jemand den Verweis auf künftigen Ökostrombezug dazu missbraucht, um Investitionen in die Qualität der Gebäudehülle, eine effiziente Haustechnik oder die Eigenstromproduktion zu umgehen. Weil wir nicht sicher sein können, dass dann tatsächlich Ökostrom bezogen wird, können wir dessen Anrechnung nicht zulassen.»

Ein zweiter wesentlicher Grund dafür,  Ökostrom nicht anzurechnen, sei die Tatsache, dass dies auch von den gesetzlich vorgeschriebenen MuKEn 2014 so gehandhabt wird. Würde Minergie ihre Standards nicht mit den MuKEn abstimmen, könnte sich der Fall ergeben, dass ein Minergie-Haus die gesetzlichen Vorschriften nicht erfüllt. Das wolle man also auch vermeiden, sagt Meyer Primavesi. Und dann fügt er weitere Überlegungen hinzu: «Auch sind wir der Meinung, dass eine Minergie-Hauseigentümerin besser fährt, wenn sie einen eigenen Beitrag an die Energiestrategie 2050 leistet mit der dezentralen Eigenstromproduktion kombiniert mit hohem Eigenverbrauch.» Mit der Stromproduktion auf dem eigenen Grundstück werde ein Hauseigentümer «glaubwürdig und unabhängig; selbst bei einer Verknappung von günstigem Ökostrom in 10 Jahren». Zudem zahle sich die Eigenproduktion aus, weil die Gestehungskosten für Photovoltaik heute schon weit tiefer seien als beim Einkauf von zertifiziertem Ökostrom.

Sollte Biogas angerechnet werden?

Viel aktueller sei übrigens die analoge Frage beim Biogas. Meyer Primavesi umschreibt sie wie folgt: «Weil Minergie die Fossilen im Neubau ausschliesst (auch Erdgas) und an einzelnen Standorten – gerade in der Sanierung – einfach von Erdgas auf Biogas umgestellt werden könnte, ist die Anrechenbarkeit von Biogas von grosser Tragweite für den Gesetzgeber und Minergie.» Sollte die Garantie einer langfristigen Vertragsbindung gegeben sein, bestehe die Möglichkeit, dass man anders als beim Ökostrom vorgehen werde. «Aber: Es wäre dann, wie beim Ökostrom, darauf zu achten, dass das «Bio»gas ökologisch hält, was es verspricht. Importiertes Biogas aus vergärtem Mais ist nämlich keine sonderlich intelligente und umweltfreundliche Option, das weisen viele Studien nach. Und ökologisches, inländisches Biogas ist nur sehr beschränkt verfügbar», gibt Meyer Primavesi zu bedenken. 

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