Ressourcenknappheit und Klimawandel stellen unsere Gesellschaft vor wachsende Herausforderungen. Dem Bauen mit Lehm, der direkt zu unseren Füssen liegt, wird während der Wanderausstellung Think Earth! im ETH Zürich Hauptgebäude vom 30. Oktober bis 6. November deshalb wieder mehr Beachtung geschenkt.

Wer meint, dass der Lehmbau und das Bauen mit Aushubmaterial nur in Afrika oder Asien anwendbar ist, täuscht sich. Während Jahrhunderten wurde auch in Europa Lehm für Aussenwände, Verputze und als Füllmaterial verwendet. Lehm weist eine hohe Dichte auf und eignet sich daher ideal als Wärmespeicher und Temperaturregulator. Gerade die Region um Lyon und Grenoble in Frankreich kennt einen Lehmbau-Anteil von 40%. Klimatisch ist sie durchaus vergleichbar mit der Schweiz.

Lehmvorkommnisse in der Schweiz

Die Lehmkarte Schweiz zeigt an, dass es über das ganze Landesgebiet der Schweiz Lehmvorkommen gibt. Vor allem gibt es Vorkommnisse vom Mittelland über den Jura bis hin zur Rheinebene, also praktisch das ganze Gebiet nördlich der Alpen, wo früher das grosse Meer war.

Mit dem Aufkommen von Beton und weiteren Schnellbaumethoden ist der Lehmbau in eine Nische gedrängt worden, die seinen ästhetischen und ausgleichenden Eigenschaften nicht gerecht wird. Er ist während Jahrzehnten von den Aussenfassaden verschwunden und durfte höchstens als Verputz und beim Ofenbau eingesetzt werden.

Interessanterweise entsprechen die Lehmvorkommnisse denjenigen Gebieten mit der grössten Bevölkerungsdichte. Dort wo gebaut wird, liefern heute Zugwaggons den nötigen Zement sowie Kies und Gestein an. Doch eigentlich gäbe es eine unendliche Quelle an Baumaterial gleich unter den Füssen. Die ETH hat berechnet, dass 2017 im Kanton Zürich 1’800’000 m3 verwendbarer Lehm aus Aushubmaterial zu gewinnen wäre. Würde man bei einem 4-stöckigen Mehrfamilienhaus den Lehm in geeigneter Art und Weise einsetzten, könnten so gegen 3760 Häuser gebaut werden. Also ein gewaltiges Potenzial.

Wanderausstellung Think Earth!

Vom 30. Oktober bis 6. November zeigt die Wanderausstellung Think Earth! im ETH Zürich Hauptgebäude auf, wie der zeitgenössische Lehmbau weltweit aussieht. Die Schweiz spielt dabei mit Vorzeige-Beispielen eine zentrale Rolle, aber der Markt wartet noch darauf, entdeckt zu werden. 

Wieso Lehm? Ressourcenknappheit und Klimawandel stellen unsere Gesellschaft vor wachsende ökologische und soziale Herausforderungen. Das Bauen mit Lehm kann zur Lösung dieser Probleme beitragen wie kaum eine andere Bauweise. Darüber hinaus liefert es überzeugende Lösungen für ein gesundes Raumklima und für eine soziale Baupraxis. Nicht zuletzt wird sein gestalterisches Potenzial gerade von der Architektur entdeckt.

TERRA Award – die internationale Auszeichnung für zeitgenössischen Lehmbau

Die Wiederentdeckung des Lehmbaus passiert jetzt. Der TERRA Award – der erste weltweite Preis für zeitgenössisches Bauen mit Lehm – bringt die spektakulärsten und vielfältigsten Beispiele dieser Bauweise ans Licht. Think Earth! lädt seine Besucher ein, die Schönheiten und die Techniken des Bauens mit Lehm zu entdecken. Vierzig Projekte von Preisträgern und Finalisten aus allen Kontinenten – davon vier aus der Schweiz – stehen für eine sich neu entwickelnde Baupraxis, welche das Potenzial hat, unsere gebaute Umwelt und auch die Beziehung zwischen Mensch und Material nachhaltig zu beeinflussen.

Ricola KräuterzentrumBild: Das Ricola Kräuterzentrum in Laufen BL: Gewinnerin des TERRA Award Sonderpreises in der Kategorie Technische Innovation. (Quelle: Ricola AG, Markus Bühler-Rasom)

Energetische Vorteile des Lehmbaus

Das Bauen mit Material, welches vor Ort aufgearbeitet wird, bedeutet eine sehr vorteilhafte Bilanz der Grauen Energie. Sogar mit den stabilisierten Lehmsteinen (2-3% Zement) ist die Graue Energie klein. Die Abmischung mit Sand, Kies oder Schutt kann bei geeigneten Baustellen vor Ort gefunden werden. Lehm lässt sich zudem einfach durch einsumpfen wieder von den restlichen Komponenten trennen und ohne Deponierung in den ursprünglichen Zyklus zurückführen. Leider fehlen die genauen Messdaten bis heute. Dies, weil das Bauen mit Lehm auch an den Hochschulen sehr stiefmütterlich betrachtet wurde und dadurch weniger Forschungsgelder reinflossen.

Qualitativ lässt sich Lehm einfach mit Naturfasern kombinieren. Gerade mit Stroh als Ergänzung können interessante Dämmwerte erreicht werden, die mit dem Holzbau vergleichbar sind und somit die MINERGIE-P-Eco Standards erfüllen.

Innovation – auch in der Schweiz

Mit der Nachfrage an Lehmprodukten eröffnet sich ein Innovationsfeld für die Herstellung von Fertigprodukten. Zur Marktreife hat es ein Fertigbauelement mit Strohkern- und Leichtlehm-Füllung geschafft. Es ist bereits in einigen ersten Anwendungen anzutreffen. In einer Zusammenarbeit mit der Empa werden die Erhöhung der Dämmwerte von Lehmputzen durch Beimischung von Aerogel getestet. Angestrebt ist eine Verdoppelung des Dämmwerts. Zwei Hersteller von ungebrannten Lehmziegelsteinen (TERRABLOC aus Gland und Lehmwerk in Seelen) tüfteln an Möglichkeiten der Prozessbeschleunigung bei der Herstellung, was schon zu einer Halbierung der Produktionskosten führte.

Die Lehre packt die Chance

Mit der Professur für nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich, der Gastprofessur von Roger Boltshauser an der EPFL und den verschiedenen neuen Lehrgängen an den Fachhochschulen wird der Lehm seinen Weg in die Lehre und Forschung machen. Roger Boltshauser nimmt sich die Thematik der Erdbebensicherheit von Stampflehm-Elementen vor. Die ETH Zürich schaut den Design-Prozess für Lehmbau an und fragt, welche Grundprinzipien angewendet werden sollen. Interessanterweise lässt der Lehmbau viele neue Elemente zu, die noch ihre Standardisierung erfahren müssen. Somit haben der Bauherr und die Architekten mehr Spielraum für die Gestaltung.

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