Mit der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft haben Schweizer Forscher Anfang der 1990er Jahre einen Weg zur nachhaltigen Energiezukunft entworfen. Nun wird die Vision allmählich konkret: Mit der Erstellung von Arealen nach den 2000-Watt-Zielen erhält die Idee ein klar umrissenes Gesicht in unserer gebauten Umwelt.

Die 2000-Watt-fähige Schweiz wird bereits heute im wahrsten Sinne des Wortes gebaut: Im Herbst 2012 bekam die Überbauung Greencity am Fusse des Zürcher Uetlibergs als schweizweit erste das 2000-Watt-Zertifikat. Seither ist die Zahl der mit dem Label ausgezeichneten Areale in der Schweiz weiter auf derzeit 19 angewachsen. Und viele weitere erfüllen die Voraussetzungen dafür, haben aber die Auszeichnung nicht beantragt. Die zertifizierten Siedlungen befinden sich in der Regel in grösseren städtischen Zentren. Sie haben das Label erhalten als Anerkennung für eine Planung, die in Übereinstimmung mit den Etappenzielen der 2000-Watt-Gesellschaft für das Jahr 2050 steht. Fünf besonders vorbildliche Überbauungen haben sich im Januar 2017 als Pilotprojekte sogar das  Zertifikat „2000-Watt-Areal in Betrieb“ gesichert. Die periodische Überprüfung der Zielerreichung in der Betriebsphase ist eine zentrale Besonderheit des 2000-Watt-Labels. Sie ermöglicht ein kontinuierliches Monitoring der Areal-Performance und soll dazu beitragen, die bisweilen klaffende Lücke zwischen Planungszahlen auf dem Papier und tatsächlichen Betriebsmesswerten zu schliessen.

2000-Watt-Areale in der SchweizBild: Neben den Arealen, die das 2000-Watt-Label „in Entwicklung“ oder „in Betrieb“ verliehen bekommen haben, gibt es in der Schweiz eine Reihe von Arealen, die „2000-Watt-kompatibel“ geplant, in Bau oder bereits realisiert sind. Diese Areale würden also ebenfalls die Anforderungen des 2000-Watt-Labels erfüllen, haben aber keine entsprechende Zertifizierung beantragt. (Quelle: Faktor Verlag)

Ambitionierte Zielsetzung

Die Zielwerte der 2000-Watt-Gesellschaft bedeuten konkret, dass weltweit der Pro-Kopf-Energieverbrauch bis zum Jahr 2100 auf eine Dauerleistung von 2000 Watt und die dadurch verursachten Treibhausgasemissionen auf 1 Tonne CO2 pro Person und Jahr gesenkt werden müssten. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 lagen diese Werte in der Schweiz bei 6300 Watt respektive 8.7 Tonnen CO2, was das beachtliche Ausmass der nötigen Reduktionen verdeutlicht. Als Etappenziel für das Jahr 2050 definiert die 2000-Watt-Gesellschaft eine Dauerleistung von 3500 Watt und Treibhausgasemissionen in Höhe von 2 Tonnen CO2 pro Person und Jahr. Für Areale werden diese Zielwerte umgerechnet auf den Energieverbrauch und die Emissionen pro Jahr und Einheit der Energiebezugsfläche.

Die ersten 2000-Watt-Areale in Betrieb

Der Trägerverein Energiestadt zeichnete im Januar besonders nachhaltige Siedlungen in den Städten Zürich (3 Areale), Basel (1) und Bern (1) aus. Der totale sowie der nichterneuerbare Primärenergiebedarf und die Treibhausgasemissionen liegen in allen Pionierarealen unterhalb der geforderten Werte und deutlich unter dem aktuellen Schweizer Durchschnitt. Berücksichtigt wird in der Bilanz sowohl die Erstellung der Areale als auch deren Betrieb und die von deren Nutzern beanspruchten Mobilitätsleistungen. Bisher erteilte der Trägerverein Energiestadt eine solche Zertifizierung nur für Areale in der Projektierungs- und Planungsphase. Mit der Entwicklung eines auf Überbauungen zugeschnittenen Monitoring-Standards kann neu auch die alles entscheidende Nutzungsphase bewertet werden. Voraussetzung ist, dass zum Zeitpunkt der Antragstellung mindestens 50 Prozent der Nutzungsfläche des Areals bereits fertiggestellt sind. Die für die Zertifizierung nötigen Daten werden durch Befragungen der Nutzer sowie aus verschiedenen Messungen erhoben. Noch ist dieser Daten-Flickteppich lückenhaft, aber die Bemessungstools werden weiterentwickelt. Neben dem quantitativen Nachweis werden die Areale auch einer qualitativen Beurteilung unterzogen. Diese soll sicherstellen, dass Aspekte des sozialen Zusammenhalts sowie der empfundenen Lebensqualität in den Arealen nicht vernachlässigt werden.

Qualitative ZielerreichungBild: Die ersten 5 in Betrieb zertifizierten 2000-Watt-Areale erfüllten die Kriterien sogar mit Reserven. In der Grafik zeigt der Grad der Zielerreichung in Prozent, wie die tatsächlich gemessenen Betriebswerte für die totale und die nichterneuerbare Primärenergie sowie für die Treibhausgasemissionen im Verhältnis zu den vorgegeben Zielwerten stehen. 100 Prozent würde bedeuten, dass die Zielwerte punktgenau erreicht wurden. Werte darunter hingegen heissen, dass die Messwerte unter dem jeweiligen Zielwert liegen. (Quelle: EnergieSchweiz)

Unterschiedliche Wege zum Ziel

Ein guter Indikator für den Erfolg des 2000-Watt-Areal-Labels ist, dass nicht nur genossenschaftlich organisierte, sondern auch private Akteure danach streben. Als Träger der drei Zürcher Areale (Hunziker, Sihlbogen und Kalkbreite) fungieren Wohnbaugenossenschaften, während sich das Basler (Erlenmatt West) und das Berner Areal (Burgunder) in den Händen privater Trägerschaften befinden. Jenseits ihrer gemeinsamen Bestrebungen um Energieeffizienz unterscheiden sich die 5 Pilotareale in vielerlei Hinsicht. Das beginnt schon bei der Arealfläche, die zwischen 6'400 m2 (Kalkbreite) und 40'200 m2 (Hunziker) variiert. Jedes Areal legt den Fokus auf einen bestimmten Aspekt und geht mit eigenen Massnahmen an die Aufgabe heran, den Energieverbrauch zu minimieren. Im Bereich Mobilität beispielsweise fällt zwar für alle die im Schweizer Vergleich hohe ÖV-Nutzungsquote auf. Gefördert wird diese aber mit verschiedenen Mitteln. Im Sihlbogen ist ein ZVV-Dauerabo im Mietzins integriert. Bei Burgunder zahlt sich die Lage in Bahnhofnähe aus. Kalkbreite und Burgunder sind „autofrei“ und verpflichten die Mieter vertraglich zum Verzicht auf ein Auto. Bei Hunziker werden in diesem Punkt Ausnahmen zugelassen, sofern der Arbeitsweg oder eine Behinderung den Autobesitz rechtfertigen. Das führt zur Bezeichnung „autoarm“.

Areal GreencityBild: Als erstes 2000-Watt-Areal der Schweiz hat sich das aus 13 Gebäuden zusammengesetzte Greencity südlich der Stadt Zürich das Ziel gesetzt, sich zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu versorgen. Die Wohnbauten streben das Label Minergie-P-Eco und die Büros LEED Platinum an. (Quelle: 2000-Watt-Areal/EnergieSchweiz)

Unterschiedliche Wege beschreiten die Areale auch bei der Versorgung mit Wärme und Elektrizität. Hunziker deckt seinen Wärmebedarf vor allem mit der Abwärme aus dem benachbarten Serverraum der Stadt Zürich ab. Den Strom bezieht das Areal in Zürich Leutschenbach zu rund 25 Prozent aus Photovoltaikanalgen, die auf jedem Dach installiert sind. Im Hunziker, das vom BFE als Leuchtturm-Areal ausgewählt worden ist, wird zudem eine hohe Eigenverbrauchsquote des PV-Stroms erzielt. Das Basler Areal Erlenmatt West bezieht seinen Strom zu 90 Prozent aus Wasserkraft und zu 10 Prozent aus Windkraft. Der Wärmeenergiebedarf wird vollständig mit Fernwärme abgedeckt. Beim Areal Burgunder in Bern-Bümpliz tragen neben der vertragsgebundenen Fernwärme (Energie-Contracting) auch eine Pelletsfeuerung und solarthermische Anlagen zur Wärmeversorgung bei. Auch hier spielt Solarstrom eine wichtige Rolle: Die Dachfläche wird von Energie Wasser Bern gemietet und ist mit einer PV-Anlage ausgestattet.

Grosses Potenzial

Gebäude bieten grosses Potenzial

Gebäude verbrauchen hierzulande rund 40 Prozent des Gesamtenergiebedarfs. Ohne einen energieeffizienten Gebäudepark wären in der Schweiz also keine Energiewende und keine 2000-Watt-Gesellschaft möglich. Dieser Einsicht folgte der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA, als er den Effizienzpfad Energie ausarbeiten liess. Darin wird aufgezeigt, wie Gebäude zukünftig gebaut und genutzt werden können, um den Umstieg auf eine ressourcen- und umweltschonende Energieversorgung zu ermöglichen. Mit der Erweiterung des Fokus vom einzelnen Gebäude auf den Verbund von Bauten gemischter Nutzungen, den ein Areal darstellt, wird nun der nächste logische Schritt getan. Denn auf der Stufe Überbauung lassen sich viele Synergien nutzen. Sowohl die Versorgung mit als auch die Speicherung von Energie geschieht effizienter, wenn viele Einzelbauten zu einem Ganzen vernetzt werden. So werden in den nun zertifizierten Arealen etwa die Abwärme einzelner Gebäude oder die Fernwärme aus einer Kehrichtverwertungsanlage erst durch die Vernetzung rationeller eingesetzt.

Alltagsmobilität reduziert CO2

Ähnliches gilt für die Gestaltung der Alltagsmobilität. Dank ihrer Lage in sehr gut erschlossenen Stadtgebieten können die Überbauungen autofrei bzw. autoarm gehalten werden. Das hat auch Auswirkungen auf die Baukosten, denn der Aufwand für Autoeinstellhallen und öffentliche Parkplätze wird erheblich reduziert. Stattdessen werden vermehrt der öffentliche Verkehr und Carsharing-Angebote in Anspruch genommen. Das Ergebnis: Die Mobilität der Arealbewohner verursacht einen vergleichsweise tiefen CO2-Ausstoss, selbst wenn die von diesen absolvierten Personenkilometern nicht allzu drastisch unter den schweizerischen Mittelwert fallen.

Was ist möglich?

Diese Beispiele machen deutlich: Von einer energetisch nachhaltigen Arealentwicklung können Investoren, Eigentürmer und Nutzer gleichermassen profitieren. Dazu wird aber die Unterstützung von Gemeinden und anderen Akteuren unerlässlich, die die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen sollen. Das Potenzial ist auf jeden Fall gross: Eine Studie von Wüest & Partner im Auftrag des BFE schätzte, in der Schweiz sei es innerhalb von fünf Jahren möglich, 250 Areale mit so vielen Bewohnern wie der Stadt Winterthur nach den 2000-Watt-Zielen zu bauen.

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