Ein Leben ohne Stromanschluss: Die vierköpfige Familie Dössegger wohnt im ersten energieautarken Haus in Brütten. Im Interview erzählt sie, wie es sich in einer solchen Wohnung lebt.

Das Haus sieht von aussen ganz normal aus. Auch von innen. Und das Leben darin soll laut Bauherr unspektakulär normal sein. Und doch ist das Mehrfamilienhaus mit insgesamt neun Wohnungen, das in Brütten im Kanton Zürich steht, alles andere als normal. Es verfügt weder über einen externen Stromanschluss noch über einen Anschluss an eine Gasleitung. Es hat keinen Öltank und in den Wohnungen auch keine Cheminées. Dafür sind das Dach und die Fassade übersät mit Photovoltaik-Elementen, die die Wohnungen das ganze Jahr über mit Strom und Wärme versorgen (Mehr Infos in der Box unten). Funktioniert das ohne Komforteinbusse? Und wie lebt es sich in einer solchen Wohnung?

Familie DösseggerBild: Die vierköpfige Familie Dössegger wohnt im ersten energieautarken Haus in Brütten. (Quelle: Susanne Bucher.)

Das Ehepaar Rhode und Benjamin Dössegger sind im Mai 2016 mit ihrem Sohn Lias in eine 4.5-Zimmer Wohnung in diesem Haus eingezogen. Zwischenzeitlich ist ihr zweiter Sohn Tim zur Welt gekommen. Im Interview berichten sie von ihrem Leben ohne Stromanschluss.


Warum wollten Sie in dieses Haus einziehen?

Benjamin Dössegger: Wir haben eine grössere Wohnung gesucht. Das war der Hauptgrund, da müssen wir ehrlich sein.
Rhode Dössegger: Mein Mann fand das Projekt aber auf Anhieb sehr interessant. Nur ich war anfangs skeptisch.


Was waren denn Ihre Befürchtungen?

Er: Kalt duschen, frieren (lacht).
Sie: Ja, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Ich habe mich gefragt, wie das ohne Stromanschluss funktionieren soll. In der Schweiz scheint die Sonne ja nicht die ganze Zeit. Wir gingen ein paar Mal auf die Baustelle und als wir realisierten, dass wir uns eine Wohnung in diesem Haus leisten können, haben wir uns beworben.

Das Leben ist nicht anders, einfach viel moderner.


Lebt es sich in dieser Wohnung anders als in herkömmlichen?

Er: Das Leben ist nicht anders, einfach viel moderner. Speziell ist, dass wir viele technische Geräte haben, die spannend und lässig sind. Die Dusche zum Beispiel hat eine Wärmerückgewinnung. Ich bin total Fan von dieser Dusche. Sie ist ein Beispiel dafür, dass man kein «Ökofundi» sein muss, um Energie zu sparen. Bei dieser Dusche kann man mit sehr einfachen Mitteln sehr viel Energie zurückgewinnen.
Sie: Ich musste mich daran gewöhnen, dass die Raumtemperatur im Winter kühler ist. Die Wohnung hat zwar eine Bodenheizung, aber der Boden ist nicht warm.


Wie hoch war denn die Raumtemperatur im letzten Winter?

Er: Im Januar, als es so lange kalt war, hatten wir knapp über 20 Grad. Im Wohnraum geht das, da kann man einen Pullover anziehen. Aber wenn man aus der Dusche kommt, ist es manchmal etwas kühl, vor allem für die Kinder.
Sie: Wenn die Kinder baden, stellen wir deshalb einfach die Lüftung ab, weil diese sonst die warme Luft fortwährend abzieht. So bleibt der warme Wasserdampf im Raum.


Wart ihr im ersten Winter nicht wie auf Nadeln, ob euch die Energie ausgehen wird?

Sie: Nein, kein einziges Mal.
Er: Er war ja extrem kalt und es hatte zudem kaum Sonne. Es lag praktisch während des ganzen Monats Januar Nebel. So extrem habe ich das noch nie erlebt. Die Wohnung würde sich über das Fenster durch die Sonneneinstrahlung sehr gut aufwärmen, aber eben: Die Sonne blieb einen Monat lang weg. Kühler als 20 Grad wurde es aber nie.
Sie: In dieser Zeit mussten die Techniker die Waschmaschine und Geschirrwaschmaschine zwei oder drei Mal für kurze Zeit ausschalten. Sie hatten mit dem Langzeitspeicher noch nicht so viel Erfahrung und wussten nicht genau, wie weit der Wasserstoff reicht. Sie wollten einfach auf Nummer sicher gehen.
Er: Im Nachhinein ist es eigentlich beruhigend, dass die Energie trotz dieses kalten und sonnenarmen Winters gereicht hat, obwohl man 2016 erst im Mai mit dem Füllen des Wasserstofftanks begonnen hat. Dieses Jahr konnten sie die überschüssige Energie bereits ab dem Frühling speichern und so ist der Tank schon seit September voll.


20 Grad Raumtemperatur scheint mir doch eher kühl...

Sie: Nein, es ist angenehm. Der Körper gewöhnt sich daran. Wenn wir heute Freunde besuchen gehen, bekommen wir jeweils fast einen Hitzschlag.


Wie war der Sommer?

Er: Das war total lässig. Der Boden kann gekühlt werden. Die Wärmepumpe entzieht dem Gebäude über die Bodenheizung die Wärme. Somit war es immer schön kühl in der Wohnung.

Wenn man eine Pfanne auffüllen will, braucht es etwas Geduld.


Ihr habt ja alles besonders effiziente Geräte, merkt ihr hier einen Unterschied zu herkömmlichen?
 

Sie: Ja, bei den Wasserhahnen. Es sind Wassersparhahnen, die haben nur wenig Druck. Zum Glück trifft das auf die Dusche nicht zu.
Er: Wenn man eine Pfanne auffüllen will, braucht es etwas Geduld.


Macht ihr euch nie Sorgen, ob ihr zuviel Energie verbraucht?

Sie: Ich dusche sehr gerne lange und heiss. Duschen ist meine Erholungszeit. Am Anfang ging ich danach immer zum Tablet, um zu schauen, ob ich es übertrieben habe. Aber der Energieverbrauch war nie in einem kritischen Bereich.
Er: Jedenfalls nicht wegen dem Duschen. Wenn hingegen die Waschmaschine, der Tumbler und der Geschirrspüler laufen und man gleichzeitig duscht, badet, kocht und bäckt – dann jagt es den Energieverbrauch hoch. Aber das machen wir ja nicht jeden Tag.

Tablet an der WandBild: In jeder Wohnung zeigt ein Tablet an der Wand in Echtzeit, wie viel Energie gerade verbraucht wird. Zudem zeigt das Tablet auf, wie viel Prozent des täglichen, wöchentlichen und monatlichen Energiebudgets verbraucht werden. (Quelle: Susanne Bucher.)

Sie haben ja ein Energiebudget von 2200 kWh – also die Hälfte des Energieverbrauchs einer herkömmlichen 4.5 Zimmer Wohnung. Waren Sie schon mal über dem Budget?

Sie: Nein, wir sind praktisch immer darunter. Im Jahresschnitt sowieso. Der Verbrauch von allen Wohnungen liegt deutlich unter dem Budget. Und ich wasche wirklich viel.
Er: Ja, und der Geschirrspüler läuft manchmal zweimal am Tag. Aber wir schauen darauf, dass wir wenn immer möglich, Eco-Programme wählen, auch beim waschen. Dann geht es halt einfach länger.


Worauf achtet ihr sonst noch?

Sie: Ich tumblere nur noch Nuschis, Badetücher, Socken und Unterwäsche. Den Rest hänge ich auf.
Er: Das merkt man schon, wenn der Tumbler lange läuft. Aber selbst dann bleibt man im grünen Bereich.

Es ist ein ganz entspanntes Wohnen.


Wie habt ihr euch in dieser Wohnung persönlich verändert?

Sie: Wir sind energiebewusster geworden. Auch die Lichter brennen nicht mehr sinnlos.
Er: Aber das coole ist, du musst dich nicht ändern oder gross auf etwas verzichten. Gut, ich bade nicht mehr oft, aber das ist auch, weil ich die Dusche so toll finde.
Sie: Aber die Kinder baden, wann immer wir wollen.
Er: Häufig achte ich auch auf das Wetter. Wenn die Sonne scheint, denke ich: Aha, jetzt kann ich etwas stromintensiveres machen. Aber wenn es den ganzen Tag grau ist, würde ich jetzt eher rasch duschen gehen als zu baden.
Sie: Also darauf achte ich gar nicht. Es macht ja auch keinen Unterschied, ob die Sonne scheint oder nicht: Es funktioniert ja. Es ist ein ganz entspanntes Wohnen.


Wie oft schauen Sie auf das Tablet?

Sie: Ich gar nicht mehr.
Er: Ich täglich.


Sie müssen auf nichts verzichten?

Er: Nein, man muss wirklich auf nichts verzichten. Ich kann einstecken, wann ich will und was ich will. Natürlich könnte ich jetzt nicht im Winter eine Stunde lang den Heizlüfter laufen lassen, nur weil mir die Raumtemperatur zu niedrig ist.
Sie: Wenn man in solch einer Wohnung lebt, beginnt man sich automatisch für diese Thematik zu interessieren. Ich finde es mittlerweile richtig spannend und total lässig, dass wir Teil dieses Pionierprojekts sein dürfen. Wir wollen hier nicht mehr weg.

Das energieautarke Haus: So funktioniert es

Das energieautarke Mehrfamilienhaus ist ein Projekt der Umwelt Arena Spreitenbach und wurde gemeinsam mit Ausstellungspartnern realisiert. Im Juni 2016 wurde es im Beisein von Bundesrätin Doris Leuthart als Leuchtturmprojekt der Energiestrategie eingeweiht.

Die gesamte Hausfassade besteht aus Photovoltaikelementen mit Dünnschichtzellen. Das Dach ist mit Photovoltaikelementen mit kristallinen Modulen bestückt. Der so gewonnene Solarstrom wird einerseits direkt genutzt, andererseits wird die überschüssige Energie zwischengespeichert. Der Kurzzeitspeicher in Form einer Batterie schliesst Energielücken von zwei bis drei Tagen. In den Wintermonaten, vor allem im Dezember und Januar, werden längere sonnenarme Phasen mit dem Langzeitspeicher überbrückt. Dafür wird während den sonnenreichen Monaten überschüssige Energie in Wasserstoff umgewandelt (auch Power-to-Gas genannt), dieser wird gespeichert und bei Bedarf mittels einer Brennstoffzelle wieder in Strom umgewandelt.

Darüber hinaus müssen die Bewohner ihren Energieverbrauch tief halten, er liegt bei 2200 kWh für eine 4.5-Zimmer Wohnung. Eine durchschnittliche 4.5-Zimmer Wohnung verbraucht 4400 kWh. Haushaltgeräte und Beleuchtung mit der höchsten Effizienz machen das möglich. Zudem gibt ein Informationssystem den Bewohnern jederzeit Aufschluss über ihren aktuellen Energieverbrauch. Damit sollen die Mieter für einen bewussteren Umgang mit Energie sensibilisiert werden.

In der Ausstellung in der Umwelt Arena werden an einem Grossmodell der Aufbau des Hauses und die technischen Lösungen gezeigt. Themenführungen durch die Ausstellung mit Fokus auf das Projekt sind auch für Gruppen buchbar.

Zum nächsten Beitrag