Wir leben auf Kosten anderer Erdteile und künftiger Generationen, in Wohlstand und Konsumfreude, doch wie gesund und zufrieden sind wir? Der Mensch erholt sich gern in der Natur, wieso bevorzugt er jedoch das Leben in einer künstlichen Welt, industriellen Materialien und intelligenter Elektronik? Was wäre, wenn Ihnen zu Hause so wohl ist, dass Sie dabei nicht nur Energietanken, sondern täglich Ihre Gesundheit stärken und Lebensfreude gewinnen? Kein illusorischer Gedanke, wenn wir lernen MIT der Natur zu leben. Low-Tech statt High-Tech.

Im Schatten der konventionellen Planungs- und Bauwirtschaft entstehen ökologische Siedlungen resp. Lebensräume nach neuen „alten“ Prinzipien. Diese Projekte sind mehr und mehr als Inseln oder Pflanzentriebe auf einem zersiedelten, anonymen Beton- und Asphaltteppich aus Siedlungsbrei erkennbar. Neben dem Bewusstsein für die Auswirkungen des menschlichen Tuns auf das Klima und die endlichen Ressourcen unserer Erde, wächst das Interesse an lebens- und naturnahen Siedlungsräumen. Angekurbelt durch die politischen und gesetzlichen Vorgaben zu verdichteter und ressourcenschonender Bauweise, kommt zunehmend auch der Gesamtenergie-Bilanz von Gebäuden Aufmerksamkeit zu.

Die Gesamtenergie-Bilanz zeigt den gesamten Energiebedarf von der Herstellung über die Nutzung bis hin zur Entsorgung. Üblicherweise wird der Fokus bezüglich Energiebedarf allerdings nur auf den Bereich der Nutzung reduziert. Die dabei vernachlässigte „Graue Energie“ sowie die Entsorgung von Sondermüll respektive der Rückbau werden häufig ausgeblendet. Was unsere Vorhaben noch aus Mangel an industriellen Produkten und den bescheidenen finanziellen Mitteln zu innovativen und beständigen Bauten und Siedlungen umsetzten, wird heute durch moderne, ökonomische Kunststoffbauten und Haustechnikmaschinen ersetzt. Was wir wohl unseren Nachfahren überlassen, sind Energie- und Wirtschaftsabhängigkeiten, Umweltverschmutzung und Klimaprobleme, Verkehrschaos, industrielle Bauten sowie viel Sondermüll, Gentech-Pflanzen und Lebensmittelberge, unwirtliche Agglomerationen, globale Epidemien und Modekrankheiten.

Ökologische Siedlungsentwicklung und gesundheitsfördernde Bauten

Unsere Vorfahren gingen wesentlich nachhaltiger mit der Natur und der Umwelt um als unsereins in der Gegenwart. Der Wohlstand führt zu marktwirtschaftlichen Abhängigkeiten, die weitreichende Konsequenzen auf unsere Lebensqualität haben. Unser Leben und unsere Vitalität stehen unter Beeinflussung von vielen künstlichen Einflüssen mit problematischen Nebenwirkungen. Der moderne Mensch kapselt sich mehr und mehr von den natürlichen Lebensgrundlagen ab – und reagiert zusehends anfälliger auf viele Einflüsse von aussen (Krankheit, Stress).

Unser Alltag findet je länger desto mehr in einer künstlichen High-Tech-Umgebung aus unnatürlichen Industrie-Werkstoffen, künstlichem Licht, WLAN- und Funk-Bestrahlung, Polyurethan-Dichtstoffen, Gift- und Lösungsmitteln sowie Feinstaub, Komfortlüftungen und Klimaanlagen statt. Dank der genialen Anpassungsfähigkeit vom menschlichen Körper fällt dies vordergründig wenig ins Gewicht. Und wenn, dann nimmt dies die Wirtschaft als Anlass innovative Optimierungen zu entwickeln, um die auffälligsten Symptome zu entkräften – was wiederum den Kreislauf der Abhängigkeit fördert.

Wie wäre es, wenn Sie in einer naturnahen, gesunden Arbeits- und Wohnumgebung zu Hause sind?

Stellen Sie sich vor, Sie erwachen morgens in einem natürlichen Raumklima, sind voller Energie, Lebensfreude und Gesundheit. Draussen hören Sie Vogelgezwitscher statt Verkehrslärm und dies mitten in der Stadt. Sie teilen den Frühstückstisch mit anderen Menschen, mit Freunden, werden von Alt und Jung gegrüsst und geniessen das vielfältige, lebendige Ambiente „Ihres“ Quartiers. Für den Arbeitsweg benötigen Sie nur ein paar Minuten, vorbei an blühenden Bäumen und Pflanzen, an vielfältigen, bunten Fassaden und bekannten Gesichtern. Arbeiten, Wohnen und Erholen gehen dynamisch ineinander über, keine Nutzungstrennung, sondern eine praktische Symbiose, die Freude und Zufriedenheit generiert. Der Arbeitsplatz ist baubiologisch so konzipiert, dass Sie sich wohl- und inspiriert fühlen und Ihre Arbeitsleistung stimuliert wird. Zum Mittagessen wird im naturnahen Innenhof unter einem wunderbaren Laubdach getafelt. Die Lebensmittel stammen aus dem eigenen Bio-Garten oder dem Quartierladen und werden von Freunden liebevoll zu einem leckeren, gemeinsamen Mahl zubereitet. Ein buntes Miteinander, einfach und funktional, gehaltvoll und vertrauenswürdig – Kultur pur, täglich und in unmittelbarer Nähe, weil es zu Hause am schönsten ist. Während die Grossen noch diskutieren, vergnügen sich die Kinder längst auf dem Spielplatz und freuen sich auf die nächsten herausfordernden Projekte in der freien Lernwerkstatt, ohne industrielle Lehrpädagogik, Angst und Druck.

Ihr Heim verfügt weder über eine Heizung noch eine Kühlung und bietet trotzdem allzeit ein angenehmes Wohnklima.


Abends gönnen Sie sich im Café um die Ecke ein Feierabendbier. Man hat Zeit und Lust auf Spontanes und für Freunde und Beziehungen, kein virtueller Terminkalender prügelt Sie akustisch zum nächsten Meeting. Eine Siedlung wie eine grosse Familie, unkompliziert, offen und flexibel, man hilft einander und geniesst gemeinsam das Leben. Zum Abendessen findet sich Ihre Familie wieder zusammen. Gemeinsam mit anderen Leuten aus der Umgebung isst und hilft man sich danach beim Abräumen und Abwaschen. Irgendwann ziehen Sie sich schliesslich zurück in Ihre eigenen vier Wände, geniessen die Privatsphäre und schliesslich die Nachtruhe. Ihr Heim verfügt weder über eine Heizung noch eine Kühlung und bietet trotzdem allzeit ein angenehmes Wohnklima. Der Elektrosmog ist gering, die Schalldämmung funktioniert, die Wände sind atmungsaktiv und neutralisieren üble Gerüche natürlich und gewährleisten eine angenehme Luftfeuchtigkeit und dies alles ohne Energieaufwand.

Ein idyllisches Bild wird hier aufgezeigt und doch liegt darin viel Realität und Potenzial. Im städtischen Raum hat das Einfamilienhaus ausgedient, denn der Flächenverbrauch ist nicht mit dem haushälterischen Umgang mit den Bodenressourcen zu vereinbaren - es lebe das Mehrfamilien- und Mehrgenerationenhaus. Hier können Synergien genutzt, Energie, Kräfte und Kosten geteilt werden. Der Mensch benötigt für sein generelles Wohlbefinden, speziell in den verdichteten Agglomerationen, naturnahe Freiräume zum Atmen und eine offene, soziale Nachbarschaft für Austausch und Beziehung . Durch gemeinsame Nutzungen von beispielsweise Küche, Ess- und Wohnraum, Homeoffice-Infrastruktur, Wäschereinigung, Werkstätte, Spiel- und Atelierbereiche usw. lassen sich viel Raum und Kosten sowie Energie effizient reduzieren. Die Bewohner können sich, entsprechend ihren Fähigkeiten, bei Garten-, Haushalt-, Betreuungs- und Unterhaltsarbeiten engagieren und identifizieren sich dadurch mit Ihrem Quartier. Die gebündelten, individuellen Kräfte ergeben ein grosses, gemeinsames Feuer – voller Lebensfreude.

naturnah urban wohnenKombination aus architektonischer Zeitgeschichte im naturnahen, urbanen Raum.

 

Die Gebäude bestehen mehrheitlich aus natürlichen, mehrheitlich regionalen Materialien, keine spezifischen Hightech-Produkte oder –Infrastrukturen aus nirgendwo und überall. Weniger Materialmix führt zu einfacherem, kostenreduziertem Bauen und Bewirtschaften. Low-Tech ist einfacher zu handhaben und führt zu einer besseren Gesamtenergie-Bilanz gegenüber High-Tech-Systemen. Die Bauphasen und der Zeitpunkt der Nutzung von elektrischen Geräten beispielsweise richtet sich haushälterisch nach den natürlichen Gegebenheiten wie Tageslicht, Sonne sowie Trocken- und Wärmeperioden. Dadurch wird das Verhältnis zwischen ökologischem Fussabdruck einer Siedlung zur entsprechenden Biokapazität relevant verbessert. Statt die Abhängigkeit von der Natur durch Fortschritt und Technik voranzutreiben, gilt es von der Innovationskraft der Natur zu lernen und diese sinnhaft für unser Leben zu nutzen. Eigentlich ist die unermessliche Produktivkraft der Natur längst Vorbild für die moderne Wissenschaft, doch im Alltag wird sie trotzdem viel zu wenig eingesetzt.

Zum Beispiel ein Massivholzhaus ohne Beton, Bodenheizung, Photovoltaikanlage, künstliche Lüftung, Klimasystem, versiegelte Vorflächen verfügt über eine wesentlich bessere Gesamtenergie-Bilanz, ist gesünder und kostengünstiger als ein energie-autarkes High-Tech-Haus oder selbst ein konventionell gebautes Haus. Wieso dies nicht öfter zur Anwendung kommt, liegt wohl am fehlenden Lobbying, Marketing, Gesamtenergiebetrachtung oder Bewusstsein für Ökologie, am verstaubten Image oder am festen Glauben an die Moderne. 

Permakultur ist keine Alternative, sondern die überzeugende Lösung.

 

Durch die Verbreitung der ursprünglichen raumplanerischen Mischnutzung liegen Arbeiten, Wohnen und Erholung wieder nahe beieinander, das lokale Gewerbe wird gestärkt und die Mobilität bleibt in einem durchschnittlichen Rahmen. Beispielsweise die Verkehrsengpässe durch Pendler- und Freizeitströme werden entschärft, der Energiebedarf reduziert sowie die Zufriedenheit als auch die Gesundheit der betroffenen Menschen nimmt zu. Die überlasteten Verkehrseinrichtungen müssen nicht permanent erweitert werden und die Umweltbelastung wird gebremst, zudem nimmt die lebenswichtige Kultur auch im peripheren Raum generell wieder zu und die verantwortungsvolle, soziale Nachbarschaft fördert zudem die öffentliche Sicherheit. Die Wirtschaft wird nicht mehr von ein paar wenigen Grosskonzernen beherrscht und kränkelt kaum ist ein Mistral im Anflug, sondern lebt von der Vielfalt und Stabilität der unzähligen KMUs. Der Mensch erholt sich gut und gern in der Natur, wieso vertraut er trotzdem mehr der komplizierten Technik und bevorzugt das Leben in einer künstlichen Welt, Elektronischer Kontrolle respektive einer intelligenten Maschine, statt in einer einfachen, natürlichen Umgebung.

Durch den konkreten Einbezug von vielfältiger Pflanzen- und Tierwelt in unsere künstliche, technisierte und digitalisierte Lebens- und Arbeitswelt kann ein vitaler Raum entstehen. Wenn die eingangs erwähnten, einzelnen Insel-Projekte vernetzt zu einem vielfältigen, naturfreundlichen Teppich werden, dann wird neues Leben und neue Qualität entstehen. Durch diese Permakultur werden die Siedlungs- und Grünräume naturnah aufgewertet, es entsteht individuelles Bewusstsein für unsere Erde sowie den verantwortungsvollen Umgang damit, nach dem Motto: Soviel wie nötig und sowenig wie möglich. Low-Tech statt High-Tech ist mehr als ein Quantensprung bzgl. Innovation und Fortschritt. In unserem Leben gibt es dadurch wieder Raum für vielfältige Natur und natürliche Energiequellen wie Wasser, Luft, Sonne, Erde und Biomasse.

„Permakultur ist keine Alternative, sondern die überzeugende Lösung. Permakultur ist immer da, wo die beste Lösung für Nutzer und Umwelt gefunden wird.“ Jascha Rohr, IPG Institut für partizipatives Gestalten.

Bild: Stadt ZürichMFO Park Zürich Oerlikon (Bild: Stadt Zürich)
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