Gut eine Million Gebäude in der Schweiz wurden vor 1980 gebaut. Diese weisen einen relativ hohen Energieverbrauch aus. Im Gegensatz zum Gebäudebestand aus dieser Zeit produziert ein Plus-Energie-Haus mehr Energie als es verbraucht. Aus einem energieintensiven Haus aus den 1940er Jahren im Thuner Seefeldquartier ist ein Vorzeigeobjekt, Kraftwerk und Norman Foster Energie-Preisträger entstanden.

Das Thuner Seefeld-Quartier ist ein typisches Stadtvillen-Quartier, erbaut zwischen 1875 und 1930, wie es sie in der Schweiz viele gibt. Ein- bis Dreifamilienhäuser, schlecht isoliert und meistens mit Öl oder Erdgas geheizt. Bauherr Thomas Rudolf hat das zweigeschossige Haus erstanden und die Sanierung zum dreigeschossigen Plus-Energie-Haus veranlasst. 

Wenn man vor dem Haus steht, erkennt man rechts an der Hauswand die Gold-Plakette mit dem Norman Foster Solar Preis 2013. Die kleine Fläche zwischen der Schubertstrasse und dem Haus ist mit Steinplatten und Kies bedeckt und dient als Velo-Abstellplatz und Parkplatz. Darunter ist der Regenwassertank versenkt. Regenwasser wird in diesem Haus für die WC-Spülung und den Garten verwendet.

Der linken Hausmauer entlang gelangt man hinunter zum Kellereingang und damit zum Herzstück der Wärme-, Strom- und Wasserversorgung des Gebäudes. Hier sind der Warmwassertank und eine Waschmaschine untergebracht. Vor der Sanierung wurde einer der Kellerräume für den Öltank verwendet. Der Warmwassertank wird hauptsächlich über die thermische Solaranlage gespeist, die in Form von Vakuumröhren-Kollektoren und gleichzeitigem Geländer an der obersten Terrasse im Haus installiert ist.

An der Hauswand fällt ein kleiner Elektromotor auf, der von Zeit zu Zeit automatisch und nicht ganz geräuscharm den Betrieb aufnimmt. Dieses Gerät ist die Pumpe, die das Regenwasser bei Bedarf in die darüberliegenden Wohnungen transportiert. Dies bedingt zwei unterschiedliche Leitungssysteme in die relevanten Gebäudeteile und Nasszellen.

Solar Preis Plakette Regenwasserpumpe

Strom und Holz

Richtung Treppenhaus sind auf der linken Seite zwei gelbe SolarMax-Wechselrichter montiert. Diese bilden die Stromproduktion der beiden Photovoltaik-Anlagen ab. Die Wechselrichter teilen sich die Ost- und die Westseite des Daches, so dass beide immer die gleiche Last haben. Sie wandeln den produzierten Gleichstrom in Wechelstrom um, der dann ins öffentliche Netz eingespeist wird. Das Gebäude produziert über die beiden Dachflächen viel mehr Strom, als es selber benötigt. So gelingt es Thomas Rudolf, seinem Energielieferanten für rund 10’000 Franken pro Jahr Strom zu verkaufen.

Kurz hinter den Wechselrichtern in einer Nische steht ein Scheitstock samt Holzvorrat. Das Holz dient als Energiequelle in nebligen Herbst- und Frühjahrestagen und in sehr kalten Winterperioden als Brennmaterial für die kleinen Stückholzöfen, die in allen drei Wohnungen jederzeit für angenehme Wärme sorgen könnten. Obwohl das Haus ganz ohne konventionelle Heizung und Radiatoren auskommt, sind die Holzöfen selten in Betrieb.

Wohnung und Nasszellen

Das Treppenhaus ist mit Lehm verputzt. Auch hier wurden natürliche Materialien eingesetzt, die die Feuchtigkeit regeln, die Wärme speichern und nachts nach und nach wieder abgeben.

In der obersten Wohnung zeigen grosse, dreifach verglaste Fenster in Richtung Süden, welche die Wärme weit hinein lassen. Diese speichert sich in den Wänden und in einer auffälligen lamellenartigen Deckenkonstruktion aus Holz. Sensoren-gesteuerte Storen verhindern, dass es in der Wohnung zu warm wird.

Glasfassade und Terrasse sind so gebaut, dass der Dachgiebel im Sommer für das Wohnzimmer bei hohem Sonnenstand einen natürlichen Sonnenschutz darstellt. Aus der Nähe erkennt man die bereits beschriebenen Vakuumröhren-Kollektoren, die der Terrasse gleichzeitig als Geländer dienen und im Haus für warmes Wasser sorgen.

Die Nasszelle besteht aus Dusche, WC und Lavabo. Der Blickfang ist die Joulia-Dusche, die dem verbrauchten Duschwasser über eine zusätzliche Bodenwanne die Wärme entzieht und dem frischen Wasser wieder zuführt. Die Duschbrause ist selbsterklärend eine der sparsamen Art.

Der Wasserkasten der Toilettenspülung wird mit Regenwasser über die Elektropumpe im Keller gespeist. Sogar zum Wassermischer am Lavabo hat sich Thomas Rudolf Gedanken gemacht. Im Normalfall produziert der Mischer in der neutralen Position handwarmes Wasser. Das ist zwar angenehm, erzeugt aber auch unnötigen Energieverbrauch. Deshalb hat der Bauherr in diesem Fall die neutrale Position im Mischer für das Kaltwasser gewählt. Clever!

Bild: Martin Bichsel

Zum Schluss

Vom Garten aus erkennt man die grossen dreifach verglasten Fenster und die Vakuumröhren-Kollektoren an der oberen Terrasse, die das Warmwasser produzieren. Ebenfalls die beiden grossen Dachflächen mit der sauber verarbeiteten Photovoltaik-Anlage. Die Dachflächen neigen sich nach Osten und Westen mit dem Vorteil, dass die Photovoltaik-Flächen den Jahreszyklus der Sonne ausnutzen. So werden sie nicht überhitzt und garantieren Sommer und Winter die optimale Stromproduktion. Nicht zuletzt wird über die Dachrinnen das Regenwasser in den Tank geleitet, wo es für WC-Spülung und Garten zur Verfügung steht.

Das Haus ist darauf ausgelegt, dass über das Jahr betrachtet gut 180 Prozent des eigenen Energieverbrauchs produziert werden. Was für den glücklichen Hausbesitzer neben dem angenehmen Wohnen in einem schönen finanziellen Zustupf resultiert. Thomas Rudolf hofft, dass es ihm Viele gleich tun und von seinen Erfahrungen profitieren.

 

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