Der Rebound-Effekt und andere Tücken des Energiesparens

Die Wirkung von Energiesparmassnahmen fällt oft geringer aus als erhofft – im schlimmsten Fall steigt der Energieverbrauch sogar. Denn wer das Licht in ungenutzten Räumen ausmacht oder auf das Auto verzichtet, um seinen Energieverbrauch zu senken, vergisst gerne den sogenannten Rebound-Effekt.

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Wir kaufen Elektrovelos und Sparlampen, um unseren Energieverbrauch zu reduzieren. Wir stellen auf vegetarische Ernährung um, hängen die Wäsche zum Trocknen nach draussen und stecken Haushaltgeräte aus, die wir nicht benutzen. Doch oft geht bei alledem vergessen: Die Energieersparnis entspricht nicht einfach dem, was die Kaffeemaschine im Standby oder die Produktion eines Hamburgers sonst verbraucht hätte.

Einen entscheidenden Einfluss hat der sogenannte Rebound-Effekt, wie Steve Sorrell, Birgitta Gatersleben und Angela Druckman in der Fachzeitschrift «Energy Research & Social Science» schreiben.

Energieeinsparung wird im Alltag oft falsch berechnet

Die drei Wissenschaftler der britischen Universitäten Sussex und Surrey haben für ihre Studie Untersuchungen der vergangenen Jahre zu den Grenzen energiebewussten Verhaltens zusammengetragen und analysiert – die Grenzen des Bemühens um einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch also. Der Rebound-Effekt ist ein wichtiger und im Alltag häufig übersehener Faktor:

Der Rebound-Effekt bedeutet, dass wir mit energiebewusstem Handeln nicht nur Energie sparen, sondern in der Regel auch Geld oder Zeit – und beides fliesst früher oder später in andere Aktivitäten und Produkte, die ebenfalls Energie benötigen, direkt oder indirekt.

Vielleicht haben wir täglich die Musse, um Brot zu backen, seit im Homeoffice der Fahrtweg wegfällt. Vielleicht leisten wir uns einen neuen Kleiderschrank, weil wir den Töff verkauft haben. Wenn die Summe der CO2-Emissionen insgesamt sogar steigt statt abnimmt, spricht man auch von einem Backfire-Effekt – der Schuss geht also sozusagen nach hinten los. Tatsächlich ist beispielsweise der CO2-Ausstoss von Schweizer Neuwagen in den letzten Jahren trotz effizienterer Motoren, leichterer Materialien und einer Zunahme bei Elektroautos insgesamt gestiegen – weil sich Schweizer nun schwerere 4×4-Fahrzeuge leisten.

In ganz Europa waren Neuwagen 2019 fürs Klima kein Fortschritt, denn es fahren immer mehr schwere Fahrzeuge mit Allradantrieb herum. (Foto: Daimler)

Spillover-Effekt: Wenn gute Taten zu schlechten Taten berechtigen

Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Wenn sich Entscheidungen in einem Bereich auf das Verhalten in anderen Bereichen oder an anderen Orten auswirken, sprechen Wissenschaftler von einem Spillover- oder zu Deutsch Übertragungs-Effekt. Zum Beispiel: Weil wir zu Hause brav den Müll trennen, erlauben wir es uns in den Ferien, alles in denselben Eimer zu werfen. Dem Verhalten zugrunde liegt das Konzept des Moral Licensing: Bei energiebewusstem Verhalten spielt oft auch das schlechte Gewissen mit. Wir mässigen uns und verzichten nicht zuletzt, weil wir uns sonst schuldig fühlen würden. Der richtige Weg ist nicht unbedingt der bequemste. Unser Gewissen amtet quasi als Buchhalter: Je voller unser Konto vorbildlicher Taten ist, umso eher verzeihen wir uns auch einmal einen Fehltritt. Das hat besonders einschneidende Folgen, wenn der Energieverbrauch der guten Taten in einem ungünstigen Verhältnis zum Fauxpas steht, den wir uns gönnen – also zum Beispiel regelmässig das Altpapier zu bündeln als Rechtfertigung für den jährlichen Flug in die Ferien dient.

Recycling ist eine gute Sache – solange damit nicht der Langstreckenflug in den Sommerferien gerechtfertigt wird. (Foto: Michael Jin/Unsplash)

Den Spillover-Effekt gibt es aber auch unter positiven Vorzeichen: Haben wir erst einmal die Heizung in den ungenutzten Räumen tiefer gestellt, machen wir künftig vielleicht auch das Wasser aus, während wir uns in der Dusche einseifen, oder waschen Kleider mit 30 statt mit 60 Grad. Dieser positive Effekt tritt vor allem dann auf, wenn jemand aus Überzeugung umweltbewusst agiert und aus dem sozialen Umfeld für sein Handeln bestärkende Rückmeldungen erhält.

Weniger arbeiten, mehr Energie sparen?

Wieviel Energie jemand letztlich verbraucht, lässt sich weder anhand hehrer Wertvorstellungen noch aufgrund aufrichtiger Sorge um die Umwelt zuverlässig voraussagen. Das liegt gemäss den Autoren daran, dass wir häufig zu wenig über die tatsächlichen Konsequenzen unseres Handelns wissen und nicht selten auf Bereiche fokussieren, deren Wirkung eher bescheiden ist. Aufschluss über unseren Energiekonsum gibt vor allem das Einkommen:

Wer mehr Geld hat, lebt normalerweise in einer grösseren Wohnung, fliegt häufiger und nutzt das Auto mehr.

Besteht die Lösung für einen tieferen Energieverbrauch also darin, dass wir unser Arbeitspensum reduzieren beziehungsweise weniger Geld verdienen? Jein, befinden die Wissenschaftler. Da sich häufig nur wohlhabende Haushalte überhaupt so einen Schritt leisten können, besteht die Gefahr, dass die gewonnene Zeit für energieintensive Freizeitaktivitäten aufgewendet wird, zum Beispiel für längere Reisen in die Ferne.

Energieeffizienz und Energiesparen müssen zusammengehen

Wir können mit energiebewussten Entscheidungen trotz allem sehr wohl unseren CO2-Fussabdruck verringern, sind die drei Autoren überzeugt. Allerdings müssen wir uns dafür auf diejenigen Bereiche konzentrieren, in denen die Wirkung besonders gross ist und zwar auf mehrere gleichzeitig. Also:

  • weniger Auto fahren
  • weniger fliegen
  • weniger Fleisch essen

Energieeffizienz und Energiesparen, das ist inzwischen klar, müssen zusammengehen: Es reicht nicht aus, aufs Elektroauto umzusteigen – man muss auch weniger Fahrten damit unternehmen.


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