Solaranlage in Trun
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100 Prozent erneuerbare Energie für die Schweiz

Ist die Energiewende zu tragbaren Kosten möglich? Das erste Schweizer Atomkraftwerk ging Ende 2019 vom Netz, die übrigen vier werden dem Beispiel des AKW Mühleberg in den nächsten 5 bis 15 Jahren folgen. Effizienzsteigerungen und erneuerbare Energien müssen somit in absehbarer Zeit sämtliche AKW ersetzen.

Walter SachsWalter Sachs5 min

Neue AKW dürfen in der Schweiz nicht mehr gebaut werden und wären zudem auch zu teuer. Gaskraftwerke und andere fossile Energien sind aufgrund des CO2-Ausstosses ebenfalls keine Option, da sie den Pariser Klimazielen zuwiderlaufen, zu deren Einhaltung sich die Schweiz verpflichtet hat. Somit bleiben nur noch die erneuerbaren Energien und das Konzept der «Negawatt-Kraftwerke». Letztere sind energetisch gesehen am günstigsten, denn sie erzeugen keine Energie, sondern sorgen durch Effizienzsteigerungen dafür, dass weniger Energie produziert werden muss – zum Beispiel in der Industrie, mehr dazu weiter unten.

Welche Optionen hat die Schweiz für die Energieversorgung?

Der ungewisse Abschaltzeitpunkt der Atomkraftwerke sorgt für Unsicherheit in der Planung: gemäss den Entscheiden des Bundesrates laufen sie, «solange sie sicher sind». Mit dieser Ungewissheit mangelt es an Druck auf Gesellschaft, Elektrizitätswirtschaft und Politik, um rechtzeitig neue Kraftwerke aufzubauen, so dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Um eine übermässige Abhängigkeit von Stromimporten zu vermeiden, muss der Schweizer Kraftwerkspark aber laufend ausgebaut und modernisiert werden.

Die Energiewende ist machbar

Studien zeigen: Die Umstellung auf «100 % erneuerbar» ist machbar, finanzierbar und nachhaltig – und dies, obwohl wir vor enormen Aufgaben stehen:

Die Schweiz verbrennt und verfährt rund 1,3 Millionen Liter Erdöl pro Stunde. Zählt man die Raffinerie- und Transportverluste dazu, sind es gar circa 1,6 Millionen Liter pro Stunde – oder knapp drei Barrel Öl pro Sekunde. (Barrel à 159 Liter)

Interessanterweise ist dieser enorme Energiebedarf erst in den letzten 60 Jahren entstanden: Der Pro-Kopf-Energieverbrauch ist heute zweieinhalbmal höher als 1960, obwohl auch damals die Grundbedürfnisse der Bevölkerung gedeckt waren. Die Hauptverursacher dieser Vervielfachung sind die Mobilität, die Entwicklung des Gebäudeparks und die Konsumartikel. Ein Beispiel: Die motorisierte Individualmobilität und der Strassengüterverkehr hatten im Jahr 2017 einen Energieverbrauch von 55 TWh. Rund 80 % dieser Energie wurden in Wärme und lediglich 20 % in Bewegung umgesetzt. Setzt man hier konsequent auf Elektromobilität – mit einer Antriebseffizienz von 80 % und mehr –, dann reduziert sich der Energiebedarf im Mobilitätssektor in der Schweiz auf 15 TWh pro Jahr. Würde man zeitgleich statt auf immer grössere Fahrzeuge auf kleine und leichte Fahrzeuge setzen, wären der Ressourcenverbrauch und die notwendige Ladeinfrastruktur noch einmal deutlich kleiner.

Die Energiewende ist bezahlbar

Zusammengefasst: Die Energiewende wird schneller, preiswerter und ressourcenschonender gelingen, wenn nebst Umstellung auf erneuerbare Energien auch die Effizienz unserer Energienutzung massiv gesteigert wird. Aufgrund des knappen Zeithorizonts, der angesichts der dramatischen Klimaveränderungen noch bleibt, liegt es nahe, dass beim Umbau vor allem auf vorhandene, serienreife Technologien gesetzt werden muss. Der Ausbau der vorhandenen Potenziale reicht zusammen mit der existierenden Wasserkraft aus, um das Ziel «100 % erneuerbar in allen Sektoren» zu erreichen. Diese Energiewende ist auch finanzierbar. Der dazu notwendige Ausbau der Photovoltaik und der Windenergie, inklusive allfälliger Netzumbauten und Speicher, wäre nach Schätzungen der ZHAW mit einmaligen Kosten von rund 57 Milliarden Franken verbunden.¹ Diese Zahl scheint viel grösser, als sie ist. Zum Vergleich: Die Nationalbank machte 2017 einen Gewinn von 54 Milliarden Franken. Und wir geben pro Jahr 11,5 Milliarden Franken für fossile Energien aus – würden wir diese Gelder in den Ausbau der erneuerbaren leiten, wäre dieser Ausbau innerhalb von fünf Jahren finanziert. Danach hätten wir die Energie praktisch gratis. Denn der mit dem Umbau produzierte Strom fliesst nach der Abschreibung dieser Investition weiter und Brennstoffkosten würden nicht anfallen. Spätestens nach 10 bis 20 Jahren wäre die Energiewende so oder so amortisiert. Die Investition wäre also vergleichbar mit den 60 Milliarden Franken, welche die Eidgenossenschaft in der Finanzkrise 2008 für die Rettung der Grossbank UBS aufwenden musste, was sich unter dem Strich ausgezahlt hat. Auch die Energiewende hätte, wie alle Studien übereinstimmend feststellen, positive Auswirkungen für die Wirtschaft und nicht nur für die Umwelt.

Vom Profiteur zum Vorbild

Klar, die Schweiz alleine kann mit Massnahmen im Inland die Welt nicht retten. Aber als hoch entwickeltes Land steht sie – ethisch, moralisch und technisch – in der Verantwortung, beim Umbau der Energieversorgung voranzugehen und nicht hinterherzulaufen. Zumal die Schweiz durch «Energiepartnerschaften» auch mithelfen kann, in einem von der Grösse her vergleichbaren Partnerland die Energieproduktion auf «100% erneuerbar» umzustellen. In einer Energiepartnerschaft hätten wir eine Art Paten-Funktion: Im gleichen Masse, wie wir unser Land fit für die Zukunft machen, helfen wir auch dem Partnerland, seine Energieproduktion umzustellen. Dies wäre auch wirtschaftlich interessant. Notwendig sind dazu aber griffige Gesetze, bindende Absenkpfade mit realistischen Zwischenzielen, inklusive klarer Handlungsoptionen bei Nichterreichung. Dies insbesondere in Bereichen, wo die Idee der «Eigenverantwortung» nicht funktioniert, beispielsweise bei besonders energie- und umweltschädlichen Verfahren. Dass dieser Umbau nicht ganz reibungslos funktionieren wird und wir während der Umbauphase Feinjustierungen vornehmen und uns neu abstimmen werden müssen, ist klar. Es kann gelingen, wenn wir Partikularinteressen zurückstellen und den übergeordneten Gemeinschaftsinteressen – gerade auch der nachfolgenden Generationen – klar unterordnen.

Solarenergie

Über sehr grosses Potenzial verfügt die Solarenergie – in der Schweiz stellt sie das grösste ungenutzte Potenzial dar. Sie ist in den letzten Jahren zur preiswertesten Energieform mit Preisen zwischen acht und zwölf Rappen pro Kilowattstunde geworden. In Deutschland, wo grosse Freiflächenanlagen gebaut werden, liegen die kWh-Preise für neue Anlagen bei circa drei Rappen. Auch sind Solarkraftwerke die einzigen Energieproduktionsstätten, die schnell, dezentral und ohne langwierige Standortsuchen sowie Bewilligungsverfahren zugebaut werden können. Hier kann sich jeder Bürger und jede Bürgerin unkompliziert und direkt an der Energiewende beteiligen – sie wird nur gelingen, wenn alle mithelfen.

Bereits bestehende Wasserkraft ist in der Tabelle nicht berücksichtigt.

TechnologieBegrenzungKosten
ca. Rp./kWh
Potenzial
TWh/Jahr
PhotovoltaikStandortebei massivem Zubau: 6, heute: 10–1238–50
WindStandorte15–204
BiomasseVerfügbarkeit des vergärbaren Materials15–452
WasserkraftStandorte5–1515
Negawatt: Stromeffizienzkeine1–2515
Negawatt: Mobilitätseffizienz
(Umstellung auf E-Mobilität)
Fahrzeugpark1–2540
Negawatt: Gebäudeeffizienz
(Dämmung, alternative Heizsysteme, Raumtemperatur 20 statt 21–23 °C)
Gebäudebestand1–2535

Negawatt-Kraftwerke

Das Projekt «Negawatt statt Megawatt», ein interdisziplinäres Projekt der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, ist zum Ergebnis gekommen, dass in Schweizer Unternehmen der Energieverbrauch um 30 % gesenkt werden könnte. Trotz teils intensiven Bemühungen seitens Wirtschafts- und Umweltverbänden, Energieversorgungsunternehmen und Energiefachstellen von Kantonen und Gemeinden wurden diese beachtlichen Energieeinsparpotenziale bis heute erst ungenügend ausgeschöpft. Die ZHAW hat im Speziellen KMU mit einem Stromverbrauch zwischen 10 und 500 MWh pro Jahr betrachtet. Das technische Potenzial für Stromeinsparungen bei diesen KMU wird auf 5,7 TWh pro Jahr geschätzt, was 10 % des Stromverbrauches in der Schweiz entspricht. Mindestens zwei Drittel davon wären für die KMU schon heute wirtschaftlich umsetzbar, was einer Einsparung von 3,8 TWh pro Jahr entspricht.

Autor, Quellen und Links

Walter Sachs ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie SSES, Präsident des Verbandes unabhängiger Energieerzeuger VESE und Co-Geschäftsführer der Solar Campus GmbH.

Video zum Thema «Energiewende» der Uni St. Gallen

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Kommentare

  • Rolf von Arx

    06.06.2020 00:51:34

    Am besten sind Freie Energien, auch für die Landschaft und Umwelt. Was ist Freie Energie? Freie Energie sind Permanent Magnet Motoren, Druckluft Motoren, Wasserstoff-Brennstoffzelle, man kann auch diese verschieden Freie Energien Kombinieren, dazu kommt noch Hovercraft. Nicht Unbedingt gut sind Solarenergie, da Ihr zuviel Boden deformiert und die Windkraft passt nicht in die Landschaft, aber auf jedem Gebäude könnte man eines aufs Dach stellen, in kleiner Form Montieren, Wasserkraft Werke wird es auch bald keine mehr geben da zu wenig Wasser vorhanden, also bleibt nur noch Freie Energien.

  • Patrick Grimm

    06.06.2020 18:27:12

    Ich erachte die Investition in erneuerbare Energien eher als Hochrisikoanlage - Aus eigener Erfahrung

  • Markus Schellenberg

    18.06.2020 18:15:17

    Jede "Lösung", welche auf der Beibehaltung des aktuellen Lebensniveaus (Mobilität, Wohnfläche pro Person, Konsum etc) aufbaut, trägt nicht dazu bei, den Turnaroud zu schaffen. Sonnenkollektoren, Windräder und Elektroautos benötigen in der Herstellung viel Material und Energie. Sonnenpanels produzieren vor Allem im Sommer Strom, aber der Verbrauch ist im Winter viel höher (Wärmepumpen!!). Einzig Speicherseen taugen als Saisonspeicher für den Transfer der Energie vom Sommer in den Winter. Das Potenzial für neue solche Seen ist in der Schweiz jedoch weitgehend ausgeschöpft. Und dann gehts noch um Grundsätzliches: Die Aussage, dass Technologie allein die Lösung sei, ist gefährlich. Sie macht uns blind für die echten Probleme. Ohne eine neue Wirtschaftsordnung, welche nicht mehr auf Wachstum beruht, fahren wir unsere Lebensqualität in den Abgrund (und damit natürlich auch das Lebensniveau), ob mit oder ohne Technologie. Wenn (falls überhaupt) wir derseinst aufgrund einer echt nachhaltigen Gesellschaftsform eine Zukunft für die folgenden Gerationen entwickeln, dann wird Technologie ein Teil der Lösung sein.