Historische Entwicklung des Stromverbrauchs in der Schweiz

Heute drücken wir einen Schalter und der Raum wird mit Licht erfüllt. Vor 130 Jahren hätte dieses Phänomen noch Erstaunen und Beifall ausgelöst. Die Ausrufe «Zauber», «Magie» oder «Wunder» fielen nicht selten in diesem Zusammenhang.

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Bevor wir wach sind, klingelt bereits der Wecker, wir schalten das Licht an, kochen Kaffee oder Tee, öffnen den Kühlschrank. Nach der Dusche schnell Richtung Tram, ein kurzer Blick auf das Mobiltelefon verrät uns die Pläne für den Abend, angekommen bei der Arbeit rattert bereits die Maschine oder der Computer. Diese Aufzählung könnte endlos weitergeführt werden. Ein Leben ohne Elektrizität ist wohl für niemanden mehr vorstellbar.

Wie bei vielen Dingen von denen man täglich umgeben ist, wird einem aber nur selten bewusst, dass der Energielieferant Strom seinen Siegeszug vor noch nicht allzu langer Zeit begann und die Wohnzimmer von vielen uns heute umgebende älteren Menschen noch durch die Flammen von Gas und Öl erleuchtet wurden.

(Quelle: Bundesamt für Energie)

Entwicklung der Stromnutzung bis 1915

Das Hotel Kulm in St. Moritz kann bis heute von sich behaupten, in der Schweiz das erste Etablissement gewesen zu sein, das durch ein eigenes, kleines Kraftwerk seine Säle beleuchtete. 1879 wurde dort mit dem Ziel, vermögende Gäste anzulocken, die erste elektrische Beleuchtungsanlage in Betrieb genommen.

Der Speisesaal des Hotel Kulm in St. Moritz 1879. Das erste beleuchtete Etablissement der Schweiz. (Quelle: Hotel Kulm, nzz.ch)

Die Schweiz befand sich bis Ende des 19. Jahrhunderts in einer Vorreiterrolle in der Stromversorgung und bis 1910 konnte sie den weltweit grössten Stromverbrauch pro Kopf aufweisen. Die Elektrizität hatte ihren durchschlagenden Erfolg ihrer sofortigen Verfügbarkeit über grosse Distanzen hinweg zu verdanken.

Dass der Strom über grosse Entfernungen hinweg transportiert werden konnte, machte aus einem Luxusgut ein Allgemeingut.

Energia, 5.2013

Der Tourismus, die öffentliche Hand und später auch die Industrie zählten zu den treibenden Kräften hinter dieser Entwicklung. Zehn Jahre nach dem Hotel Kulm bestanden 351 Anlagen, die 52‘000 Lampen in der ganzen Schweiz mit Strom betrieben, im Jahr 1933 bereits 13.2 Millionen. Die Wachstumsraten in der Stromproduktion überstiegen diejenigen aller anderen europäischen Länder. Im gleichen Tempo entwickelte sich die Elektrifizierung der Fabriken. Wurden in der Schweiz 1895 nur in der Wollindustrie mehr als 10% der Maschinen mit Strom betrieben, nutzten im Jahre 1937 bereits über 90% aller Industriesektoren Strom in der Produktion.

Dies war unter anderem eine Folge des 1. Weltkrieges und dem daraus resultierenden Schweizer Willen zur Verringerung der Energieträgerabhängigkeit (vor allem Kohle) aus dem Ausland. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einigten sich dazumal auf eine gemeinsame Stossrichtung bezüglich Elektrifizierung und Strom wurde für eine immer breitere Bevölkerung verfügbar.

Von da an erhöhte sich der Anteil der Elektrizität langsam aber stetig. Ein schweizweit allumfassendes Netzwerk an privaten und öffentlichen Elektrizitätswerken und Kraftwerken sowie ein zunehmend weiter verzweigtes Stromnetz versorgten immer mehr Menschen. Die Schweiz mit ihren hohen Niederschlagsraten und den Alpen konnte vor allem aus der Wasserkraft ein enormes Stromproduktions-Potential schöpfen.

Die Bevölkerung partizipierte an der neuen Energie mehr und mehr auch in den Haushalten. Das aufkommen von Wärmeapparaten (Bügeleisen, Kochherd, Heizkörper, Boiler, etc.) bescherte vielen Haushalten erste elektrifizierte Annehmlichkeiten.

Entwicklung des Stromverbrauchs 1945 bis 1990

Ab 1945, nach dem 2. Weltkrieg, erhöhte sich die Nachfrage nach Elektrizität weiter. Der wirtschaftliche Boom ab den 1960er-Jahren und das stetige Bevölkerungswachstum beförderte die Nachfrage nach Energieträgern und allein der Stromverbrauch pro Kopf verdoppelte sich in der Schweiz zwischen 1950 und 1970 von 2054 kWh auf über 4000 kWh und bis 1990 sogar auf fast 7000 kWh.

Mit den ersten, bereits dazumal umstrittenen Atomkraftwerken Beznau 1969/1971 und Mühleberg 1971, sollte der zunehmenden Nachfrage auch langfristig nachgekommen werden. Die Atomkraftwerke in Leibstadt 1979 und Gösgen 1984 kamen hinzu und 1990 wurden bereits 46’578 GWh Strom produziert, was einen Verbrauch pro Kopf von 6939 kWh ausmacht. Eine Verdreifachung seit 1950.

Bis ins Jahr 2012 war die Industrie grösster Strom-Endverbraucher. Ab den 70er-Jahren zeigte sich jedoch auch bei der Nachfrage nach Strom die wirtschaftliche Sektorverschiebung, weg von der Industrie hin zum Dienstleistungssegment.

Der Dienstleistungssektor, aber auch die Haushalte, hatten ab den 60-Jahren die grössten Zuwachsraten was den Strom-Endverbrauch betrifft. So steigerte der Dienstleistungsbereich ihren Verbrauch zwischen 1975-1980 um 90% und die Haushalte sogar um 106%. Bei den Haushalten kamen immer mehr neue Geräte hinzu. Tumbler, Tiefkühler, Waschmaschinen und Heizstrahler befanden sich zunehmend in Privatbesitz und wurden erschwinglich. Ab Anfang der 90-Jahre zeichneten sich die Haushalte bereits für 30% des Strom-Endverbrauchs verantwortlich, die Dienstleistungsbetriebe für 25%, die Industrie für 34% und der Verkehrssektor für 8%.

Von 1960 bis 1990 verzeichnete die Schweiz eine Vervierfachung des Strom-Endverbrauchs.
Schweizer Haushalte sind mit Elektrogeräten gut ausgestattet. Von 1970 bis 1995 war bei vielen Gerätekategorien noch eine deutliche Zunahme festzustellen. Ausnahmen sind Staubsauger und Bügeleisen, die schon vor 1970 sehr beliebt waren. Abgenommen haben lediglich Elektroboiler.

Stromverbrauch 1990–2015: Stabilisierung auf hohem Niveau

Seit den 1990 bis 2015 hat der Strom-Endverbrauch der Schweiz noch einmal um rund 11’700 GWh bzw. um 25% zugenommen. Der Verbrauch lag 2015 bei 58’246 GWh was einem Verbrauch pro Kopf von 7033 kWh entspricht. Die Entwicklung des Stromverbrauchs wurde vor allem durch das Bevölkerung- und Wirtschaftswachstum getrieben.

Der Pro-Kopf-Verbrauch hat sich nach einer starken Zunahme seit den 1950er-Jahren, ab den 1990er-Jahren und bis heute in absoluten Zahlen stabilisiert. Dieser bewegte sich ab 1990 stets zwischen 6900 kWh und 7700 kWh. Die von Jahr zu Jahr beobachtbare Variabilität des Stromverbrauchs hängt stark von den Witterungsverhältnissen in den betrachteten Jahren ab. Kalte, lange Winter erfordern mehr Energie als kurze und laue. Witterungsbereinigt ist jedoch seit den 1990er-Jahren eine weitere Zunahme des Verbrauchs pro Kopf zu erkennen.

Diese Stabilisierung scheint beachtlich und trotzt einem enormen Aufkommen der Informationstechnologien wie Computer, Laptops, etc. in unseren Haushalten und Büros. Effizienzgewinne der jeweiligen Geräte konnten eine stärkere Zunahme des Strom-Endverbrauchs pro Kopf etwas abfedern. Die Informationstechnologien begründen auch  die Verschiebung der Verbrauchsanteile nach Verbrauchergruppe am Strom. Im Jahr 2015 waren die Haushalte mit 32,2% die grösste Verbrauchsgruppe. Die Industrie benötigte rund 30,9% des Gesamtendverbrauchs und der Dienstleistungssektor 27,1%. Der öffentliche Sektor bleibt bei rund 8% und der Landwirtschaftssektor bei 1,7%–2%.

Beachten Sie auch unseren zweiten historischen Beitrag zum Thema «Stromverbrauch – Entwicklung in Europa».


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